Werben für US-Freihandelsabkommen Warum Deutschlands Auto-Elite jetzt lautstark "Ja zu TTIP" sagt

Die Besetzung ist hochkarätig, der Schritt ungewöhnlich: Deutschlands Auto-Bosse werben erstmals gemeinsam für das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP mit den USA. Denn die Branche fürchtet um Milliarden, sollte das Abkommen scheitern.
Daimler-Chef Zetsche bei einer Auto-Premiere in den USA: Um den US-Normen zu entsprechen, müssen Hersteller wie Mercedes etwa für die S-Klasse viele Teile doppelt entwickeln

Daimler-Chef Zetsche bei einer Auto-Premiere in den USA: Um den US-Normen zu entsprechen, müssen Hersteller wie Mercedes etwa für die S-Klasse viele Teile doppelt entwickeln

Foto: JAMES FASSINGER/ REUTERS

Hamburg - Ob es um staatliche Elektroauto-Förderungen geht, die Sanktionen gegen Russland oder die EU-Vorgaben zur Senkung der CO2-Emissionen: Zu politisch brisanten Themen finden die Top-Manager der Autobranche höchst selten eine gemeinsame Linie. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen Interessen - bei der Erreichung der EU-Klimaziele bis 2021 etwa verfolgt jeder Hersteller seine eigene Strategie. Wer sich allzu deutlich mit politischen Forderungen positioniert, riskiert zudem herbe öffentliche Kritik. Dieses Risiko gehen die Autokonzerne aus nachvollziehbaren Gründen nur ungern freiwillig ein.

Doch nun machen Deutschlands mächtigste Auto-Bosse eine Ausnahme für ein öffentlich umstrittenes Projekt: Gemeinsam werben sie für das Freihandelsabkommen Transatlantic Trade and Investment Pact, kurz TTIP. In der Berliner Zentrale des Verbands der Automobilindustrie (VDA) erläutern Deutschlands oberste Automobiler morgen mittag gemeinsam vor Pressevertretern, warum sie im Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA große Vorteile sehen.

Die Vorstandschefs Martin Winterkorn (Volkswagen-Konzern), Dieter Zetsche (Daimler), Norbert Reithofer (BMW), Rupert Stadler (Audi) und Matthias Müller (Porsche) teilen sich das Podium mit Bosch-Chef Volkmar Denner, Arndt Kirchhoff vom Autozulieferer Kirchhoff Automotive und Ford-Deutschlandchef Bernhard Mattes, der seit Juni 2013 auch als Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland fungiert. Zusammen wollen die Manager den Kritikern des Freihandelsabkommen ein klares "Ja zu TTIP" entgegensetzen.

Einen solchen öffentlichen Auftritt der versammelten deutschen Auto-Elite für ein politisches Ziel hat es bislang noch nie gegeben.

Deutsche Hersteller profitieren vom neuen Autoboom in den USA

Doch für die Autoindustrie steht viel auf dem Spiel. Vom geplanten Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen zwischen Europa und den USA würde die Autobranche stark profitieren. In der Öffentlichkeit wächst der Widerstand gegen TTIP jedoch, weil Kritiker vor einem Aufweichen der strengen EU-Lebensmittelstandards, Herkunftsbezeichnungen und einer Aushebelung des Rechtssystems warnen. Laut ihnen könnten durch TTIP etwa mit Chlor desinfizierte Hühnchen aus den USA in deutsche Supermarktregale gelangen.

Deutschlands Autohersteller fürchten deshalb, dass die Verhandlungen über eine einheitliche Handelszone mit 800 Millionen Menschen scheitern könnten. Dabei hat sich Nordamerikas Automarkt nach jahrelanger Krise kräftig erholt und ist für Deutschlands Autohersteller nun wieder einer der wichtigsten Wachstumsmärkte.

Über 16 Millionen Neuwagen kauften Amerikaner und Kanadier im vergangenen Jahr, ein Plus von vier Prozent. Vomboomenden US-Automarkt haben zuletzt die Premiummarken BMW, Mercedes und Audi überdurchschnittlich profitiert. Sie verkauften zusammen zuletzt mehr als eine Million Neuwagen - und halten im Luxussegment zusammen mehr als 50 Prozent Marktanteil.

