Technikchef dreht Audi-Strategie Audis neuer Technik-Kurs zeigt bereits Wirkung

Entwicklungschef Ulrich Hackenberg soll Audi einen stärkeren Technik-Vorsprung verpassen. Er versucht das mit klaren Ansagen - die Strategie zeigt erste Erfolge

Entwicklungschef Ulrich Hackenberg soll Audi einen stärkeren Technik-Vorsprung verpassen. Er versucht das mit klaren Ansagen - die Strategie zeigt erste Erfolge

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Eine Gewinnmaschine ist Audi schon lange - eine Technik-Maschine nicht mehr so recht: Audi-Technikchef Ulrich Hackenberg soll der VW-Tochter den verschütt gegangenen Technik-Vorsprung zurückgeben. Er versucht es mit klaren Zielen statt technischen Sonderwegen. Von seinem Erfolg hängt auch für Audi-Chef Rupert Stadler viel ab.

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Zuerst kam das große Donnerwetter. Seit Jahrzehnten wirbt Audi mit dem Spruch "Vorsprung durch Technik" - ein immer seltener gehaltenes Versprechen, monierten Fachleute in den vergangenen Jahren häufig. Die Kritik kam Audis Mutterkonzern Volkswagen zu Ohren, und die VW-Oberen befanden wohl schon länger, dass da etwas dran wäre.

Mitte 2012 schickte VW deshalb Audi-Technikchef Michael Dick vorzeitig in Rente. Sein Nachfolger Wolfgang Dürheimer musste schon ein Jahr später den Hut nehmen, da er es sich mit der Audi-Belegschaft verscherzte.

Dann beorderten die Wolfsburger einen ihrer besten Männer zurück nach Ingolstadt: VW-Chefentwickler Ulrich Hackenberg kehrte im Juli 2013 als Technikchef zu Audi zurück. Wenige Monate später trat Marc Lichte als neuer Audi-Chefdesigner an. Seither ist die Kritik an Audi deutlich leiser geworden. Denn nach längerem Schlingerkurs gibt es bei Audi wieder klare Technik-Ansagen - und das nicht zu knapp.

Audi greift Tesla ab 2018 mit Elektro-SUV an

Das zeigte sich gestern erst bei der Präsentation der Jahresbilanz 2014. Da erklärte Hackenberg etwa, vor kurzem eine Reihe von strategisch wichtigen Patenten vom US-Unternehmen Ballard Power Systems erworben zu haben. Das werde Audi "einen entscheidenden Vorsprung" bei der Weiterentwicklung der Brennstoffzellen-Technologie verschaffen, sagte Hackenberg - und schob noch nach, dass die vor wenigen Monaten präsentierten Prototypen reif für die Serienentwicklung seien.

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Die Neuauflage von Audis Nobellimousine A8 wird zwar erst 2017 starten, um ein Jahr später als erwartet. Dafür wird das Auto einige neue Selbstfahr-Features an Bord haben - es soll im Stau selbständig fahren und auch automatisch einparken können. Und auch bei reinen Elektroautos, deren Entwicklung Audi einige Zeit lang auf Eis gelegt hatte, prescht Hackenberg nun vor.

In drei Jahren will Audi ein Nobel-SUV mit Elektroantrieb vorstellen, das eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern hat. Ein solches Auto hat bisher keiner der deutschen Konkurrenten im Programm und bislang auch nicht in Planung, einzig der US-Autohersteller Tesla wird mit seinem Elektro-SUV Model X solche Akkureichweiten schaffen.

Ob Elektroauto, autonomem Fahren oder Brennstoffzellen-Antrieb: Hackenberg vermittelt mit solchen Ansagen gekonnt den Eindruck, dass Audi bei den wichtigsten Zukunftstechnologien ganz vorne mitmischt.

Erfolg von Technik-Chef Hackenberg stärkt Stadlers Rolle als VW-Kronprinz

Vorbei scheinen die Zeiten zu sein, in denen Audi etwa einen Elektro-Sportwagen zur Serienreife entwickelte - und dann wegen zu geringer Reichweite auf Eis legte. Oder einen Wankelmotor als Reichweitenverlängerer einsetzen wollte, der sich im Volkswagen-Produktionsverbund kaum verwirklichen ließ. Auch bei Carsharing oder Leichtbau-Technologien war Audi in letzter Zeit nichts Bahnbrechendes eingefallen.

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Hackenbergs Betonen von Audis Technik-Können dürften die VW-Obersten mit Wohlwollen registrieren. Am wirtschaftlichen Erfolg von Audi können sie ohnedies nur wenig kritisieren: Denn die Marke mit den vier Ringen ist eine Gewinnmaschine. Im vergangenen Jahr hat Audi einen Rekordgewinn von 5,15 Milliarden Euro erzielt - und erwirtschaftet damit 40 Prozent des Volkswagen-Konzerngewinns. Dabei machen die Audi-Autos nur 16 Prozent des Volkswagen-Konzernabsatzes aus.

Allerdings hat Konkurrent Daimler zuletzt ordentlich aufgeholt und zahlreiche neue Modelle an den Start gebracht. BMW liegt unangefochten und klar vor den Ingolstädtern. Audi hat zuletzt bei den Modellneuheiten einen Gang zurückgeschaltet - nach jahrelangem kräftigem Mengenwachstum. Doch nun bläst Audi-Chef Stadler gemeinsam mit seinem Technikchef zum Angriff: Bis 2020 will er die Verkäufe von zuletzt 1,74 auf 2 Millionen Fahrzeuge erhöhen, die Zahl der angebotenen Modelle soll von 52 auf 60 steigen.

Stadler bleibt noch ein Manko

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Das sind ambitionierte Ansagen, die von VW-Chef Martin Winterkorn und Aufsichtsratschef Ferdinand Piech wohl gerne gehört werden. Doch gerade Hackenbergs Technik-Aufräumarbeiten erhöhen Stadlers Chancen, dereinst Martin Winterkorn als Volkswagen-Konzernchef zu beerben. Winterkorns Vertrag endet 2016, im Konzern laufen sich potenzielle Nachfolger warm.

Stadler galt lange als einer der aussichtsreichsten Kandidat. Zum einen war er einst Büroleiter von VW-Grande Ferdinand Piëch, zum anderen wechselte auch Winterkorn direkt aus dem Audi-Chefsessel an die Volkswagen-Konzernspitze.

Doch Audis schrittweiser Verlust des Technik-Vorsprungs unter Stadlers Ägide dürfte die beiden Ingenieure Winterkorn und Piëch sehr gestört haben. Schließlich haben die beiden mit ihrem Technik-Fokus die Marke Audi erst groß gemacht. Mit Hackenbergs Erfolg verliert Stadler so auch ein Stück seines größten Mankos. Eines bleibt ihm allerdings noch: Der 51-jährige ist studierter Betriebswirt, Winterkorn und Piëch bevorzugen jedoch Ingenieure für den Top-Job. Immerhin muss Stadler sich keine Sorgen machen, dass Hackenberg ihn bei der Winterkorn-Nachfolge aussticht. Denn Hackenberg ist mit seinen 64 Jahren schlicht zu alt, um Winterkorn in einem Jahr zu beerben.