Elektroauto- und Batteriefabrik in Brandenburg Teslas deutsche "Gigafactory" wird weder "öko" noch "giga"

Kurzbeschreibung von Teslas Antrag zur Baugenehmigung für sein Werk im brandenburgischen Grünheide

Kurzbeschreibung von Teslas Antrag zur Baugenehmigung für sein Werk im brandenburgischen Grünheide

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Elektroauto-Fabrik in Brandenburg: So sieht es auf Teslas größter Europa-Baustelle aus

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Bei dieser Tankstelle geht die Mittagsruhe offenbar über das Geschäft, von Besuchern scheint der Betreiber derzeit nicht viel zu halten. "Fahrräder anlehnen verboten" und "Betreten der Baustelle verboten" steht am leicht verwitterten Holzzaun einer Tankstelle im brandenburgischen Freienbrink. Von Bauarbeiten ist zwar nichts zu sehen, doch auch der Zugang zum Tankstellengebäude ist an diesem Mittwochmittag Anfang Januar nicht möglich: Die Eingangstür ist versperrt, der Weg zur Außentoilette mit einem Zaun abgeriegelt. Aus seinem weißen Zweckbau stürmt ein Mitarbeiter erst, als er den Besucher mit Fotokameras erblickt. Dann befiehlt er barsch, die Fotos zu löschen, und drängt Besucher mit Drohgebärden vom Gelände.

Dabei dürfte die Tankstelle bald häufiger Besuch bekommen. Nur 700 Meter entfernt stampft der Elektroautohersteller Tesla seine europäische Batterie- und Autofabrik aus dem Boden, die der Konzern selbst als "Gigafactory Berlin" bezeichnet. Das Werk soll bereits im Juli 2021 den Betrieb aufnehmen. Dafür muss Tesla erstmal 155 Hektar Wald abholzen lassen. Täglich werden Dutzende Lkw Baumaterial liefern, und einige Fahrer dürften wohl auch in der neben der Tankstelle liegenden Trucker-Stube vorbeischauen.

Welche Dimensionen das Werk haben wird und was das für die Bewohner der Region bedeutet, zeigen die umfangreichen Unterlagen für die Bau-Vorprüfung, die bis Anfang Februar an vier Orten in Brandenburg öffentlich ausliegen. manager magazin hat sich Teslas Pläne im Rathaus von Grünheide angesehen.

Die Dokumente füllen fünf Aktenordner und verraten, worauf der US-Autokonzern zumindest im ersten Bauabschnitt verzichtet: Auf eine eigene Ökostromproduktion etwa und überraschenderweise auch auf die Fertigung von Lithium-Ionen-Batteriezellen.

Was Teslas Brandenburger Werk vom Werk in Nevada unterscheidet

Denn in den Plänen findet sich kein Hinweis darauf, dass Tesla in seinem Werk in Grünheide Photovoltaikanlagen auf das Fabrikdach setzen und so selbst CO2-frei Strom erzeugen will. Bei Teslas "Gigafactory 1" in der Wüste von Nevada war ein Solardach zur Stromerzeugung von Anfang an vorgesehen - auch wenn sich Tesla mit der Errichtung des Daches länger Zeit ließ.

Allerdings will Tesla auf dem Gelände in Grünheide ein eigenes Erdgaskraftwerk errichten. Erdgas werde für den Schmelzprozess in der Gießerei, Trockenöfen und Lackieranlagen sowie für die zentrale Heizungsanlage benötigt, heißt es in den ausliegenden Plänen.

Elektrische Energie im Umfang von 109 Megawatt will Tesla laut den Beschreibungen offenbar zukaufen. Ob Tesla dabei ausschließlich auf Ökostrom setzt oder nicht, lässt sich den Projektbeschreibungen nicht entnehmen. Für seine erste "Gigafactory" in Nevada hat Tesla auf seiner Website  eine andere Zielrichtung ausgegeben: Das Batteriewerk in Reno werde überhaupt keine fossilen Brennstoffe nutzen und im Endausbau ein Netto-Nullenergiegebäude sein. Davon ist bei Teslas deutschem Werk zumindest in der ersten Bauphase keine Rede.

