Elektro-Pick-ups Rivian verbrennt mehr Geld als erwartet

Kurz nach dem Börsenstart im vergangenen November war der US-Autobauer Rivian zwischenzeitlich mehr wert als Volkswagen. Es folgte ein steiler Absturz. Nun soll unter anderem ein Ex-Mercedes-Topmanager die Wende mit herbeiführen.
Kurzer Hype: Rivian war kurz nach Börsenstart 153 Milliarden Dollar wert - heute sind es 35 Milliarden Dollar

Kurzer Hype: Rivian war kurz nach Börsenstart 153 Milliarden Dollar wert - heute sind es 35 Milliarden Dollar

Foto: BRENDAN MCDERMID / REUTERS

US-Elektroautohersteller Rivian hat in der Nacht auf Freitag seine Prognose für das laufende Jahr gekippt. Die Kalifornier rechnen nun mit einem Verlust von 5,45 Milliarden Dollar im Gesamtjahr, bislang waren sie von 4,75 Milliarden Dollar ausgegangen. Rivian schob den negativen Ausblick vor allem auf gestiegene Produktions- und Materialkosten. Zuletzt hatte das Unternehmen rund 6 Prozent seiner Mitarbeiter entlassen. Auch seine angepeilten Investitionen im laufenden Jahr dampfte Rivian um 600 Millionen Dollar auf nun zwei Milliarden Dollar ein.

Allein im zweiten Quartal hat der Hersteller von Elektro-Pick-ups und -lieferfahrzeugen 1,7 Milliarden Dollar verbrannt - knapp dreimal so viel wie noch im Vorjahresquartal. Der Druck auf CEO Robert Scaringe (39) steigt. Redburn-Analyst Charles Coldicott erklärte beispielsweise gegenüber dem Finanznachrichtendienst "Bloomberg" : "Der Markt verzeiht mittlerweile eindeutig weniger Probleme, die den Zeitpunkt hinauszögern, an dem sich solche Unternehmen selbst finanzieren können." Nach eigenen Angaben hat Rivian noch etwa 15,5 Milliarden Dollar an Cash-Reserven.

Anders als zuletzt etwa bei Luxus-Autobauer Lucid fielen die Zahlen bei Rivian immerhin nicht komplett bodenlos aus. Beim Umsatz übertraf der Hersteller mit 364 Millionen Dollar im zweiten Quartal die Erwartungen der Analysten. Die waren zuvor im Durchschnitt von 335 Millionen Dollar ausgegangen. Im Gegensatz zu Lucid musste Rivian auch nicht ein weiteres Mal seine Produktionsziele einkassieren.

Im zweiten Quartal konnte der Hersteller seine Fertigung etwas hochfahren: Nach 2553 Neuwagen in den ersten drei Monaten 2022 liefen nun 4401 Einheiten im Werk in Normal, Illinois, vom Band. Für die zweite Jahreshälfte hat sich Rivian deutlich mehr vorgenommen: 25.000 Fahrzeuge sollen es bis Ende des Jahres werden. "Unser Hauptaugenmerk liegt weiterhin auf dem Hochfahren der Produktion", schrieb das Unternehmen an seine Investoren, stellte diese aber direkt auf mögliche Komplikationen ein. "Wir glauben jedoch, dass Einschränkungen in der Lieferkette weiterhin der begrenzende Faktor sein werden."

Die Zeit für Rivian drängt, hat sich der Hersteller doch beispielsweise gegenüber Amazon - gleichzeitig einer der größten Investoren des Unternehmens - verpflichtet, bis 2030 insgesamt 100.000 elektrische Lieferwagen an den Versandriesen auszuliefern. Daneben liegen Rivian nach eigenen Angaben weiter 98.000 Vorbestellungen für das Pick-up-Modell R1 vor.

Ex-Bosch-Vorstand Harald Kröger kommt

Die Wall Street reagierte auf Rivians Zahlenwerk zurückhaltend, nachbörslich sank die Aktie  zwischenzeitlich um mehr als 2 Prozent, erholte sich inzwischen aber etwas. Die noch junge Börsengeschichte des Unternehmens verlief turbulent. Kurz nach dem Start im November 2021 stieg der Firmenwert auf bis zu 153 Milliarden Dollar, Rivian war damit zwischenzeitlich mehr wert als Volkswagen, Mercedes oder BMW. Es folgte ein schwerer Einbruch, inzwischen beträgt die Marktkapitalisierung gut 35 Milliarden Dollar.

Für mehr Stabilität bei Rivian soll künftig auch ein deutscher Auto-Veteran sorgen. Das Unternehmen gab im Zuge der Quartalsbilanz bekannt, dass Harald Kröger (55) in den Verwaltungsrat einziehe. Kröger war bis Ende des vergangenen Jahres Geschäftsführer der Mobility-Sparte bei Bosch, zuvor war er beim Zulieferer Bereichsvorstand Automotive Electronics. Seine Karriere hatte der Manager bei Daimler begonnen und war dort über 20 Jahre lang in verschiedenen Führungspositionen tätig.

In den USA wird sich Rivian künftig immer größerer Konkurrenz erwehren müssen. Noch ist das Segment der elektrischen Pick-ups überschaubar, einzig nennenswerter Wettbewerber für Rivian ist bislang Ford mit dem F-150 Lightning. Im kommenden Jahr will auch Tesla mit seinem bereits mehrfach verschobenen Cybertruck in den Markt einsteigen. Noch etwas länger wird es bei Volkswagen dauern. Die Wolfsburger legen die Marke Scout neu auf, der erste Elektro-Pick-up jenes Fabrikats wird aber erst 2026 erwartet.

sey
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