Prozess um VW-Dieselskandal Ex-Audi-Chef Stadler drohen zehn Jahre Haft

Der Mammutprozess im VW-Dieselskandal hat begonnen. Den vier Angeklagten, darunter Ex-Audi-Chef Rupert Stadler und Ex-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz, drohen lange Haftstrafen.
Rupert Stadler: Der Mammutprozess begann am Mittwoch mit Verlesung der 100-seitigen Anklageschrift

Rupert Stadler: Der Mammutprozess begann am Mittwoch mit Verlesung der 100-seitigen Anklageschrift

Foto: PETER KNEFFEL / AFP

Fünf Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals bei Volkswagen hat am Mittwoch der erste Strafprozess um die manipulierten Abgaswerte begonnen. Vor dem Landgericht München II muss sich der frühere Audi-Chef Rupert Stadler (57) mit drei anderen Angeklagten wegen Betrugs, mittelbarer Falschbeurkundung und strafbarer Werbung verantworten. Allein für schweren Betrug sieht das Gesetz bis zu zehn Jahre Haft vor. Stadler soll ab Ende September 2015 davon gewusst haben, dass auch die VW-Tochter Audi in den Abgasskandal verwickelt ist und dennoch weiter den Verkauf manipulierter Audis betrieben haben. Der vor gut zwei Jahren abgelöste ehemalige Audi-Chef bestreitet bisher die Vorwürfe.

Die Vorwürfe gegen die drei anderen Angeklagten, darunter der ehemalige Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz (61), wiegen schwerer: Sie sollen veranlasst haben, dass ab 2009 die Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen manipuliert wurden. Während die Staatsanwaltschaft bei Stadler einen von ihm zu verantwortenden Vermögensschaden von mehr als 27 Millionen Euro sieht, sollen die anderen drei Angeklagten einen Schaden von 3,1 Milliarden Euro verursacht haben.

100-seitige Anklage wird verlesen

Am ersten Verhandlungstag sollte es nur zur Verlesung der etwa 100-seitigen Anklage kommen. Stellungnahmen der vier Angeklagten wurden erst für den zweiten Verhandlungstag am Dienstag kommender Woche erwartet. Der Verteidiger des angeklagten Motorenentwicklers Giovanni P., Walter Lechner, äußerte am Rande des Prozesses Zweifel an der Strafbarkeit des Verhaltens seines Mandanten. Es handle sich um ein "Organisationsverschulden", also eine Verantwortung in den Strukturen des Autoherstellers.

Vor Verlesung der Anklage verlangten die Verteidiger von Rupert Stadler Auskunft von allen am Prozess beteiligten Richtern, ob sie selbst oder Menschen aus ihrem Haushalt zwischen 2009 und 2020 ein Auto mit einem Diesel von Volkswagen genutzt haben. Diese Auskunft sei erforderlich um zu prüfen, ob möglicherweise eine Befangenheit vorliege. Das Gericht kündigte an, den Antrag "zu gegebener Zeit" zu beantworten.

Die vier Angeklagten erwartet ein Mammutprozess. Es sind 181 Verhandlungstage bis Ende 2022 angesetzt. Ob dann ein Urteil zu erwarten ist, ist nach den Worten einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft noch nicht absehbar.

Auch Ex-Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz vor Gericht

Schon den Sommer 2018 verbrachte Stadler hinter Gittern. Mitte Juni kam er damals als amtierender Audi-Chef in Untersuchungshaft, weil er in einem abgehörten Telefonat die Ermittlungen zu beeinflussen versucht haben soll. Gute vier Monate saß er hinter Gittern, kurz vor seiner Freilassung wurde sein Vertrag als Audi-Chef aufgelöst.

Stadler ist von den vier Angeklagten derjenige, dem die Anklage die geringste Schuld zuweist: Denn bei ihm geht es nur um die Frage, ob er tatsächlich nach dem Aufkommen des Dieselskandals von den Vorwürfen wusste und dann den Verkauf der manipulierten Diesel hätte stoppen müssen. Bei ihm geht es um 120.398 Autos, er soll einen Schaden von mehr als 27 Millionen Euro zu verantworten haben.

Die anderen Angeklagten dagegen sollen die Manipulationen direkt zu verantworten gehabt und rechnerisch am US-Markt für Audi einen Schaden von 3,1 Milliarden Euro verursacht haben. Der Verteidiger von Wolfgang Hatz kündigte an, dass dieser sich "ausführlich" zu den Vorwürfen äußern wolle - Details wollte er aber nicht nennen.

In Braunschweig drohen ebenfalls Mammutprozesse

Nachdem mittlerweile fünf Jahre vergangen sind seit Bekanntwerden des Dieselskandals und VW bereits in verschiedenen Zivilverfahren Milliarden zahlen musste, setzt der Münchener Prozess nun eine ganze Serie an Strafprozessen gegen ehemalige Verantwortliche in Gang.

Jüngst wurden vier weitere Audi-Manager in München angeklagt. In Braunschweig sind mittlerweile gegen den früheren VW-Chef Martin Winterkorn (73) zwei Anklagen zugelassen. Auch dort drohen Mammutverfahren.

la/cr/afp
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