Kein Solardach - und auch keine eigene Fertigung von Lithium-Ionen-Zellen in Grünheide

Die Aktenordner enthalten neben detaillierten Beschreibungen der Fabrikbestandteile auch Prognosen zu Emissionen und eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Bei Durchsicht fällt noch ein weit wichtigeres Detail in den Beschreibungen auf: Die Fläche für die Batteriefertigung in dem Werk ist vergleichsweise klein dimensioniert. Sie soll rund ein Viertel des Obergeschosses einnehmen, zeigen die Pläne. Dort werden "aus angelieferten Batteriezellen in einer Reihe von Fertigungsschritten die Fahrzeugbatterien hergestellt", heißt es etwa an einer Stelle.

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Tesla plant also im ersten Bauabschnitt keine eigene Fertigung von Lithium-Ionen-Zellen in Grünheide. Nachfragen von manager magazin zur möglichen Ökostromerzeugung im Werk Grünheide und den Batteriezellplänen ließ Tesla zunächst unbeantwortet und erklärte dann, aktuell zu Fragen rund um die Gigafactory keine Stellung nehmen zu wollen.

Entscheidung gegen eigene Zellenfertigung - wie auch in Shanghai

Keine Antwort gab es von Tesla auch auf die Frage, woher die in Grünheide verarbeiteten Batteriezellen angeliefert werden und von welchem Lieferanten sie stammen. Die Sprecherin schloss aber nicht aus, dass in den nächsten Bauabschnitten der Fabrik auch eine Batteriezellenfertigung in Grünheide hochgezogen wird.

Die vorläufige Entscheidung gegen eine eigene Zellenfertigung verwundert auf den ersten Blick. Denn Teslas Ansatz bei seiner ersten "Gigafactory" in Nevada ist es, durch die eigene Zellenfertigung im industriellen Maßstab die Kosten für die teuren Batterien zu drücken.

Allerdings ging der Autobauer bereits für seine vor wenigen Wochen eröffnete chinesische "Gigafactory" von diesem Grundsatz ab: In seinem Shanghaier Batterie- und Autowerk lässt sich Tesla ebenfalls zunächst von chinesischen Zulieferern Zellen liefern, eine eigene Akkuzellenfertigung ist aber für die Zukunft geplant.

Hoher Zeitdruck - auf eigene Zellfertigung wird zunächst verzichtet

Der Verzicht auf eine eigene Zellenfertigung zum Produktionsstart hat auch mit Zeitdruck zu tun: Denn Tesla gibt sich bei seinen neue "Gigafactory"-Werken nur rund ein Jahr zwischen Grundsteinlegung und Produktionsbeginn. Für das Hochziehen einer Zellfertigung, deren Produktionsmaschinen aufwändig kalibriert werden müssen, ist das wohl zu knapp bemessen.

Zudem hat sich das Verhältnis zwischen Tesla und seinem Zellenfertigungspartner Panasonic in den vergangenen Monaten merklich abgekühlt - in China soll sich Tesla deshalb nach anderen Partnern für die Zellenproduktion umsehen.

90 Hektar sollen frühzeitig gerodet werden

Teslas neues Werk in Brandenburg wird damit zumindest im ersten Bauabschnitt in zwei Aspekten weniger "giga", als es sein Name suggeriert: Bei einer möglichst CO2-armen Produktionsweise und bei der Integration sämtlicher für ein Elektroauto notwendiger Bestandteile unter einem Dach. Ob und wann eine Lithium-Ionen-Zellenfertigung nach Brandenburg kommt, dazu hält sich Tesla noch bedeckt. Dabei würden für die Zellenfertigung aktuell hohe EU-Förderungen winken.

Ein kleiner Wurf wird das Werk aber auch nicht, wie die Unterlagen zeigen. Das Hauptproduktionsgebäude wird rund 744 Meter lang und 312 Meter breit sein, heißt es in den Unterlagen. Es wird eine Grundfläche von insgesamt 380.000 Quadratmetern einnehmen. Eine Fläche von 90 Hektar will Tesla dafür frühzeitig roden lassen, also bis Ende Februar und noch vor Genehmigung des Bauantrags, der frühestens Anfang März möglich ist. Grund für die Eile ist der Vegetationsbeginn, heißt es in den entsprechenden Anträgen.

Fast 500 Lkw sollen das Werk täglich ansteuern - und 6 Güterzüge

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Im Endausbau soll das Werk jährlich bis zu 500.000 Autos produzieren, gefertigt werden sollen in Brandenburg die Kompaktlimousine Model 3, der künftige Kompakt-SUV Model Y sowie künftige Modelle. Insgesamt 12.000 Arbeitsplätze verspricht Tesla selbst in seinem "Antrag auf Genehmigung einer Neuanlage für das Vorhaben 'Gigafactory Berlin'".

Täglich sollen 463 Lkw das Werk mit Nachschub versorgen, heißt es in der mit eingereichten Umweltverträglichkeitsprüfung, und täglich auch sechs mit Tesla-Elektroautos beladene Züge das Werk verlassen. Laut Tesla werden pro Schicht 2828 Fahrzeuge mit Mitarbeitern zur Fabrik fahren - und das drei Mal innerhalb von 24 Stunden.

Sorge der Anwohner um Emissionen - und um die Fledermäuse

Auf die 8000-Einwohner-Gemeinde Grünheide (Mark) rollt also wohl bald einiges zu. Dafür habe der Ort nicht die Straßen-Infrastruktur, warnt ein junger Bewohner im Gespräch. Dabei sei Grünheide doch auch recht gut ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden, in einer halben Stunde sei man per Regionalexpress in Berlin.

Am meisten sorgen sich die Bewohner um den Grundwasserspiegel und mögliche Emissionen des Werks, meint ein Mitarbeiter des Tourismusamtes, der nun im Rathaus für die öffentliche Zugänglichkeit der fünf Tesla-Ordner sorgt. Für Sorgen über etwaige Emissionen "sind wir zu alt", befindet dagegen ein älteres Ehepaar, dass sich am Mittwochnachmittag die Tesla-Unterlagen ansieht. Sorge macht ihnen dagegen, ob die im Wald ansässigen Fledermäuse vor der Rodung auch fachgerecht umgesiedelt werden.

Rohbau alleine kostet 650 Millionen Euro

Tesla wird für das insgesamt 300 Hektar große Areal, das als Industriegelände ausgewiesen und noch großteils mit Nadelbäumen bewachsen ist, 41 Millionen Euro bezahlen. Das Land Brandenburg hat den Grundstücksverkauf an Tesla vor kurzem in wesentlichen Teilen durchgewinkt. Aktuell wird in dem Gelände die für die erste Rodung vorgesehene Fläche abgesteckt. Der Minenräumdienst hat das Gelände bereits überprüft, Arbeiter haben bereits eine erste Schneise in das Gelände geschlagen. Die sei für Lkws gedacht, heißt es auf Nachfrage. Die Bahngeleise an der Ostseite des Areals sind offenbar seit Jahren ungenutzt und wirken verrostet - Tesla wird also noch einiges an Arbeit in das Gelände stecken müssen.

Und wohl auch einige Barmittel: Als Errichtungskosten sieht Tesla 1,065 Milliarden Euro für den ersten Bauabschnitt vor. Alleine 650 Millionen Euro soll der Rohbau kosten. Indirekt dürfte der Fiat-Chrysler-Konzern einen Gutteil der Baukosten finanzieren, berichtete das Nachrichtenportal Bloomberg vor kurzem. Denn der italienisch-amerikanische Autobauer überweist Tesla in einer Art CO2-Ablasshandel rund 1,8 Milliarden Dollar bis 2023, um Tesla-Elektroautos auf die FCA-Verbrennerflotte anrechnen zu können und damit die strengeren CO2-Grenzwerte der EU zu schaffen.

Laut den Bauplänen hat Tesla neben dem ersten Gebäude noch Platz für drei weitere in gleicher Größe. Der Vollausbau des Werkes dürfte also insgesamt mindestens 4 Milliarden Euro kosten. Bereits ab Juli 2021 sollen in dem Werk die ersten Elektroautos vom Band laufen.

Zwar werden die ersten Teslas made in Brandenburg dann mit Batteriezellen bestückt, die sich Tesla zuliefern lässt. Und die Produktion dürfte nicht ganz so CO2-arm anlaufen wie zunächst in Aussicht gestellt. Doch auf jeden Fall wird Teslas Werk für die Belebung einer eher strukturschwachen Region sorgen.

Ein Imbissbudenbetreiber nahe des Werksgeländes warnt jedoch vor allzu viel Euphorie. Erstmal müsse man sicherstellen, dass die Fabrik auch in zehn, fünfzehn Jahren noch viele Menschen beschäftigt. "Brandenburg hat eine Historie mit gefloppten Großprojekten", warnt er in Anspielung auf den Berliner Flughafen, die einstige Solarindustrie und den gescheiterten Zeppelinbauer Cargolifter. Eines steht aber jetzt schon fest: Für die Tankstellen rund um Teslas Baustelle dürfte es mit der Mittagsruhe bald vorbei sein.