Teslas "Gigafactory" Das Wettrennen um das Elektroauto für alle ist eröffnet

Tesla will 2017 das erste Elektroauto für den Massenmarkt bauen. Der Wagen soll mit einer Ladung mindestens 300 Kilometer fahren - und erschwinglich sein. Ziehen BMW, Daimler, Volkswagen und Co. nach?
Teslas geplante Mega-Fabrik in Nevada: Startschuss für den Durchbruch des Elektroautos für alle?

Teslas geplante Mega-Fabrik in Nevada: Startschuss für den Durchbruch des Elektroautos für alle?

Foto: Tesla

Hamburg - Schon die Eckdaten von Teslas geplanter Gigafactory nehmen sich furchteinflößend aus: Auf einer Fläche 400 Hektar soll in Nevada das größte Fabrikgebäude der Vereinigten Staaten entstehen. Dort werden nach Vorstellung von Unternehmens-Chef Elon Musk bald etwa 6500 Arbeiter Batterien für 500.000 Elektroautos im Jahr produzieren. Bereits 2017 laufen die ersten Akkus von den Bändern, etwa fünf Milliarden Dollar Investitionskosten veranschlagt der rastlose Milliardär.

Mit dem Projekt setzt Musk den Rest der Industrie mal wieder kräftig unter Druck. Die Gigafactory ist der zentrale Baustein für seinen Plan, ein Elektromodell zu bauen, das endlich die Massen elektrisiert.

Während die Manager der etablierten Hersteller Tesla in früheren Jahren belächelten, arbeiten sie dieses Mal bereits an Gegenstrategien - die Autowelt steht vor einem Wettrennen um das erste bezahlbare Elektroauto mit ordentlicher Reichweite.

Erfolg der Oberklasse-Limousine Model S hat viele kalt erwischt

"Die anderen werden nachziehen", sagt Autoexperte Wolfgang Bernhart von der Unternehmensberatung Roland Berger im Interview mit manager magazin. "Tesla wird heute ernster genommen als vor einigen Jahren."

Der Erfolg der Oberklasse-Limousine Model S hat viele in der Branche kalt erwischt. Ein Luxusauto mit einer elektrischen Reichweite von 500 Kilometern, dazu nicht teurer als eine Mercedes S-Klasse - das könne niemals klappen, orakelten viele noch vor zwei, drei Jahren. Inzwischen verkauft sich der Elektrokreuzer in den USA besser als die Oberklasse-Modelle der Konkurrenz. Auch in China ist das Interesse groß.

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Investoren glauben an das Unternehmen: Zwar geriet die Tesla-Aktie  jüngst wegen eines Analystenberichts kräftig unter Druck - doch insgesamt stieg der Kurs des Papiers in diesem Jahr um fast 80 Prozent.

Die etablierten Hersteller versuchten sich bisher überwiegend im unteren Segment - und wurden zumeinst enttäuscht. Ob Renaults Zoe, Daimlers Smart oder General Motors' etwas größerer Plugin-Hybrid Chevrolet Volt (US-Version des Opel Ampera): Trotz oft guter Kritiken verkaufen sich die Autos schlechter als erwartet. Allein Nissan steht mit dem Leaf etwas besser da.

Batteriepreise haben sich in den letzten vier Jahren halbiert

In den größten Automärkten der Welt - darunter Deutschland und die USA - liegt der Marktanteil von Elektroautos bei 0,5 bis 1 Prozent. In einzelnen Ländern mit großzügigen Förderungen wie Norwegen (15 Prozent) oder den Niederlanden (5 Prozent) liegen die Werte deutlich darüber.

Doch Aufgeben oder Aussitzen ist für die Hersteller keine Option. Schließlich entwickelt sich die Batterietechnik rasant weiter, und die Akkus werden billiger.

"Inzwischen kosten Hochenergiezellen für Elektroautos 170 bis 180 Euro pro Kilowattstunde", sagt Bernhart. "Vor drei, vier Jahren lag der Preis bei den ersten Elektroautos in etwa doppelt so hoch." Zur Einordnung: In einem Leaf ist eine 24-Kilowattstunden-Batterie eingebaut, in einem Tesla hat der Akku eine Kapazität von bis zu 85 Kilowattstunden.

Tesla will den Batteriepreis durch Skaleneffekte mindestens um weitere 30 Prozent drücken. So soll das geplante Massenmodell Model III 325 Kilometer weit kommen und trotzdem nicht mehr als 35.000 Dollar kosten. Das ist etwa der Preis eines Ford Focus Electric, doch der schafft nur 160 Kilometer. Ähnlich weit kommt der BMW i3, der in den USA allerdings mehr als 41.000 Dollar kostet.

Experten räumen der Gigafactory Chancen ein

Experten halten es für durchaus realistisch, dass Tesla mit seiner Batteriefabrik die Kosten für die Akkus kräftig drücken kann. "Die Entwicklungsgeschwindigkeit bei der Leistungsfähigkeit der Batterien und den Preisen ist ungeheuer schnell", meint ein deutscher Branchenkenner.