Mühsame Doppel-Entwicklung für Europa und USA

Auch in den kommenden Jahren wird die Pkw-Nachfrage anders als in Europa wohl weiter steigen, meinen Analysten unisono. Das liegt nicht nur an den billigen Spritpreisen von derzeit rund 50 Cent pro Liter, sondern auch an der wachsenden Bevölkerungszahl.

Doch Europas Autohersteller haben in den USA bisher mit einigen Hürden zu kämpfen. So erheben die USA seit über 50 Jahren einen Sonderzoll von 25 Prozent für leichte Lastwagen, die sogenannte "Hühnchensteuer".

Daimler etwa umgeht die Abgabe mit einem schrägen Verfahren: Im Werk in Düsseldorf lassen die Stuttgarter frisch zusammengebaute Sprinter-Lieferwagen für den US-Markt wieder in mehrere Einzelteile zerlegen. Erst im US-Werk schrauben Arbeiter die Autos wieder zusammen. Damit findet ein Teil der Fertigung in den USA statt, Daimler erspart sich so den Zoll. Allerdings müssen die Fahrzeuge vor Verlassen der Fabrik ausgiebig getestet werden. Ein eigenes Testgelände im US-Werk aufzubauen wäre zu viel Aufwand. Deshalb finden die Testfahrten im Düsseldorfer Werk statt - bevor die US-Lieferwagen auseinandergeschraubt werden.

Noch mühsamer als die Sonderzölle ist die Berückichtigung unterschiedlicher gesetzlicher Regelungen in den USA und EU, da die USA die in Europa geltenden Normen für Fahrzeuge nicht anerkennen. Das führt dazu, dass viele Einzelkomponenten eines Autos zwei Mal entwickelt, bearbeitet, registriert und zertifiziert werden müssen. Opel hat das anhand des Kleinwagens Adam vorexerziert: Um das Auto in den USA zu vermarkten, müssen Dutzende Bestandteile verändert werden - von den Stoßfängern über die Dachstruktur hin zu Blinkern, Wischersystemen und der Kühlerhaube, die dann US-Normen für den Fußgängeraufprallschutz entsprechen muss.

Wegfall von Zöllen würde eine Milliarde Euro jährlich bringen

Wenn diese Regelungen in einer gemeinsamen Freihandelszone harmonisiert werden, könnten die deutschen Autohersteller Milliardenbeiträge sparen. Alleine der Wegfall von Zöllen würde jährlich eine Milliarde Euro pro Jahr bringen, hat der Branchenverband VDA errechnet.

Kein Wunder also, dass sich Autobosse in den vergangenen Monaten als TTIP-Verfechter präsentiert haben. TTIP würde dabei helfen "Komplexität abzubauen", meinte Audi-Chef Rupert Stadler in einem Interview Mitte Januar. Ford-Deutschlandchef Mattes hält TTIP für das "preiswerteste Konjunkturprogramm in Europa". Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel warb zuletzt in Davos für das Freihandelsabkommen.

In trockenen Tüchern ist es aber noch längst nicht. Nächste Woche läuft die achte Gesprächsrunde dazu in Brüssel an, in diesem Jahr wird es noch fünf weitere geben.

Höchst umstritten ist der geplante Investorenschutz. Selbst EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström meint, dass es bis Ende 2015 allenfalls ein Vertragsgerüst geben werde. Dass die Gespräche noch in der Ära Obama bis Ende 2016 abgeschlossen werden, gilt in Brüssel als höchst unwahrscheinlich. Wann TTIP in Kraft treten könnte, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, ob neben dem EU-Parlament auch nationale Volksvertreter der Vereinbarung zustimmen müssen.

Gegner von TTIP stoßen sich nicht nur daran, dass die Gespräche hinter verschlossenen Türen stattfinden. Sie weisen auch darauf hin, dass die Angleichung von Regeln zwischen den USA und Europa nicht zwingend ein Freihandelsabkommen erfordert, dessen Bestimmungen dann völkerrechtlich über den EU-Gesetzen stehen könnten.

Die Autobranche muss also, damit sie sparen kann, noch einige gewichtige Zweifel aus dem Weg räumen. Das große Werbetrommel-Rühren in Berlin ist wohl erst der Anfang eines langen Tauziehens.