Autobauer zieht sich zurück Renault könnte erstes Enteignungsopfer in Russland werden

Der französische Autobauer stoppt die Produktion in Russland. Auch die Mehrheitsbeteiligung an Avtovaz steht zur Disposition. In Moskau prüfen die Behörden derweil, wie es mit den Fabriken weitergeht.
Hängepartie: Produktionslinie im Moskauer Renault-Werk

Hängepartie: Produktionslinie im Moskauer Renault-Werk

Foto: Stanislav Krasilnikov; / imago images / ITAR-TASS

Nun also doch. Nur Stunden nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) den französischen Autobauer Renault bezichtigt hatte, indirekt Russland Krieg gegen sein Land zu finanzieren, hat der Konzern den Rückzug beschlossen. Am späten Mittwochabend verkündete das Unternehmen, die Produktion in Russland zu stoppen. Inzwischen prüfen die russischen Behörden, was nach dem Abzug mit dem Renault-Werk in Moskau geschehen soll. Der Kreml hatte angekündigt, westliche Firmen enteignen zu wollen, die das Land in Folge des Krieges verlassen.

Renault ist der am stärksten in Russland vertretene westliche Autokonzern – und könnte nun das erste prominente Opfer einer Enteignung werden. Im vergangenen Jahr verkauften die Franzosen vor allem über ihre Tochter Avtovaz mehr als eine halbe Million Autos in dem Land. Neben der eigenen Fabrik in Moskau – dort werden die Modelle Duster, Kaptur und Arkana sowie der Nissan Terrano gebaut – kamen die meisten davon aus den beiden zusätzlichen Avtovaz-Fabriken. Renault hält 69 Prozent an der Lada-Mutter, den Rest der staatliche Hightech-und-Rüstungskonzern Rostec. Renault-Chef Luca De Meo (54) konnte für Avtovaz zuletzt einen Jahresumsatz von rund 2,8 Milliarden Euro ausweisen.

Finanziell droht Renault mit dem Rückzug ein Desaster. Seit Mitte Februar war der Börsenwert des Konzerns ohnehin um fast 40 Prozent auf nur noch 6,8 Milliarden Euro eingebrochen. Man erwäge, in der ersten Jahreshälfte die Vermögenswerte in Russland mit 2,2 Milliarden Euro abzuschreiben, erklärte das Unternehmen nun. Das entspricht etwa einem Drittel des verbliebenen Werts. Details zur Organisation des Rückzugs nannte Renault jedoch nicht.

Zuletzt hatten sich wegen des Krieges viele große Konzerne aus dem Land zurückgezogen, insgesamt sind es bereits mehr als 400, darunter BP, Nike, McDonald's, Apple, Obi oder Adidas. Die deutschen Autobauer Mercedes, BMW und Volkswagen haben ihre Produktion in dem Land gestoppt. Renault hatte dagegen lange gezögert und die Bänder in den Fabriken erst vor wenigen Tagen wieder anfahren lassen, nachdem es aufgrund von Lieferproblemen zu Engpässen gekommen war. Doch der Druck war zu groß geworden.

Der französische Staat, der einen Anteil von 15 Prozent an Renault hält, habe die Entscheidung zur Einstellung der Moskauer Aktivitäten nicht erzwungen, sagte ein Regierungssprecher am Donnerstag. Allerdings sagte ein Insider gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die beiden Vertreter des Staates im Aufsichtsrat hätten die Entscheidung unterstützt. Trotz der möglichen Konsequenzen.

Die russische Regierung droht den westlichen Konzernen mit Enteignung ihrer Vermögenswerte, wenn sie das Land verlassen. Tengelmann-Inhaber Christian Haub (57) etwa rechnet fest damit, dass die 27 Filialen der Tochter Obi vom Staat übernommen werden . Mercedes hatte erklärt, dass Vermögen in Höhe von zwei Milliarden Euro könnte verstaatlicht werden. Die Renault-Fabrik bei Moskau könnte nun der erste große Fall werden. Das russische Industrie- und Handelsministerium erklärte bereits am Donnerstag, es würden Gespräche über die Zukunft des Werks geführt und was mit ihm geschehen solle. Man sei in ständigem Austausch mit dem Management, erklärte ein Sprecher. Eine Entscheidung wird für Ende nächster Woche erwartet.

Wie es derweil mit der Tochterfirma Avtovaz weitergeht, ist unklar. Zu einer Aufgabe seiner Anteile konnte sich der französische Konzern nicht durchringen. Allerdings erklärte das Unternehmen, man werde die Optionen bezüglich der Mehrheitsbeteiligung prüfen. Man müsse auch auf die rund 45.000 Angestellten Rücksicht nehmen. Aktuell stehen die Bänder wegen Teileengpässen still. Kommende Woche soll die Produktion zwar teilweise wieder aufgenommen werden, aber schon im April soll alles wieder stillstehen: Avtovas zieht die Betriebsferien vor. Man tue alles, um die Arbeitsplätze zu retten, erklärte das Joint Venture am Donnerstag. Künftig wolle man auch im Alleingang Autos der Marke Lada bauen, ohne ausländische Teile. Bislang wird etwa ein Fünftel der verbauten Teile und Rohstoffe importiert.

Für Renault-Chef De Meo ist der Einschnitt in Russland auch strategisch Rückschlag. Ein wesentlicher Teil seiner Turnaround-Strategie beruhte auf der Zusammenlegung der Billigmarken Dacia und Lada zu einer einzigen Geschäftseinheit. Die Fahrzeuge von Lada sollten auf der Fahrzeugplattform von Dacia gebaut werden; auch Dacia hätte von den Größenvorteilen profitiert. De Meo wollte so ins Segment der günstigen Familienfahrzeuge vorstoßen. Die Gewinnprognose für 2022 hat der Konzern infolge des Rückzugs bereits gekappt: Renault erwartet nur noch 3 Prozent operative Marge.

Trotzdem sei der Rückzug der richtige Schritt gewesen, erklärten etwa die Analysten der Credit Suisse. Ein Ausstieg aus Russland sei die bessere Option als ein Abwarten – auch wenn dies für das Unternehmen teuer wird.

lhy/Reuters, AP