Donnerstag, 14. November 2019

Das erste türkische "Volksauto" wird wohl ein Elektro-SUV "Das wird ein Auto für die Türkei, nicht für Übersee"

Auto-Bestseller nach Neuzulassungszahlen: Das sind die Lieblingsautos der Türken
Fiat

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei den Kommunalwahlen gerade eine heftige Wahlschlappe erlitten. Wirtschaftlich steht die Türkei schon länger unter Druck. An einem Projekt hält der Präsident aber fest: Bis 2021 soll es in der Türkei eine eigene inländische Automarke geben. Das "Nationalauto"-Projekt, von Spöttern auch gerne als "Erdo-Auto" bezeichnet, wird von einem Konsortium aus fünf türkischen Unternehmen vorangetrieben. Geführt wird die Holding von einem CEO, der jahrzehntelang für Bosch gearbeitet hat. Wie die Pläne für die eigene türkische Automarke vorankommen und welche Hürden es noch gibt, erklärt der Chef des türkischen Autozuliefererverbands, Alper Kanca.

manager-magazin.de: Herr Kanca, starten wir mit einer grundsätzlichen Frage: Weltweit gibt es Dutzende Autohersteller, die von günstigen Neuwagen bis hin zu Oberklasse-Fahrzeugen alles abdecken. Warum braucht die Türkei da noch eine eigene inländische Automarke?

Alper Kansa
  • Copyright: Taysad
    Taysad
    Alper Kanca, 55, ist Präsident des türkischen Auto-zulieferer-verbandes TAYSAD (420 Mitglieder, die 25 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaften) und Unternehmer. Der studierte Betriebswirt mit Abschluss der Wiener Wirtschaftsuniversität führt einen von seiner Familie gegründeten Zuliefererbetrieb mit 600 Mitarbeitern, der auf die Schmiede- und Metallteilbearbeitung spezialisiert ist. Seit 2016 steht er zudem an der Spitze des Brüsseler Verbands Euroforge, einer Vereinigung der europäischen Metallschmiede-Betriebe.

Alper Kanca: Zwar betreiben viele große Autohersteller Werke in der Türkei. Daimler, Ford, Fiat und Toyota produzieren im Land, jährlich werden in der Türkei 1,5 Millionen Autos hergestellt. Aber der Wunsch nach einer eigenen Automarke hat eine lange Historie. Neuwagen sind in der Türkei wegen hoher Steuern eher teuer. In der Türkei kommen 150 Fahrzeuge auf 1000 Menschen, in Deutschland sind es 550 Fahrzeuge. Wir haben also einen großen Nachholbedarf. Wenn wir ein nationales Auto bauen, das preislich günstig ist, würden sich viel mehr Türken einen Neuwagen leisten können.

Wie weit sind in dem Nationalauto-Projekt bereits türkische Zulieferer involviert?

Im Februar haben an einer unser Konferenzen auch ein Vertreter des Nationalauto-Konsortiums teilgenommen. Er hat die Zulieferer zum ersten Mal eingeladen, mit ihm in Kontakt zu treten. Seit einem Monat sprechen unsere Mitglieder mit dem Konsortium. In ein paar Monaten werden unsere Mitglieder wissen, für welche Teile sie in Frage kommen.

Können Sie ein paar Eckdaten zu dem geplanten Wagen nennen?

Aus mehreren Meetings mit Vertretern des Nationalauto-Konsortiums habe ich ein paar Informationen zusammengetragen. Das erste Modell wird ein rein batteriegetriebener SUV, also ein Elektroauto. Wie günstig der Wagen sein wird, ist noch offen. In der Türkei sind Neuwagen aber doppelt so teuer wie in Deutschland - nicht wegen des Einkaufspreises, sondern wegen der Besteuerung. Der türkische Staat sieht Autos als Luxusgüter. Im vergangenen Jahr begann der Staat, die Steuern für Elektroautos zu senken. Letztlich wird man wohl die Steuern für E-Autos so weit heruntersetzen, dass das Nationalauto für den durchschnittlichen türkischen Verbraucher günstiger sein wird als etwa ein neuer VW Golf mit Verbrennungsmotor.

Folgen Sie Wilfried Eckl-Dorna auf Twitter

Wer ist die Zielgruppe für das erste Modell? Sind das eher Metropolenbewohner - oder Menschen in ländlichen Regionen?

Das wird sicherlich kein Landauto, sondern ein Stadtauto für die türkische Mittelschicht und etwas darunter. Das sind Leute, die über ein Haushaltseinkommen zwischen 1000 und 1800 Euro pro Monat verfügen.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung