Schummelsoftware-Vorwürfe gegen Audi Warum Audi-Chef Stadler um seinen Job fürchten muss

Audi-Chef Rupert Stadler steht stark unter Druck - die von ihm geführte VW-Tochter Audi rückt im Abgasskandal in den Fokus. Möglicherweise hat eine Audi-Software CO2-Werte verfälscht, US-Behörden untersuchen die Vorfälle bereits. Stadlers Verteidigungslinie bekommt Risse.
Rupert Stadler bei einer Automesse: Eine Lenkwinkel-Erkennung setzt dem Audi-Chef derzeit schwer zu

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Es war ein Abgang mit hoher Drehzahl. Kurz nachdem der Skandal um manipulierte Dieselmotoren öffentlich wurde, bedauerte Ex-VW-Chef Martin Winterkorn öffentlich, das Vertrauen von Kunden und Öffentlichkeit enttäuscht zu haben. Die Aufklärung der Geschehnisse habe für ihn "ganz persönlich höchste Priorität", versicherte er per Presseaussendung.

Zwei Tage danach bat Winterkorn in einem Videostatement darum, wegen "der schlimmen Fehler einiger weniger" nicht den gesamten Konzern unter Generalverdacht zu stellen. Es tue ihm "unendlich leid", dass der Konzern das Vertrauen der Kunden enttäuscht habe. "Wir klären das auf", versicherte der langgediente VW-Mann. Nicht einmal 25 Stunden nach seinem Video-Auftritt war Martin Winterkorn seinen Job als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns los.

Audi-Ingenieure treten in USA zum Rapport an - und Stadler muss zittern

Nun steht ein weiterer langjähriger Konzern-Spitzenmanager mächtig unter Druck: Rupert Stadler, Chef von Volkswagens bislang höchst einträglicher Konzernmarke Audi. Hochrangige Ingenieure aus Ingolstadt treten noch in dieser Woche bei der US-Umweltbehörde EPA und dem amerikanischen Justizministerium zum Rapport an, wie die "Bild am Sonntag" berichtete. Dabei geht es um Vorwürfe, dass Audi CO2-Werte seiner Motoren auf illegale Weise manipuliert habe - per Software, die erkennt, dass Autos gerade auf einem Rollenprüfstand getestet werden.

Für Stadler ist das mehr als unangenehm. Denn bisher hat er die Linie vertreten, dass Audi keine Schummelsoftware zur Manipulation von Motorkennwerten eingesetzt habe. Dabei musste er schon einmal einen peinlichen und letzlich wohl auch teuren Rückzieher machen. Anfang November 2015 hatte die EPA ihre Abgasuntersuchungen auch auf 3-Liter-Dieselmotoren ausgeweitet. Volkswagen bestritt daraufhin in einem offiziellen Statement, dass die bislang den Behörden nicht offengelegte Software als "Defeat Device" gelten könne.

Doch nach einem Treffen von Stadler mit der kalifornischen Behörde CARB vollzog Audi dann eine Kehrtwende - und erklärte, die davon betroffenen Fahrzeuge nachbessern zu wollen.

Audi hat noch immer kein OK für US-Rückrufe

Seit diesem Zeitpunkt gilt der 53-jährige Bayer intern als angeschlagen, das Problem mit den 3-Liter-Aggregaten hängt Audi bis heute nach. VW hat sich in den USA mit der Justiz bereits auf einen milliardenteuren Vergleich samt Rückrufen und Rückkäufen geeinigt. Für Audi steht eine solche Entscheidung nach wie vor aus.

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Den von den Ingolstädtern vorgeschlagenen Rückrufplan hat die EPA im Juli abgelehnt, für 30. November hat der für das Dieselgate-Mammutverfahren zuständige Richter Charles Breyer eine Anhörung angesetzt. Bis dahin sollte eine Einigung endlich stehen - und es sieht gut aus, dass Audi das schafft. Denn Insidern zufolge sollen sich die Ingolstädter mit den US-Behörden auf einen Kompromiss geeinigt haben. Teuer könnte das ganze dennoch werden. Denn die Strafzahlungen dürften sich auch daran orientieren, dass Audi und Stadler anfangs das Problem geleugnet haben.

Für seinen bisherigen Umgang mit der Abgasaffäre erntet der Audi-Chef schon seit Monaten heftige Kritik. Dabei galt der Betriebswirt Stadler, der seit 1990 bei Audi arbeitet, lange Zeit als sakrosankt. Denn die von ihm geführte VW-Tochter ist die Gewinnmaschine des Konzerns: Selbst im Krisenjahr 2015 hat Audi noch satte 4,8 Milliarden Euro Gewinn vor Sondereinflüssen nach Wolfsburg überwiesen.

Audi baut nicht einmal ein Fünftel jener 10 Millionen Fahrzeuge, die jährlich aus den Fabriken des Volkswagen-Konzerns rollen. Die Marke mit den vier Ringen sorgt aber für 40 Prozent des Konzerngewinns.

