Freitag, 6. Dezember 2019

Abgasskandal "keine Bedrohung" VW-Markenchef Diess will Stammbelegschaft schonen

VW-Markenchef Herbert Diess beruhigt Beschäftigte: Er sehe "keine Bedrohung für die Stammbelegschaft". Kürzungen bei der Gewinnbeteiligung soll es dennoch geben - denn ohne Einschnitte wird der Konzern den Abgasskandal nicht bewältigen

Der Abgasskandal wird den Volkswagen-Konzern viel Geld kosten, die Rendite der Kernmarke VW ist mager - und das war bereits vor Beginn der Affäre um manipulierte Abgaswerte so. Der ehemalige BMW-Mann Herbert Diess hat als VW-Markenchef nun einen Knochenjob vor sich.

Um die Marke VW wieder flottzubekommen, schien sich Diess auch mit dem mächtigen VW-Betriebsrat anlegen zu wollen. Das lässt er nun lieber sein, stattdessen glättet er die Wogen. Denn in einem Gespräch mit der deutschen Nachrichtenagentur dpa erklärte Diess nun, dass er die VW-Stammbeschäftigten möglichst verschonen wolle.

"Ich sehe keine Bedrohung für die Stammbelegschaft", erklärte Diess gegenüber der Nachrichtenagentur in einem Interview, das er gemeinsam mit Betriebsratschef Bernd Osterloh gab. Erst in der Vorwoche hatte Osterloh den gesamten Volkswagen-Vorstand scharf für dessen Krisenmanagement kritisiert. Mit dem Doppelinterview gemeinsam mit Osterloh gab Diess nun nach außen das klare Zeichen, dass er den Schulterschluss mit den Arbeitnehmervertretern sucht.

Doch ganz ohne Schmerzen wird es nicht gehen: Kürzungen soll es bei den Gewinnbeteiligungen der Mitarbeiter geben, kündigte Diess an. Allerdings muss auch der Vorstand mit Einbußen rechnen.

Bei Fragen nach der Weiterbeschäftigung von Zeitarbeitern wollte sich Diess jedoch nicht festelegen. Nur soviel sagte er: "Bei der Übernahme von Leiharbeitern müssen wir sicher vorsichtig sein in der jetzigen Zeit".

Diess spricht sich offiziell gegen höhere Rabatte aus

Diess betonte zudem, dass es derzeit keine Hinweise auf weitere Verfehlungen neben den Abgas-Manipulationen und den frisierten CO2-Angaben gebe. Osterloh wiederum warnte davor, sämtliche VW-Mitarbeiter unter Generalverdacht zu stellen.

Trotz rückläufiger Absatzzahlen in einigen Märkten will Diess nicht zu stark an der Preisschraube drehen. "Eine Rabattoffensive machen wir weder in den USA noch in Deutschland", erklärte der VW-Markenchef. Die Marke VW und das Vertrauen in sie seien nach wie vor stark. "Viele Kunden kaufen bewusst unsere Diesel, die mit Euro 6 keine Nachbesserungen benötigen", so Diess.

Eine Analyse des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer kommt zu einem etwas anderen Schluss: Speziell im deutschen Firmenkundengeschäft versucht sich VW an aggressiven Rabatten, zeigt Dudenhöffer. So können Gewerbekunden laut Dudenhöffers Analyse einen VW Up zwei Jahre lang zum Dumpingpreis von 29 Euro pro Monat leasen.

In den USA bietet der Konzern seinen Kunden Gutscheine an, um sie bei Laune zu halten. In Europa will Volkswagen laut Diess individuelle Maßnahmen je nach Markt setzen - für Details sei es allerdings noch zu früh.

"Wir werden uns nicht um die Zukunft sparen"

Auch erste Eckpfeiler seines durch den Abgasskandals verschärften Sparkurses ließ Diess in dem Interview erkennen. Diess bekräftigte, dass VW Investitionen in Höhe von einer Milliarde pro Jahr verschieben werde. VW sei bei einigen Investitionsprogrammen schon etwas großzügig unterwegs gewesen. "Da haben wir eingegriffen", so Diess.

Verschont von den Aufschiebe-Plänen bleiben Stromantriebe. Bis 2019 oder 2020 will VW eher noch mehr Elektrofahrzeuge ins Programm aufnehmen. "Wir werden uns sicher nicht um die Zukunft sparen", so Diess. Ausgeschlossen hat Diess auch Verzögerungen beim nächsten Golf. "Der Golf ist unser Kernmodell und wir werden mit dem neuen Golf 8 auch etwas sehr Richtungsweisendes auf die Beine stellen", versprach er.

Kürzen wird VW bei der Variantenvielfalt. "Wir sind überkomplex in unserem Fahrzeugangebot. Das müssen wir ändern", erklärte Diess. Laut Osterloh sei dabei die Prämisse, dass der Kunde die etwas verringerte Auswahl gar nicht spüren solle. "Das Auto muss noch besser werden, aber dabei können wir trotzdem sparen", meinte Osterloh. Dabei gehe es etwa um die Frage, wie viele Motor- und Getriebevarianten oder Gelenkwellen VW sich künftig leisten müsse.

Folgen Sie Wilfried Eckl-Dorna auf Twitter
Zu den möglichen Kosten des Abgas-Skandals wollte Diess jedoch keine Prognosen abgeben. In einem ersten Schritt hat der Konzern 6,7 Milliarden Euro zur Bewältigung des Skandals zurückgelegt und weitere zwei Milliarden Euro für die CO2-Affäre veranschlagt. Diess sieht noch mehr auf das Unternehmen zukommen, da Risiken auf der Hand lägen. "Etwa durch mögliche Strafzahlungen. Es ist momentan sehr schwer, das genauer abzuschätzen", erläuterte er.

mit Material von dpa

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung