Tom Zhu Teslas Troubleshooter steigt zum Musk-Stellvertreter auf

Seit der Twitter-Übernahme hadern Investoren mit einem angeblichen Führungsproblem bei Tesla. CEO Elon Musk verzettle sich, was zum massiven Kursverfall beigetragen hat. Seit Kurzem gibt es nun einen Stellvertreter. Kann er die Probleme lösen?
Steile Karriere: Nach nur einem Jahr bei Tesla übernahm Tom Zhu das China-Geschäft – inzwischen ist er Musks direkter Stellvertreter

Steile Karriere: Nach nur einem Jahr bei Tesla übernahm Tom Zhu das China-Geschäft – inzwischen ist er Musks direkter Stellvertreter

Foto: SUN YILEI / REUTERS

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Ein Tesla-Handelszentrum Anfang Januar in China: Dutzende Menschen stürmen die Filiale, einige halten Schilder in der Hand und skandieren: "Gebt das Geld zurück!" Ähnliche Protestszenen sind auch auf anderen Videos zu sehen, die erst in den chinesischen Netzwerken und später auf Twitter viral gingen. Nach plötzlichen Preissenkungen des Autobauers in der Volksrepublik reagierten die Tesla-Käufer wütend. Sie forderten nachträgliche Rabatte und Gutschriften für Verträge, die sie kurz zuvor unterschrieben hatten.

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Tesla reagierte zwar beruhigend, erklärte die Preisrückgänge mit der Entspannung in den Lieferketten nach dem Ende des scharfen Corona-Lockdowns im Land. Doch so richtig rund läuft es in China nicht, wo Tom Zhu (45) die Geschäfte für Tesla führt. Der Absatz der in der Gigafactory Shanghai hergestellten Fahrzeuge ist im Dezember um fast die Hälfte eingebrochen und war damit so niedrig wie seit fünf Monaten nicht mehr. Die heimische Konkurrenz durch Anbieter wie BYD, Xpeng oder Nio holt auf. Insgesamt hat Tesla sein Auslieferungsziel für 2022 deutlich verfehlt. Ein weiterer Belastungsfaktor für die ohnehin schon gebeutelten Tesla-Aktie .

Und doch ist ausgerechnet Tom Zhu einer der größten Hoffnungsträger für Tesla. Konzernchef Elon Musk (51) beförderte den bisherigen China-Chef mitten in den Wirren zum obersten Manager des Unternehmens – nach sich selbst natürlich. Zhu ist damit Musks Stellvertreter, die Nummer zwei bei Tesla. Er verantwortet künftig nicht nur das China-Geschäft des Elektroautobauers, sondern hat die Aufsicht über die weltweite Produktion und Auslieferungen. Das geht aus einem Organigramm hervor, das der Agentur Reuters  vorliegt. Tesla selbst äußerte sich nicht zu Zhus neuer Rolle.

Die Frage ist: Kann er die Probleme des Autobauers lösen? China ist ja längst nicht das einzige Problem, wo die massiven Preissenkungen immerhin den Absatz im Januar wieder angekurbelt haben. Seit der Tesla- und SpaceX-Chef Musk im vergangenen Jahr auch den US-Konzern Twitter übernahm und damit einen weiteren CEO-Posten, droht ein Führungsproblem bei Tesla. Investoren und Analysten äußerten öffentlich Bedenken, dass Musk nun abgelenkt sei und wichtige Projekte bei Tesla nicht mehr wie gewohnt vorantreiben könne. Ist Tom Zhu also die Lösung? Dazu lohnt ein näherer Blick auf dessen Laufbahn.

Wer ist Tom Zhu?

Der gebürtige Chinese, der gleichzeitig neuseeländischer Staatsbürger ist, arbeitet seit 2014 bei Tesla. Nach seinem Informatik-Bachelor an der neuseeländischen Auckland University of Technology und einem MBA an der Duke University in North Carolina, USA, heuerte er zunächst als Projektmanager bei einer internationalen Ingenieursberatung an und beriet expansionswillige chinesische Firmen. Während eines Einsatzes in Libyen und dem Sudan, wurde er dem damaligen Chef der globalen Elektro-Ladeinfrastruktur bei Tesla vorgestellt, Cal Lankton, der ihn später einstellte.

