"Serienfertigung" des Model 3 startet Von wem Tesla jetzt Gefahr droht

Von Bertel Schmitt
Von Bertel Schmitt
Deutschlands Autobauer stecken tief im Diesel-Schlamassel, der E-Auto-Rivale aus Kalifornien trumpft auf und greift mit dem Model 3 erstmals auch im Massengeschäft an. Doch Vorsicht ist geboten: Die Tesla-Story ist nicht so makellos, wie sie scheint. Gefahr droht Elon Musk ausgerechnet von einem Deutschen.
Eher Vorserie als Serie: Elon Musk präsentiert die ersten Exemplare des Model 3

Eher Vorserie als Serie: Elon Musk präsentiert die ersten Exemplare des Model 3

Foto: Andrej Sokolow/ dpa

Die deutsche Autoindustrie hat Grund, sich in Dankbarkeit vor Tesla-Chef Elon Musk zu verneigen: Bis Freitagnacht war Deutschlands einstige Vorzeigebranche in Sachen Dieselkrise noch von einer schlechten Nachricht ("Audi tauscht halben Vorstand aus") zur anderen ("Bosch beteiligt an Abgasskandal") getaumelt, da kam pünktlich zum Samstagmorgen endlich die Erlösung.

Mitten in der Nacht nach deutscher Zeit wurden in Kalifornien 30 handgefertigte Exemplare von Teslas lang erwartetem Model 3 an ebenso viele Werksangehörige ausgeliefert. Die Schmach Deutschlands trat in den Hintergrund - zumindest medial und vorübergehend. Bei Tesla  dagegen ist es anders herum. Jetzt sind alle Augen auf Tesla gerichtet - und dort hat der Ärger gerade erst begonnen.

Bertel Schmitt
Foto: Bertel Schmitt

Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen. 40 Jahre lang war er der Kopf hinter dem "Merkheft" von Zweitausendeins. Der gebürtige Bayer lebt in Tokio, arbeitet für das Onlineportal TheDrive und betreibt zusammen mit seinem Partner Ed Niedermeyer den Industrie-Blog Dailykanban.com .

Seit Samstag verdrängen Musk und seine 30 batteriebetriebenen Vorserienmodelle die Herren Müller, Zetsche und Krüger sowie ihre Defeat-Device-bestückten Dieselfahrzeuge aus den Schlagzeilen. Was die deutschen Autobosse und ihre PR-Berater ausnahmsweise mal vollinhaltlich begrüßen dürften. Eine kurze Atempause für die Sorge, dass Dieselgate und Car-Kartell den Ruf der Marke "Made in Germany" dauerhaft beschädigen könnten.

Sogar in Deutschland stand es schlagzeilenmäßig am Sonntag 3:1 für Musk und seine 30 Autos, obwohl uns Wolfsburg, Stuttgart und München näher liegen als Fremont, Kalifornien. Selbst "Bild" sprach ausnahmsweise nicht zuerst mit dem Toten, sondern "fuhr das begehrteste Auto der Welt ." Mit im Bild: "Bild"-Reporter Hauke Schrieber, demütig kniend vor Elon Musks neuer Wundertat, dem Model 3. Was soll's, dass es vorher bei der zehnminütigen Probefahrt hieß: "Fotografieren verboten. Mögliche Macken dieser ersten Autos, die hier in Fremont vom Band rollen, sollen nicht um die Welt gehen."

Von wegen Serienfertigung - beim Model 3 hat eher die Vorserie begonnen

Schon die Plattitüde mit dem "vom Band rollen" war überrissen. "In der Anfangszeit werden die Fahrzeuge fast vollständig handgefertigt sein", sagte Gartner-Analyst Mike Ramsey meinem Kollegen Alan Ohnsman bei "Forbes ". Vermutlich deshalb waren bei der Tesla-Feier auch keine Pressekameras in den Werkshallen erlaubt. Nichts war es mit dem obligatorischen Schuss auf die neuen Autos, die beim feierlichen Produktionsanlauf durch einen lichtüberströmten Endabnahmetunnel rollen, hinauf auf wartende Laster und dann ab zum Händler.

Teslas angebliche Serienfertigung läuft im Kriechgang. Ganze 50 Autos wurden gebaut, seit am 7. Juli das erste "Serienfahrzeug" des Model 3 vorgestellt wurde. In einer ordentlich laufenden Serienfertigung rollen etwa 50 Autos pro Stunde vom Band.

Was bei Tesla momentan passiert, kennen Automobilexperten unter dem Begriff "Vorserie". Das ist eine durchaus wichtige Phase für einen von Anfang an mackenfreien Produktionsbeginn. Nur eben vorher.

Vor einigen Wochen saß ich mit Wolfgang Ziebart zusammen , Europas Anti-Musk. Ziebart arbeitet zurzeit intensiv an der Vorserie des Jaguar i-Pace, ein Elektroauto, das Ziebart wenn nicht als "Tesla-Killer", dann doch als "Tesla-Bezwinger" verstanden haben will. Der 66-Jährige ist kein Auto-Novize wie Musk. Er war Entwicklungschef bei BMW , ging dann zu Continental , war Chef des Chipherstellers Infineon , bis ihn der Magnetismus des Autogeschäfts zu Jaguar zog.

Ziebarts i-Pace wurde, ähnlich wie Teslas Model 3, 2013 geboren, bei einem Abendessen mit Jaguar-Chef Ralf Speth. Die Prototypen des i-Pace wurden ziemlich zeitgleich mit denen des Model 3 fertig, im Februar dieses Jahres. Warum kann der Tesla jetzt "vom Band" laufen, während man sich bei Jaguar bis "Anfang 2018" (so die offizielle Sprachregelung) Zeit lässt?

