Mammutprozess gegen Ex-Audi-Chef Stadler "Voreingenommen, willkürlich, einseitig" - Rupert Stadler greift die Staatsanwälte frontal an

Am 19. Verhandlungstag seines Prozesses im Abgasskandal hat Ex-Audi-Chef Rupert Stadler erstmals selbst gesprochen. Fast emotional richtete sich der Betriebswirt gegen die Ermittler - und offenbarte Überforderung im Management des Autokonzerns.
Aus München-Stadelheim berichtet Angela Maier
Kämpferisch: Rupert Stadler sprach am Dienstag zum ersten Mal im Prozess selbst

Kämpferisch: Rupert Stadler sprach am Dienstag zum ersten Mal im Prozess selbst

Foto: LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/Shutterstock

Der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich in der Dieselaffäre völlig zu Unrecht wegen Betrugs vor Gericht gestellt sieht. Als er am Dienstag, dem 19. Tag seiner Hauptverhandlung, erstmals selbst spricht, wird der eher spröde Betriebswirt für seine Verhältnisse fast emotional.

Die Staatsanwälte missbrauchten ihn als "Galionsfigur" und instrumentalisierten das Verfahren politisch, schließt Stadler am Nachmittag sein Statement, lauter und flüssiger als in den drei Stunden zuvor. Die Strafverfolger hätten "nicht das Recht dazu, mich bewusst schlechter als andere Verfahrensbeteiligte zu behandeln". Er erwarte "eine faire und absolut neutrale Behandlung durch die Staatsgewalt".

Das Gegenteil war, so sieht es jedenfalls Stadler, bisher der Fall. Die seiner Darstellung nach falschen Aussagen des ebenfalls angeklagten Motorenentwicklers Giovanni P., des Kronzeugen der Staatsanwälte, seien zur Grundlage für seine Untersuchungshaft im Sommer 2019 gemacht worden. Ihn Entlastendes lasse die Staatsanwaltschaft dagegen oft unberücksichtigt.

Er habe alles versucht, um seine Mitarbeiter zur Aufklärung zu bewegen, betont Stadler. Immer wieder habe er die Techniker aufgefordert, "die Hosen runterzulassen", ihnen die interne Revision geschickt, Amnestieprogramme gestartet. Ohne Erfolg. Dass die Staatsanwälte daraus aber ableiteten, seine Aufklärungsbemühungen seien ungeeignet gewesen, sei "willkürlich, unbegründet und einseitig".

Kämpferisch fragt er: "Was darf man von einer Staatsanwaltschaft erwarten, die fortwährend den Eindruck vermittelt, voreingenommen zu sein?"

"Tarnen und Täuschen war Teil einer Arbeits-, vielleicht auch Angstkultur"

Was eigene Fehler als langjähriger Vorstandschef der Volkswagen-Tochter angeht, hat Stadler allerdings in seiner Einlassung wenig beizutragen. Nur so viel: Er mache sich "persönlich zum Vorwurf", dass es ihm nicht gelungen sei, den wirtschaftlichen und den Reputationsschaden für Audi zu verhindern.

Erst "mit dem nachträglichen Wissen aus intensivem Aktenstudium" habe er "umso schmerzlicher" festgestellt, welch "gravierende Fehlentwicklungen" in der Entwicklung der Dieselaggregate vorherrschte. "Tarnen und Täuschen war über einen langen Zeitraum hinweg Teil einer Arbeits-, vielleicht auch Angstkultur." Er selbst habe dagegen stets nach einer offenen und ehrlichen Firmenkultur gestrebt. 

Doch wieso schlug das so dramatisch fehl? Wie konnten die wichtigsten Techniker – so stellt es Stadler dar – ihren CEO auch dann noch belügen und behaupten, die Dieselmotoren der für Europa produzierten Autos seien nicht manipuliert, als der Skandal in den USA längst aufgeflogen war? 

Derlei Fragen werden am Dienstag noch nicht gestellt, denn Stadlers Verteidiger lassen vorläufig keine Fragen an ihren Mandanten zu. Die Staatsanwälte werfen Stadler "Betrug durch Unterlassen" vor; er hätte den Verkauf der Dieselautos in Europa nach Aufdeckung der Manipulationen durch die US-Umweltbehörde EPA im Herbst 2015 stoppen müssen.

Stadler beharrt darauf, dem Vorstand sei strafrechtlich nichts vorzuwerfen, noch nicht mal Organisationsversagen. Das Gremium habe "organisatorisch und bezüglich der Richtliniengestaltung alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Mitarbeiter zu befähigen, dass sie regelkonform arbeiten".