Zhu sollte sich um den Aufbau von Teslas Ladestationen in China kümmern. Danach folgte eine steile Karriere. Bereits am Ende seines ersten Jahres bei Tesla stieg er zum Leiter des China-Geschäfts auf; Ende 2019 wurde er zum Vizepräsident und Chef für den Großraum China befördert. Zu seinen bisherigen Erfolgen bei Tesla zählt, dass er Ausnahmen von den Verkehrsbeschränkungen für Tesla-Autos in Großstädten wie Peking erzielte. Auch einen Adapter, der Stromern ermöglicht mit einem überarbeiteten chinesischen Ladestandard zu laden, wurde unter Zhu entwickelt. Beide Maßnahmen trugen zu einer regelrechten Explosion der Verkäufe von Tesla in China bei.

Der Feuerlöscher

In der Öffentlichkeit hält sich Zhu bislang weitestgehend zurück. Die wenigen Videos und Berichte, die es von ihm gibt, zeichnen das Bild eines loyalen Managers. Er gilt als unauffälliger Typ, trägt Kurzhaarschnitt und bevorzugt Fleecejacken mit Tesla-Logo. Er soll in einer staatlich subventionierten Wohnung leben, die ihn im Monat angeblich weniger als 300 Euro kostet und nur zehn Autominuten von der Gigafactory in Shanghai entfernt ist.

Im Konzern fungiert Zhu gewissermaßen als Feuerlöscher, er kümmert sich um die schwierigen Fälle. So wurde er mit seinem Team noch im vergangenen Dezember aus China in die USA eingeflogen, um die Produktionsprobleme in den Werken in Texas und Kalifornien zu beheben. Dies löste bereits Gerüchte aus, dass Musk ihn auf eine größere Rolle vorbereitet – zumal Teslas Verwaltungsratsmitglied James Murdoch (50) zuvor gesagt hatte, das Unternehmen habe kürzlich einen potenziellen Nachfolger für Musk identifiziert, ohne allerdings einen Namen zu nennen.

Lebt und arbeitet in der Firma

Was Musk sicherlich beeindruckt haben dürfte, ist Zhus Arbeitsethos. Er gehörte angeblich zu den ersten Tesla-Mitarbeitern, die während des zweimonatigen Lockdowns in Shanghai in der Fabriken schliefen. Seine Mission: den Betrieb unbedingt am Laufen halten. Er bat Tausende von Arbeitern und Zulieferern darum, dauerhaft in der Fabrik zu bleiben. Wochenlang lebten und arbeiteten sie in den Werkshallen. Durch dieses "Closed Loop"-System gelang es, nach 22 Tagen Stillstand der Bänder, die Produktion in Shanghai teilweise wieder aufzunehmen. Musk lobte Zhu und dessen Team später dafür, rund um die Uhr zu arbeiten.

Sein Arbeitstag beginne in der Regel gegen 6 Uhr morgens, sagte Zhu 2022 einmal in einem Interview. So könne er seine nordamerikanischen Kollegen noch erreichen, bevor die sich für den Abend abmelden. Dann fahre er zur Fabrik, manchmal in Fahrgemeinschaften mit anderen Mitarbeitern, die im selben Gebäudekomplex wohnen. "Es ist eine tolle Atmosphäre", schwärmte Zhu über sein Verhältnis zu den Kollegen. In den Werkstätten wird er häufig bis nach Mitternacht gesehen, E-Mails und Nachrichten beantworte er prompt zu jeder Tageszeit, heißt es von Kollegen.

China ist Teslas zweitwichtigster Markt

Es bleibt abzuwarten, ob Zhu die Probleme in China nun abermals in den Griff bekommt. 710.000 Fahrzeuge hat Tesla im vergangenen Jahr in China produziert – das entspricht der mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion des Konzerns. Gemessen an den Verkäufen ist China Teslas zweitwichtigster Markt hinter den USA.

Auf jeden Fall lässt die Beförderung Zhus darüber spekulieren, welche Ziele das Unternehmen mit dem Schritt verfolgt. So könnte Musk versuchen, mit Zhu als seinem Stellvertreter die Anleger und Investoren zu besänftigen, tatsächlich Verantwortung abgeben und damit den Forderungen nach mehr Balance in der Konzernführung nachkommen. Zhus Beförderung könnte aber auch taktische Gründe haben, um die chinesische Staats- und Parteiführung auf Teslas zu ziehen. Das könnte auch bei künftigen Protesten hilfreich sein.

dri mit Nachrichtenagenturen
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