Unternehmensberater sehen Chance auf Innovationsschub Roland Berger preist heilsame Wirkung von Fahrverboten
"Verbotsschild für Dieselautos", aufgestellt von der Umweltorganisation Greenpeace
Foto:Lino Mirgeler/ dpa
Disruptions-Radar: Diese fünf Grafiken zeigen, warum Asiens Autoindustrie enteilt
Für die Autoindustrie sind Fahrverbote erklärtermaßen Teufelszeug. "Fahrverbote sehen wir generell als falschen Schritt an", erklärte zuletzt etwa Volkswagen-Chef Matthias Müller. Auch Politiker von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bis hin zu den Grünen wollen Fahrverbote als Folge des Abgasskandals vermeiden - und haben sich deshalb am Montag zum Diesel-Gipfel getroffen. Die eine fürchten sinkende Absätze für Diesel-Autos, die anderen wütende Wähler.
Doch neben der Deutschen Umwelthilfe und Greenpeace stellt nun auch die Unternehmensberatung Roland Berger die Vorteile Innenstadt-Sperrungen heraus. Die Radikal-Maßnahme für sauberere Luft - so die Analyse - könnte der Branche Beine machen bei der Entwicklung neuer, sauberer Fahrzeuge. Ein solcher Weckruf sei durchaus hilfreich, da asiatische Länder rasante Fortschritte bei Elektromobilität und autonomem Fahren machten.
"Fahrverbote schaffen ein Umfeld, das neue Entwicklungen vorantreibt", sagt Roland-Berger-Autoexperte Wolfgang Bernhart gegenüber manager-magazin.de. Manche Regulierungen seien zunächst für einige Firmen schmerzhaft. Doch könnten sie "den Veränderungsprozess beschleunigen". Diesel-Fahrverbote seien womöglich "das richtige Mittel", um Hersteller und Kunden auf elektrische und selbstfahrende Mobilität zu lenken, heißt es im zweiten "Automobil-Disruptions-Radar" von Roland Berger.
In zahlreichen europäischen Metropolen, darunter Paris, Oslo, London, Stuttgart und München, stehen weitreichende Einfahrverbote oder -Beschränkungen Fahrverbote für Diesel-Autos im Raum. Die Stadtverwaltungen wollen damit die Luftqualität verbessern und das Smog-Risiko senken.
Einen Schub hat die Diskussion um Sperrungen durch den Abgasskandal bekommen. Dabei wurde für eine breite Öffentlichkeit deutlich, dass die allermeisten Diesel-Fahrzeuge während der Fahrt viel mehr Stickoxide ausstoßen als beim offiziellen Prüfverfahren.
Doch laut den Fachleuten von Roland Berger bedrohen weniger Fahrverbote und Emissionsvorschriften die Schlagkraft der europäischen Autoindustrie als ein verschleppter Wandel zu neuen Antrieben und Techniken des autonomen Fahrens. "Gesetze schaffen den Rahmen für Innovation" so Bernhart. "Ohne bestimmte Regeln droht Stillstand in den einzelnen Ländern." Ein Verbot des Verbrennungsmotors lehnt Bernhart demgegenüber als zu weitgehend ab.
Die Unternehmensberater haben zuletzt beobachtet, dass China und andere asiatische Staaten den Rest der Welt bei automobilen Zukunftstechniken abzuhängen drohen. "Mehrere Länder in Asien haben derzeit die Führung übernommen" sagt Bernhart. "Diese Gruppe darf sich aus europäischer Sicht nicht absetzen."
Warum China, Südkorea und Singapur beim Auto der Zukunft zu enteilen drohen
Ausweitung von "Dieselgate" im Überblick: Dirty Diesel reloaded - die jüngsten Volten im Abgasskandal
Im "Disruptions-Radar" haben sich China, Singapur und Südkorea nach vorn katapultiert und nähern sich dem Spitzenreiter Niederlande rasant an. Die wichtigsten Gründe:
- Die Kundschaft zeigt sich sehr aufgeschlossen für neue Technologien wie Elektroautos und selbstfahrende Autos
- Die Technik macht in den genannten Ländern große Fortschritte
- Die Politik setzt einen effektiven regulatorischen Rahmen.
In China erwägen inzwischen 60 Prozent der von Roland Berger befragten potenziellen Autokäufer, als nächstes Fahrzeug ein E-Mobil anzuschaffen. In Südkorea sind es 55 Prozent. In Deutschland spielen 35 Prozent der Befragten mit diesem Gedanken, in den USA gerade einmal 15 Prozent. Weltweit wurden für die Untersuchung mehr als 11.000 Menschen befragt.
Das Kundenverhalten spielt auch beim autonomen Fahren und neuen Mobilitätsangeboten eine große Rolle. So nutzen bereits heute mehr als jeder zweite Verkehrsteilnehmer in vielen Ländern Asiens mindestens einmal pro Woche eine App, um ans Ziel zu kommen - sei es per öffentlichem Nahverkehr, sei es per Taxi oder Carsharing. In Deutschland nutzen gerade einmal 10 Prozent Apps im Verkehr.
Daraus leiten die Roland-Berger-Experten die These ab, dass Menschen in Asien schneller auf neue Mobilitätsangebote reagieren könnten. Diese funktionieren häufig nur mit einem Smartphone. Hilfreich in diesem Zusammenhang sei, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung bis heute nicht an einen eigenes, privates Fahrzeug gewöhnt habe und diese Besitz-Kultur nicht erst durch eine andere ersetzen müsse.
An neue Mobilitätsangebote sind vor allem deshalb so hohe Erwartungen geknüpft, weil autonome Fahrzeuge schon in wenigen Jahren völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen könnten. "Autonomes Fahren wird disruptiv, wenn Roboter-Taxis kommen", sagt Roland-Berger-Mann Bernhart.
Die Entwicklung von Elektroautos hängt damit unmittelbar zusammen. Sie lassen sich kontaktlos wie eine elektrische Zahnbürste aufladen und sind als viel gefahrene Fahrzeuge über ihre Lebensdauer schon bald - wenn nicht bereits jetzt - billiger und pflegeleichter als Verbrenner.
Sehr unternehmensfreundliche Gesetze zum Test selbstfahrender Autos wie in Singapur gelten daher als mitentscheidend für den Erfolg der neuen Technologie. In Deutschland kommt der Prozess laut Roland Berger langsamer voran. Fazit: "Während asiatische Länder wie Singapur, China oder Südkorea ihre Aktivitäten beschleunigen, sind die westlichen Märkte - und besonders die deutschen Hersteller - damit beschäftigt, sich vor den Folgen der Dieselkrise zu schützen."