Als Betriebswirt den Technikern ausgeliefert

Stattdessen klingt, was Stadler referiert, eher wie ein Komplott der Techniker. Der Leiter der Audi-Dieselmotorenentwicklung, Ulrich W., habe nach Auffliegen der Manipulationen bei VW-Vierzylindermotoren in den USA im September 2015 dem Audi-Vorstand versichert, "dass der V6 TDI keine Prüfstandserkennung habe". Bei Audi gelte der Grundsatz "Rolle gleich Straße". Für den Audi-Vorstand sei "die Dimension und Komplexität in keiner Weise einschätzbar und greifbar" gewesen. Er habe als Betriebswirt von den technischen Einzelheiten ohnehin wenig verstanden. 

Umso größer sei der Schock gewesen, als die US-Behörden im November 2015 auch im V6-Motor eine illegale Software entdeckten. Doch auch dann hätten die Techniker dem Audi-Vorstand versichert, "dass der Sechszylinder-Diesel den europäischen Zulassungsbedingungen entspricht". Denn dieser habe eine ganz andere Warmlauffunktion als der in den USA. So vereinbarte Audi mit dem Kraftfahrtbundesamt zwar freiwillige Serviceaktionen zum Austausch von Software. Aber bis Januar 2018 wurden in Europa noch 120.000 Autos mit überhöhtem Stickoxidausstoß verkauft.

Im Detail erzählt Stadler, wie er noch im November 2015 mit dem Werksflugzeug in die USA flog. Eine Audi-Delegation um Dieselmotorenentwicklungschef W. und den Angeklagten P. hatte einen Termin mit den US-Umweltbehörden. Stadler wollte dem Team beistehen und den Behörden seinen ernsthaften Willen zur Aufklärung erklären. Letztlich habe er es dort auf Anraten der Anwälte dann aber bei einem Telefonat vom Hotel aus mit den Behörden belassen. Die Anwälte sagten nämlich, bei solchen Terminen sei das Beisein eines CEO unüblich.

Der Kronzeuge und der Rotweinunfall

P. habe er dort zum ersten Mal kennengelernt und auch gleich in Erinnerung behalten, da dieser beim Abendessen neben ihm saß und ihm versehentlich ein halbes Glas Rotwein auf die Hose schüttete. P. habe weder diese noch andere Gelegenheiten genutzt, Stadler über die Manipulationen zu informieren. P.s früher geäußerte Behauptung, er habe an den US-Behördengesprächen "nicht teilnehmen dürfen, weil er aufklären wollte, ist eine Legende", sagte Stadler.

Ohnedies mache sich die Staatsanwaltschaft falsche Vorstellungen von den Strukturen in einem großen Industriekonzern wie Volkswagen mit 600.000 Mitarbeitern, davon allein 90.000 bei Audi. Sein Kalender sei voll gewesen mit Sitzungen über Sitzungen, der Vorstandsgremien in Ingolstadt und Wolfsburg, der diversen Strategiekomitees oder sonstiger Ausschüsse. Einen Großteil der 200 bis 300 E-Mails, die er als Vorstandschef täglich erhalten habe, habe er nie zu Gesicht bekommen. Wesentliche Entscheidungen seien im Zehn-Minuten-Takt gefallen, und selbst für das Wochenende habe er noch ein bis zwei Postkoffer mit nach Hause genommen. 

Im Jahr hätten ihn normalerweise nur fünf bis zehn "blaue Meldungen" über Probleme persönlich erreicht. Er habe keine Erinnerung, dass an dem Schadentisch, wo Probleme besprochen wurden, auch er selbst mit dem Problem der Abgasreinigung befasst gewesen sei.

Verteidiger wollen Prozess wegen Corona kippen

Am Morgen war P.s Verteidiger Walter Lechner (80) vorgeprescht mit Kritik am Gericht, angesichts der neuen Infektionslage sei eine unveränderte Fortführung des Prozesses "unverantwortlich" und womöglich eine "tickende Zeitbombe". Stadlers Anwalt Thilo Pfordte schlägt später in dieselbe Kerbe: Das Gericht solle unter Berücksichtigung der Virusmutation abermals ein Sachverständigengutachten einholen, ob der Infektionsschutz noch gewährleistet sei.

Wegen Corona findet die Hauptverhandlung zwei Tage pro Woche im modernen Gerichtssaal der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim statt, da der besonders groß, sechs Meter hoch und mit einer Lüftungsanlage auf dem Stand der Technik ausgerüstet ist. Allein mit Richtern, Schöffen, Staatsanwälten, Angeklagten und ihren Verteidigern kommen hier zweimal pro Woche zwei Dutzend Personen zusammen, die keine Maske tragen. Hinzu kommen bis zu zwanzig Vertreter von Medien und Öffentlichkeit mit Masken. 

Richter Stefan Weickert sieht damit dem Infektionsschutz Genüge getan. "Die Aufrechterhaltung der Justiz ist auch systemrelevant."

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