Mittwoch, 8. April 2020

Elektromobilität Teslas Vorsprung - Model 3 zerlegt

Tesla zeigt der Konkurrenz technologisch die Rücklichter: Im Bereich der Elektronik soll das Unternehmen einem Medienbericht zufolge sechs Jahre voraus sein

Toyota und Volkswagen verkaufen jeweils rund zehn Millionen Autos pro Jahr, Tesla schaffte 2019 weniger als 400.000. Trotzdem hat der kalifornische Hersteller offenbar einen großen Technologievorsprung. Das geht aus einem Bericht der japanischen Tageszeitung "Nikkei Asian Review" hervor, die ein Tesla Model 3 zerlegen ließ.

Dabei fiel vor allem ein Teil auf: Die integrierte, zentrale Steuereinheit des Wagens, der "full self-driving computer". Das auch als Hardware 3 bekannte Bauteil gilt als eine der Geheimwaffen des Herstellers. Das Modul, das im letzten Frühjahr auf den Markt kam und in allen neuen Model 3, S und X steckt, enthält zwei maßgefertigte, 260-Quadratmillimeter-Chips für künstliche Intelligenz.

Tesla entwickelte das Teil, das neben den Fahrassistenten des Wagens auch das Infotainment-System steuert, "Nikkei" zufolge inklusive der nötigen Software selbst. Ein Ingenieur eines japanischen Autoherstellers erklärte nach der Untersuchung des Computers gegenüber der Zeitung erstaunt: "Wir würden das nicht hinbekommen."

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Der kalifornische Hersteller, der Volkswagen im Januar erstmals beim Börsenwert überholt hatte, hat dem Bericht zufolge auch bei der Elektronik einen Vorsprung von sechs Jahren. Eine Elektronikplattform mit einem starken, zentralen Computer gilt als entscheidend für zunehmend selbstfahrende Fahrzeuge. Industrieinsider erwarten diese Technologie der "Nikkei Asian Review" zufolge jedoch nicht vor 2025 in den Fahrzeugen der Konkurrenz.

Viele Steuergeräte für viele Funktionen

"Tesla hat einen Technologievorsprung, vor allem im Bereich der Elektronik", sagt auch Peter Fintl von der Technologie- und Innovationsberatung Altran. Diesen genau zu beziffern, sei jedoch schwierig. Bisher habe jede Funktionsgruppe im Auto ein eigenes Steuergerät, erklärt Fintl. Dadurch können die Hersteller sie unabhängig voneinander entwickeln und Zulieferer mischen. Je komplexer die Modelle werden, desto mehr Steuergeräte werden nötig - in der Oberklasse zwischen 80 und 100.

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"Die brauchen nicht nur Platz, sondern Updates können praktisch nur in Werkstätten aufgespielt werden", sagt Fintl. "Die Zukunft gehört Autos, die von der Software aus gedacht werden, wie zum Beispiel die Modelle von Tesla." So tragen die meisten Teile im Model 3 auch keine Schriftzüge eines Zulieferers, sondern ausschließlich das Tesla-Logo, bis hin zu kleinsten Teilen in den Steuergeräten.

Das spricht dem Nikkei-Bericht zufolge dafür, dass die Kontrolle über die Entwicklung beinahe aller Schlüsseltechnologien im Auto bei Tesla selbst liegt - während traditionelle Hersteller auf ihre gewachsenen Lieferketten Rücksicht nehmen müssen.

Auch Audi und VW setzen auf zentralen Rechner

Die kompakte Elektroniklösung könnte damit etablierte Lieferketten der Autoindustrie aus den Angeln heben und das Verhältnis von Herstellern und Zulieferern neu ordnen. "Der Verteilungskampf in der Industrie ist in vollem Gange", sagt Technologieberater Peter Fintl.

Tesla habe nicht nur früh auf mobile Updates gesetzt, sondern auch gezeigt, dass es möglich und sinnvoll sei, die Bauteile, die das automatisierte Fahren möglich machen, selbst zu entwickeln, so der Experte. "Aber auch Audi und VW gehen künftig diesen Weg, so setzt Volkswagen bei seiner neuen Elektro-Plattform auf einen zentralen Rechner."

Doch auch hier bleibt ein entscheidender Unterschied zwischen den klassischen Herstellern und dem US-Emporkömmling: So setzen die traditionellen Hersteller auch bei ihren zentralen Rechnern derzeit auf Zulieferer, so Fintl. "Tesla ist hier im Vorteil, da man dort nicht nur das Design der Hardware beherrscht, sondern auch die zentralen Elemente wie Prozessoren und Chips für maschinelles Lernen selbst entwickelt."

Dieser Unterschied liege an einer anderen Denkweise, die Tesla auch zum Technologievorsprung verholfen habe. "Hersteller denken in Ökosystemen mit Zulieferern und Standards, damit alle Bauteile reibungslos zusammen funktionieren", sagt Technologieberater Fintl. Neue Standards festzulegen, dauere aber Jahre.

Für Tesla seien diese dagegen egal, da die Entwickler auf eigene Systeme setzen, die nicht mit anderen kompatibel sein müssen. "Tesla muss in der Entwicklung also auf niemanden warten", bilanziert Fintl.

ene/spon

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