Warum sich Jaguar mit dem i-Pace mehr Zeit lässt als Tesla

Warum sich Jaguar mit dem i-Pace mehr Zeit lässt als Tesla

Ziebart erklärt, welche Arbeiten bei einem professionellen Autobauer in dieser Phase noch anstehen: "Ungefähr ein Jahr vor Produktionsanlauf ist der Prototyp fertig, ein Fahrzeug, das vollständig aus Serienteilen besteht. Dann gibt es etwa 3000 verschiedene kleine Punkte, die alle für sich genommen keinen Grund dafür darstellen, das Fahrzeug nicht anlaufen zu lassen. In Summe erreicht es aber nicht die Qualität, die der Kunde erwartet.

Man muss nun in unglaublicher Detailarbeit diese 3000 Punkte abarbeiten. Hier passt das Teil nicht richtig, hier kommt es nicht so aus dem Werkzeug heraus, wie es eigentlich sollte, hier ist etwas wellig, das gerade sein sollte. Nicht jedes Problem ist mit dem ersten Schuss zu lösen, deshalb dauert es einfach die entsprechende Zeit."

Wenn's nicht klappt, sind halt die Tesla-Zulieferer schuld

In der Autoindustrie werden die während dieser Zeit hergestellten Fahrzeuge später eingestampft. Bei Tesla wurden sie vor laufender Kamera ausgeliefert. Und Tesla steht vor einem weiteren Problem: Das Unternehmen habe eine halbe Million Vorbestellungen, sagte Elon Musk bei der Feier. Ursprünglich hatte er vollmundig schon für 2018 eine Jahresproduktion von 500.000 Einheiten angekündigt. Beim Festakt für sein Model 3 relativierte er das Ziel dann etwas in "hoffentlich 10.000 Autos pro Woche Ende 2018".

Falls das nicht klappen sollte, hat Musk die Schuldigen schon ausgemacht: die bösen Zulieferer. Die rund 10.000 Einzelteile des Model 3 kämen zu zwei Dritteln aus Nordamerika "und der der Rest aus allen Ecken der Welt", so Musk. Und man wisse ja, alle Räder stünden still, wenn der Lieferant nicht will.

Teslas Fabrik ist noch nicht fertig - und auch Musk erwartet eine "Höllentour"

Um die halbe Million Einheiten pro Jahr schaffen zu können, braucht Tesla eine völlig neue Produktionsanlage, und deren Baufortschritt hält Tesla wohlweislich unter Verschluss. "Wenn man dann noch ein ganz neues Werk hat, das erst anlaufen muss, und wenn es bisher keine Möglichkeit gab, die Mitarbeiter vorher an einem Volumenfahrzeuge zu trainieren", erklärt Ziebart, "dann muss man noch mehr Zeit einplanen."

Tesla hat zwar noch keine neue Produktionsanlage, aber schon Ärger mit den Werkern. Am selben Tag, als Tesla seine 30 Model 3 auslieferte, übergaben mehr als 400 Tesla-Arbeiter eine Petition , die bessere Arbeitsbedingungen und mehr Transparenz verlangt.

Musk sprach von einer "sechsmonatigen, vielleicht noch längeren Höllentour" durch die Fegefeuer-Stationen des Produktionsanlaufs. Gnade den Ungeduldigen, die als erste ihre 1000 US-Dollar an Tesla schickten für einen vorderen Platz in der Model-3-Warteschlange. Es erwartet sie nach Ziebarts Rechnung ein Auto mit womöglich 3000 Macken.

Warte, warte noch ein Weilchen

Im Laufe des Wochenendes stellte sich die angeblich angelaufene "Serienfertigung" dann endgültig als grober Unfug heraus. Die "Fortune"-Redaktion hatte am 31. März 2016 eine Vorbestellung das Model 3 abgegeben. "Fortune" tippte jetzt die Bestellnummer in eine neue Tesla-Web-App ein , die annäherungsweise den Zeitpunkt der Auslieferung bestimmt. Frühestens sei das Auto zwischen November 2017 und Januar 2018 zu erwarten, heiß es in der Rückmeldung - vorausgesetzt, das Fahrzeug wurde mit Heckantrieb und einer leistungsstärkeren Batterie bestellt (Fahrzeugpreis: 49.000 US-Dollar). Auf das 35.000 Dollar teure Basismodell müsse man sich bis Januar oder gar März nächsten Jahres gedulden. Die Allradvariante sei erst zwischen September und November 2018 zu erwarten. Wer im Ausland wohnt, muss sich noch länger gedulden, stellte ein Kanadier im Tesla-Forum fest .

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Die Tesla-Fighter der Autokonzerne in Genf: Strom-Schläger: Diese Modelle sollen Tesla (bald) Paroli bieten

Foto: BMW

Wenn die ersten Model 3 mit Doppelmotor endlich an ihre zukünftigen Besitzer gehen, wird Ziebarts i-Pace schon seit Monaten verkaufsbereit sein und serienmäßig beim Händler stehen - auch mit Allrad. Die Produktionshölle erspart Ziebart sich und seinen Kunden.

Außerdem muss Jaguar auch keine neue Montagelinie in Betrieb nehmen wie Tesla. Der i-Pace wird bei Magna-Steyr in Graz gebaut. Dort hat man als langjähriger Auftragsfabrikant von Daimler  und BMW schon ziemlich viel Erfahrung mit Produktionsanläufen.

Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen und schreibt als Meinungsmacher für manager-magazin.de. Wie bei den anderen Meinungsmachern auch, gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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