Verbesserte Fahrassistenten vs. Roboterauto-Straßentests Kampf der Systeme bei autonomen Autos verschärft sich

Autonom fahrendes Auto in Las Vegas: US-Firmen bauen Testflotten mit hunderten Roboterautos auf

Autonom fahrendes Auto in Las Vegas: US-Firmen bauen Testflotten mit hunderten Roboterautos auf

Foto: Aptiv

Auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas überbieten sich IT-Konzerne und Autohersteller mit Ankündigungen zu selbstfahrenden Autos. Neue Superchips sollen den Straßenverkehr schneller und mithilfe künstlicher Intelligenz analysieren. Millionenfach verbaute Sensoren sammeln noch in diesem Jahr automatisch Daten für hochauflösende Karten.

Deutschlands Autohersteller geben sich im großen Messereigen in Nevada vergleichsweise ruhig. Dabei spielen sie bei der Entwicklung selbstfahrender Autos ganz vorne mit, wie eine neue Studie zeigt. Für ihren Index Automatisiertes Fahren vergleichen die Unternehmensberatung Roland Berger und die Aachener Forschungsgesellschaft fka regelmäßig, welche Fortschritte Autohersteller und Märkte bei der Entwicklung selbstfahrender Autos machen.

Grafik 1: Deutschland und USA führen zusammen den AV-Index an

Grafik 1: Deutschland und USA führen zusammen den AV-Index an

Foto: fka; Roland Berger

Die gute Nachricht: Deutschland führt auch Ende 2017 zum wiederholten Mal den Index an - gemeinsam mit den USA. Punkten können die deutschen Autohersteller laut den Studienautoren bei einer wichtigen Vorstufe in Richtung Roboterauto.

Damit haben die Deutschen einen Vorsprung bei einer wichtigen Vorstufe zum vollständig selbstfahrenden Auto. Allerdings sichert das noch nicht die künftige Pole Position, warnt Roland-Berger-Experte Wolfgang Bernhart. "Es ist ein Kampf der Systeme", meint er. "Die einen vermarkten ihre immer weiter verbesserten Assistenzsysteme und verdienen damit schon jetzt sehr gut. Die anderen fokussieren sich eher auf das komplett autonom fahrende Auto."

Wo die Deutschen besonders gut sind, zeigen die Studienautoren anhand einer Grafik ...

Deutsche Autobauer haben Assistenzsysteme in fast allen Fahrzeugklassen

Grafik 2: Wettbewerbsposition - Bei automatisierten Fahrfunktionen liegen deutschen Autobauer weit vorne

Grafik 2: Wettbewerbsposition - Bei automatisierten Fahrfunktionen liegen deutschen Autobauer weit vorne

Foto: fka; Roland Berger

Bei der Entwicklung und dem flächendeckenden Einsatz von Assistenzsystemen liegen die deutschen Autohersteller vor der Konkurrenz. Daimler  , BMW  und der Volkswagen-Konzern bieten automatisierte Fahrfunktionen mittlerweile in fast allen Fahrzeugklassen an.

Bis hin zur Kompaktklasse können deutsche Autos auf Wunsch selbständig die Spur halten, im Stop-and-Go-Verkehr selbständig fahren, auf Knopfdruck den Wagen in die Parklücke bugsieren, bei Gefahr selbständig bremsen - und bald wohl auch auf Autobahnen selbständig Spur und Abstand halten, ohne dass der Fahrer permanent aufmerksam sein muss.

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Selbstfahrende Autos: Wie weit die Hersteller beim autonomen Fahren sind

Foto: Tesla Motors

BMW, Volkswagen und Daimler haben damit mehr Erfahrung als ihre ausländischen Konkurrenten, die elektronische Helferlein in weniger Fahrzeugklassen und weniger Funktionen anbietet. Bei US-Herstellern gibt es solche Funktionen bisher eher nur in Oberklasse-Autos. Japanische Hersteller beschränken sich auf nur wenige Assistenzsysteme, bringen diese dann aber in allen Fahrzeugklassen.

Deutsche Hersteller verdienen mit ihren Assistenzsystemen bereits gutes Geld. Das bringt sie in die Versuchung, diese Systeme weiter zu perfektionieren - und das Risiko zu scheuen, allzu viel Geld in die Entwicklung von komplett selbstfahrenden Autos zu stecken.

US-Hersteller hingegen sind bei Assistenzsystemen weniger erfahren - und versuchen, diese Vorstufe zum autonomen Fahren zu überspringen.

"Die Rechnersysteme werden gleichzeitig leistungsstärker und billiger", sagt Bernhart. "Die autonome Automobilwelt ist daher nicht mehr so weit entfernt, wie manche in der Industrie glauben."

Das Risiko für die Deutschen: Sie könnten so den Anschluss verlieren bei Systemen, die Autos in vielen Situationen völlig autonom fahren lassen. Damit "verlören sie sicherlich einen Teil ihres Premiumanspruchs," warnt Bernhart.

Und US-Firmen geben beim Testen von Roboterautos ziemlich Gas, wie eine Zusammenstellung in der Studie zeigt.

