Electrify America VW gewinnt Siemens für US-Ladestationsnetz

Siemens investiert einen dreistelligen Millionenbetrag in die amerikanische VW-Tochter Electrify America und bekommt dafür einen Minderheitsanteil. Der Ladenetzbetreiber erweitert damit sein Netz von Elektro-Schnellladestationen in Nordamerika.
Kapitalspritze von 450 Millionen Dollar: Electrify America wird beim Einstieg von Siemens insgesamt mit 2,45 Milliarden Dollar bewertet

Kapitalspritze von 450 Millionen Dollar: Electrify America wird beim Einstieg von Siemens insgesamt mit 2,45 Milliarden Dollar bewertet

Foto: Ellen O'Nan / AP

Der Wolfsburger Autobauer Volkswagen hat einen Mitinvestor für sein Netz von Elektro-Schnellladestationen in den USA gefunden. Der Münchner Technologiekonzern Siemens beteiligt sich mit einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag an der 2017 gegründeten "Electrify America" und bekommt dafür einen Minderheitsanteil an der VW-Tochter, wie die Beteiligten am Dienstag mitteilten. Insgesamt erhalte Electrify America eine Kapitalspritze von 450 Millionen Dollar, der Rest kommt von VW selbst. "Mit dem zusätzlichen Investment können wir Laden und Energielösungen in den USA und Kanada noch schneller verfügbar machen", sagte VW-Finanzvorstand Arno Antlitz (52).

Das Interesse von großen Infrastrukturfonds an Ladesäulenbetreibern ist groß. Erst kürzlich war der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock bei Ionity eingestiegen . An der Ladeallianz , das Schnellladesäulen für Elektroautos an wichtigen Autobahnen und Schnellstraßen in Europa betreibt, sind Audi, BMW, Daimler, Ford, Hyundai und Porsche beteiligt. Zusammen mit den bisherigen Eigentümern plant Blackrock, 700 Millionen Euro zu investieren. Für Investoren gelten die Beteiligungen an Ladenetzbetreibern wie Ionity als Infrastrukturanlagen: geringe, aber planbare Rendite, dazu Tankstationen samt Standorten an Fernverkehrsstraßen als Gegenwert.

Für Siemens sei der Einstieg bei der VW-Tochter Electrify America "Teil eines deutlich größeren Engagements im Elektrifizierungsmarkt", sagte John DeBoer, der Nordamerika-Chef der E-Mobilitätstochter von Siemens. Siemens ist unter anderem auch an dem schwedischen Batterie-Hersteller Northvolt und an dem Electrify-Rivalen ChargePoint beteiligt. Das frische Geld kommt von der Finanzsparte Siemens Financial Services, organisatorisch ist das Thema aber bei der Infrastruktur-Sparte SI angesiedelt. Electrify America wird beim Einstieg von Siemens insgesamt mit 2,45 Milliarden Dollar bewertet.

Die Gründung von Electrify America war anfangs eine Reaktion auf den VW-Dieselskandal. Eine zentrale Auflage der US-Behörden nach der Aufarbeitung war, dass der deutsche Autokonzern an Großvorhaben für mehr umweltfreundlichen Verkehr in den USA mitwirken muss. Der Wolfsburger Konzern hatte Electrify America nach dem Dieselskandal zwei Milliarden Dollar über zehn Jahre zugesagt. Der heimische Hersteller Ford will bei der Erweiterung öffentlicher Ladepunkte ebenfalls auf das Netz von Electrify America setzen. Der Online-Gigant Amazon ist seit Ende 2019 in die Pläne eingebunden. Er soll Geräte zum Laden zu Hause vertreiben.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte vor knapp einem Jahr berichtet, dass VW einen Minderheitsaktionär für die Tochter suche – damals war aber noch von einem Investment von rund einer Milliarde Dollar die Rede. Volkswagen hatte auch auf klassische Infrastruktur-Investoren gehofft. VW-Technik-Vorstand Thomas Schmall (58) betonte, Siemens sei auch ein wichtiger strategischer Technologiepartner.

Electrify will Lademöglichkeiten bis 2026 verdoppeln

Electrify-America-Chef Giovanni Palazzo sagte, es bleibe bei dem Ziel, die Ladeinfrastruktur in Nordamerika bis 2026 auf rund 1800 Ladestationen und 10.000 Schnellladegeräte zu verdoppeln. Das Unternehmen arbeitet nicht nur mit VW zusammen, sondern hat auch Vereinbarungen mit konzernfremden Autobauern wie Ford, Hyundai/Kia, BMW, Mercedes, Geely, Volvo und Lucid. Der Rivale von Electrify America, Teslas Supercharger, hat seit 2012 mehr als 35.000 Schnellladestationen weltweit errichtet. Neuerdings können die Supercharger auch von anderen E-Autos genutzt werden.

VW will in den kommenden Jahren deutlich mehr E-Modelle in den USA fertigen. In Europa werden bereits mehrere Fabriken auf reine Elektrofertigung umgerüstet. Hier kooperiert der Konzern beim Ladenetz-Ausbau nicht nur mit Ionity, sondern auch mit dem Tankstellenkonzern BP. Die Standorte der Lade-Allianz mit BP will Volkswagen in die Navigationssysteme und Apps der Marken VW, Skoda und Seat/Cupra und in die Ladeanwendung seiner Tochter Elli integrieren.

dri/Reuters, dpa-afxp
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