Noch werden Lithium-Ionen-Akkus für Elektroautos quasi in Handarbeit hergestellt. Derzeit werden die Batterien etwa drei Monate lang gelagert, um sie ausführlich testen zu können. Wenn Tesla etwa die Zeit für die Qualitätskontrollen verkürze und die Fertigung industrialisiere, seien allein dadurch kräftige Kosteneinsparungen möglich.

Höchste Zeit also auch für etablierte Hersteller, den Technik-Sprung für eine Aufholjagd auf Tesla zu nutzen, um nicht Kunden in einem Wachstumssegment zu verlieren. Tatsächlich haben bisher aber erst wenige Hersteller außer Tesla ihre Pläne offiziell gemacht.

Nissan will Ende 2016 mit einer neuen Version des Leaf an den Start gehen. Der Wagen soll eine Reichweite von knapp 300 Kilometern haben und dabei sogar billiger als Teslas Model III sein - den geplanten Preis gibt das britische Autoportal "Autoexpress"  mit etwa 28.000 Dollar an.

Der Sprung werde durch eine verbesserte Batterietechnik möglich. Nissan hat wiederholt angedeutet, Kunden könnten zwischen verschiedenen Akkugrößen wählen. Diese kommen allerdings wohl nicht mehr ausschließlich aus der eigenen Batteriefabrik, sondern vom koreanischen Spezialisten LG Chem, ließ Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn unlängst wissen. LG kann die benötigten Akkus offenbar günstiger liefern.

Deutsche Hersteller hinken hinterher

Etwas wolkiger sind die Ankündigungen aus dem Hause General Motors. Mehrfach hatte Ex-Chef Dan Akerson über ein Elektroauto mit einer Reichweite von gut 300 Kilometern geredet, das ungefähr 30.000 Euro kosten werde. Insider orakelten zuletzt , der Wagen entstehe auf Basis des Chevrolet Sonic.

Als Batterielieferant kommt ebenfalls LG Chem infrage. Das Unternehmen beliefert derzeit GMs Elektromodelle Volt und Spark. LG-Chem-Finanzchef Cho Suk-jeh ließ die Öffentlichkeit zuletzt wissen, LG werde ab 2016 Batterien für ein 320-Kilometer-Elektroauto liefern - ließ den Namen des Kunden aber offen.

Dass es sich um einen deutschen Hersteller handelt, ist eher unwahrscheinlich. Volkswagen, BMW und Mercedes haben gerade ihre ersten Elektromodelle auf den Markt gebracht, und es wäre eine Überraschung, wenn sie kurz darauf mit einem deutlich besseren Wagen nachlegen würden. Derzeit setzen die deutschen Hersteller eher auf Plugin-Hybride, in denen ein Verbrennungsmotor die Reichweite erhöht.

Einzig von Audi kommen (unbestätigte) Nachrichten über große Pläne. Zwar bietet die VW-Tochter derzeit kein reines Elektromodell an. Unter Deutschlands Luxusmarken haben die Bayern damit den größten Stromer-Nachholbedarf. Immerhin haben die Ingolstädter mit dem A3 e-tron einen Plugin-Hybriden bei den Händlern - und waren damit zeitiger dran als die Konkurrenz.

BMW hüllt sich über nächsten i3 in Schweigen

Doch offenbar basteln die Herren der vier Ringe gleich an mehreren Elektromodellen, die Tesla Paroli bieten sollen. Fertig entwickelt ist ein Elektrosportwagen mit rund 450 Kilometern Reichweite. Das Fahrzeug auf Basis des R8 dient offenbar aber eher als Kompetenzausweis denn als Tesla-Fighter: Laut Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg soll der Elektro-R8 nur auf Kundenanfrage produziert werden.

Richtig Strom geben will Audi einem unbestätigten Bericht zufolge in drei Jahren. Für 2017 planen die Ingolstädter ein größeres Elektro-SUV, das bis zu 700 Kilometer weit mit einer Akkuladung fahren kann, berichtete die Zeitschrift AutoBild  vor kurzem.

Damit zielen die Ingolstädter direkt auf Teslas Model X, das bereits im kommenden Jahr ausgeliefert werden soll. Im Jahr 2018 wollen die Bayern den A2Q zu den Händlern bringen. Das rein elektrisch angetriebene Kompakt-SUV soll mit einer Reichweite von 500 Kilometern punkten - und fährt direkt gegen den i3 an.

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Bis dahin könnte auch BMW bei der Akkuleistung des i3 nachlegen - doch die Bayern halten sich zu künftigen Plänen bedeckt. "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen zur künftigen Reichweite oder der nächsten Generation des BMW i3 machen", hieß es auf Nachfrage von manager magazin online. Fest stehe jedoch, dass sich die Batteriezellen in den kommenden Jahren technisch weiter entwickeln werden.

Auch von Daimler oder Volkswagen sind keine Pläne für einen echten Tesla-Fighter bekannt. Die deutschen Hersteller bleiben sich also treu und tasten sich eher langsam vor.