Reines Kamerasystem Tesla liefert neue Autos ohne Radarsensoren

Bei der Hardware für autonomes Fahren rüstet Tesla radikal ab: Die Modelle 3 und Y haben in Nordamerika ab sofort keine Radarsensoren mehr. Allein mit Kameras soll das System den Namen "voll autonomes Fahren" verdienen - ein krasser Gegensatz zum Rest der Branche.
Noch mit Fahrer: Tesla-Chef Elon Musk auf dem Weg zur Werksbaustelle in Grünheide Mitte Mai

Noch mit Fahrer: Tesla-Chef Elon Musk auf dem Weg zur Werksbaustelle in Grünheide Mitte Mai

Foto: ODD ANDERSEN / AFP

Der US-Elektroautohersteller Tesla kündigt eine Neuerung für seine Fahrzeuge in Nordamerika an. Die Modelle 3 und Y würden dort ab sofort als erste Version ohne Radarsensoren für teilautomatisiertes Fahren ausgeliefert, teilte das Unternehmen mit . "Dies werden die ersten Tesla-Fahrzeuge sein, die sich allein auf Kameravision und neuronale Netzverarbeitung verlassen, um Autopilot, voll autonomes Fahren und bestimmte aktive Sicherheitsfunktionen zu bieten."

Der Übergang zu dem neuen System "Tesla Vision" könne aber zu vorübergehenden Einschränkungen bei einigen seiner Fahrerassistenzfunktionen wie beispielsweise der Fahrspurzentrierung und der Einparkhilfe führen. Beispielsweise funktioniere der Spurhalteassistent jetzt nur mit größerem Mindestabstand und einer Höchstgeschwindigkeit von 75 Meilen pro Stunde (rund 120 km/h). Diese Funktionen würden aber nach einigen Wochen per Softwareupdate wieder in der gewohnten Qualität zur Verfügung gestellt. Die Modelle 3 und Y seien wegen der höheren Verkaufszahlen für diesen Versuch ausgewählt worden. So könne das Unternehmen schneller Daten sammeln, um das System zu optimieren und später auch in den selteneren Modellen S und X anzubieten.

Tesla-Chef Elon Musk (49) hatte bereits im März den baldigen Verzicht auf Radarsensoren angekündigt, die im Vergleich zu Kameras weiter entfernte Objekte erkennen können. Stattdessen setze er auf "Pure Vision": Tesla solle zum autonomen Fahren ausschließlich auf Kamerabilder und deren Deutung durch Algorithmen vertrauen. Diese künstliche Intelligenz müsse so gut entwickelt werden, dass das Auto auch in seltenen Risikofällen genauso gut entscheidet wie ein menschlicher Fahrer. Das Straßensystem sei ja schließlich für optische Erkennung entwickelt worden, argumentiert Musk. Helfen soll dabei die seit dem vergangenen Herbst in Nordamerika getestete neue Tesla-Software für dreidimensionale, dynamische Bilderkennung.

Weiterhin auf Level 2 statt Level 5

Über weitergehende technische Hilfsmittel hatte sich Musk schon oft negativ geäußert. Lidar-Sensoren, die mit Laserstrahlen funktionieren, würde er "nicht einmal geschenkt" nehmen. Vielen gilt diese Technik als Voraussetzung für voll autonomes Fahren. Die bei Roboterautos führende Alphabet-Tochter Waymo setzt auf Lidar, ungeachtet der zurzeit noch hohen Hardwarekosten. Selbst das Sammeln von Kartendaten hält Tesla für unnötig.

Tesla war in den vergangenen Monaten wegen Unfällen im Zusammenhang mit seinem Autopilot-System wiederholt in die Kritik der US-Regulierungsbehörden geraten. Das System reagiere schlecht in unvorhergesehenen Situationen. Der Marketingbegriff "Autopilot" gilt zudem als irreführend, weil er Fahrer dazu verleiten könnte, der eigentlich als Fahrassistenzsystem angelegten Software die Kontrolle über das Fahrzeug zu überlassen.

Mit der aktuellen Version legt Tesla noch nach: Der Name FSD steht für "Full Self-Driving", also voll autonomes Fahren. Mehrfach suggerierte Musk, damit erreiche Tesla noch 2021 autonomes Fahren des Level 5, auf dem gar keine menschlichen Eingriffe mehr nötig sind. Gegenüber der kalifornischen Verkehrsbehörde allerdings räumte das Unternehmen ein , dass auch FSD noch immer dem aktuell möglichen Level 2, also einer teilweisen Automatisierung, entspreche. Tesla-Fahrer müssen ihre Fahrzeuge weiterhin permanent überwachen und im Notfall eingreifen.

ak/Reuters
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