Bei Roboterauto-Testflotten sind deutsche Hersteller abgeschlagen

Grafik 3: Thinking Big - US-Firmen bauen Roboterauto-Flotten mit hunderten Testfahrzeugen auf

Grafik 3: Thinking Big - US-Firmen bauen Roboterauto-Flotten mit hunderten Testfahrzeugen auf

Foto: Presse Recherche; fka; Roland Berger

Die Studienautoren haben ermittelt, welche Testflotten mit komplett selbstfahrenden Autos die Hersteller bis 2021 planen. Der Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Autoherstellern fällt deutlich ins Auge: Die Google-Tochter Waymo testet in einem Vorort von Arizona bereits komplett selbstfahrende Fahrzeuge, die sogar ohne menschlichen Kontrollfahrer auskommen. In den kommenden Jahren will Waymo eine Flotte von 600 Roboterautos aufbauen.

General Motors hat für 2019 erste autonome Service-Dienste im Stadtverkehr angekündigt, wenn auch noch nur in ausgewählten Zonen. Bis 2021 will der US-Autoriese seine Testflotte auf 500 Fahrzeuge aufstocken.

Deutsche Autohersteller gehen da ganz anders vor. BMW plant laut offiziellen Ankündigungen gerade mal eine Testflotte von drei Dutzend Roboterautos bis 2021, bei Daimler vorerst nur drei.

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VWs Pläne mit autonomen Fahrzeugen: So stellt sich Volkswagen seine Roboterauto-Zukunft vor

Foto: VW

Volkswagen-Digitalchef Johann Jungwirth will komplett selbstfahrende Autos erst ab 2021 in größerem Umfang testen. Bis startet die VW-Mobilitätsmarke Moia zwar mit einem Ridesharing-Dienst in mehreren Städten. Deren Elektrobusse haben laut Jungwirth zwar Selbstfahr-Technik an Bord, wie Jungwirth gegenüber manager-magazin.de erklärte. Doch starten wird der Dienst in diesem Jahr in Hamburg mit menschlichen Fahrern hinter dem Lenkrad. Ab wann diese die Hände in den Schoss legen und nur mehr bei Gefahrensituationen eingreifen, hat VW noch nicht bekanntgegeben.

"Die von den Testflotten gefahrenen Kilometer sind sehr wichtig", sagt Bernhart. "Das sind lernende Systeme; die werden mit den Daten der Testfahrzeuge gefüttert." Und bei solchen Tests tun sich US-Firmen vor der eigenen Haustür leichter als ihre deutschen Konkurrenten ...

Gesetzliche Rahmenbedingungen für Roboterauto-Tests in USA am besten

Grafik 4: Nadelöhr Gesetzgebung - In den USA ist der Test von Roboterautos auf öffentlichen Straßen einfach

Grafik 4: Nadelöhr Gesetzgebung - In den USA ist der Test von Roboterautos auf öffentlichen Straßen einfach

Foto: Internet-Recherche; Interviews; Roland Berger

In den USA ist die Gesetzgebung punkto autonomes Fahren deutlich weiter. Bereits heute erlauben die US-Gesetze den kommerziellen Einsatz von selbstfahrenden Fahrzeugen. Die Zulassungsverfahren für Roboterautos sind einfacher als in Europa, was den Aufbau von Fahrzeugflotten mit mehreren hundert selbstfahrenden Autos ermöglicht. Das sei "ein Vielfaches gegenüber dem, was in Europa angedacht ist", sagt Bernhart.

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Testgebiete für selbstfahrende Autos: An diesen Orten können Ihnen Roboterautos entgegenkommen

Foto: Karlsruher Verkehrsverbund

Die Anpassung des deutschen Straßenverkehrsgesetzes im Frühjahr 2017 weise zwar in die richtige Richtung, meinen die Studienautoren. Doch groß angelegte Tests von selbstfahrenden Autos auf öffentlichen Straßen sind damit nicht möglich.

Und den Deutschen droht dabei auch aus einem anderen Land Konkurrenz. Derzeit verbietet China zwar noch Tests von selbstfahrenden Fahrzeugen auf öffentlichen Straßen. Doch im Reich der Mitte ist bereits ein Gesetz in Arbeit, das dies ändern soll. "Auch wenn es sich in den Daten noch nicht niederschlägt: die chinesischen Autohersteller holen auf", sagt Bernhart.

Seine Vorreiterrolle werde Deutschland vorerst weiterhin behalten, beruhigen die Studienautoren. Noch sei alles offen beim Rennen um die Technologie für automatisierte Fahrzeuge. Doch der Gesetzgeber müsse auch in Deutschland die Weichen stellen.

Vor 2025 werden die Autohersteller kaum echte autonom fahrende Fahrzeuge für den Stadtverkehr anbieten können, zeigt die Studie. Doch das Wettrennen verschärft sich - und Warten können sich die Deutschen dabei nicht leisten. "Das eigentliche Fahrsystem wird am Ende eine Commodity sein, das wird jeder haben", meint Bernhard. "Entscheidend wird sein, welcher Anbieter sein System am schnellsten und zuverlässigsten ausrollen kann - und wie bequem und sicher sich die Insassen dabei fühlen."

Um da weiterhin ganz vorne mitzuspielen, müssen BMW, Daimler und Volkswagen wohl bald größere Testflotten in den Straßenverkehr schicken - wenn sie es denn dürfen.