Angesichts dieser Zahlen wollen die VW-Aufsichtsräte Kontinuität in der Führung haben - wenn irgend möglich. Bisher hat es Stadler geschafft, sich von den Wirren des Dieselgate-Skandals fernzuhalten. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hatte die Kanzlei Jones Day, die den Abgasskandal im Volkswagen-Konzern aufarbeitet, Stadler in einer Befragung einen Persilschein ausgestellt. Stadler soll, so berichtete der Spiegel, Vertrauten erklärt haben, dass ihn die Anwälte nur als Zeuge, nicht aber als Beschuldigten führten.

Stadler steht zweite Befragung bevor - und die könnte unangenehm werden

Noch etwas hilft Stadler bisher im Machtgefüge des Konzerns: Die schützende Hand des VW-Großaktionärs Ferdinand Piëch. Stadler war mehrere Jahre lang Piëchs Büroleiter, er ist Vorsitzender bei drei Piëch-Privatstiftungen. Wie das "Handelsblatt" kürzlich berichtete, stehe Stadler laut Aufsichtsratskreisen "derzeit nicht zur Disposition".

Andererseits werfen ihm VW-Aufsichtsräte laut dem "Spiegel"-Bericht vor, dass er seinen Laden nicht im Griff habe. Laut Bild-Zeitung soll sich Stadler zudem vergangenen Dienstag einen Rüffel von Konzernchef Müller eingefangen haben. Müller war sauer darüber, dass er Details über die jüngste Audi-Affäre erst aus der Zeitung erfahren habe.

Dem "Spiegel" zufolge steht Stadler auch eine weitere Befragung durch Jones Day-Anwälte bevor, die unangenehm werden könnte. Die Ermittler sollen Dokumente gefunden haben, die darauf hinweisen, dass die Abgasmanipulationen bei Dreiliter-Motoren seit 2008 sorgfältig geplant wurden.

Über die neu aufgetauchten CO2-Manipulationsvorwürfe soll Audi zwei Gutachten der Kanzlei Freshfields vorliegen haben, wie NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" berichten.

Eines davon soll Audis Vorgehen als rechtmäßig eingeschätzt haben. Audis Software erkennt am nicht veränderten Lenkwinkel, dass sich das Auto auf einem Prüfstand befindet. Der Konzern begründet diese Erkennung mit einer Schaltung, die im normalen Fahrbetrieb aus dem Verhalten des Fahrers die optimalen Schaltpunkte lernt. Das könne jedoch bei Prüfstandsmessungen zu verfälschten und unterschiedlichen Ergebnissen führen, begründet Audi.

Für Stadler kamen die Einschläge zuletzt immer näher

In ihrem zweiten Gutachten wollten sich die Freshfields-Anwälte aber nicht mehr festlegen, dass dies rechtlich in Ordnung gehe. Auch das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt untersucht die neuen Vorwürfe gegen Audi. Sollten die Flensburger die Audi-Software als unzulässig einstufen, wird die Luft für Stadler wohl dünn.

Schon werden in Wolfsburg Namen herumgereicht für die Stadler-Nachfolge. Darunter: Karl-Thomas Neumann, 55, derzeit noch Chef der GM-Tochter Opel. Und auch der frühere Skoda-Chef Winfried Vahland wurde bereits genannt.

Noch sind all das Spekulationen, doch angezählt ist Stadler allemal. "Ich bin bitter enttäuscht, dass so etwas passieren konnte", sagte Stadler in einem Interview Ende Februar über den Abgasskandal. So ähnlich klang das bei Winterkorn auch. Der war dann allerdings nur mehr ein paar Tage im Amt, während sich Stadler monatelang fest im Sattel hielt.

Chancen auf Einigung mit US-Behörden sind gut

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Doch der Druck auf Stadler hat sich erhöht: Seinen Technikchef Stefan Knirsch musste er vor wenigen Wochen verabschieden, weil dieser vom Abgasskandal doch mehr wusste als anfangs zugegeben. Der Diesel-Skandal hemmt die Neubesetzung der Stelle kräftig, berichtet das "Handelsblatt": Solange der Abschlussbericht von Jones Day zur Abgasaffäre nicht vorliege, könne Stadler keinen internen Kandidaten auf die Stelle setzen. Und externe Kandidaten werden sich wohl zweimal überlegen, ob sie die Stelle unter diesen Umständen annehmen werden.

In den Wirren des Dieselskandals sind nur wenige Dinge gesichert. Klar ist, dass das Kraftfahrtbundesamt prüft, ob die Audi-Software Verbrauchswerte verfälscht haben könnte. Sicher ist auch, dass Audi-Chef Stadler erneut Fragen von Jones Day beantworten muss. Im Gegensatz zu anderen Topmanagern des Volkswagen-Konzerns werden Stadlers Befragungstermine jedoch öffentlich gestreut.

Sollte Audi nun, wie Insider berichten, eine Rückruf-Einigung mit den US-Behörden erzielt haben, verschafft das Stadler wohl ruhigere Nächte. Schon bei der vorangegangenen Anhörung erklärte Bundesrichter Breyer, dass er "sehr optimistisch" sei im Hinblick auf eine Lösung. Die dürfte nun gefunden sein - Audi soll wohl 60.000 Autos per Software-Update umrüsten und 19.000 ältere Modelle zurückkaufen.

Dennoch ist die Diskussion um Stadlers Verbleib an der Spitze noch nicht vorüber. In den kommenden Wochen muss der 53-jährige Bayer wohl so heftig um seine Position kämpfen wie noch kaum zuvor.