Renault setzt legendären Dacia-Vordenker auf Elektroauto an Renault plant Elektroauto für 8000 Dollar - mit diesem Mann

Gérard Detourbet: Der Mathematiker senkte bei Dacia kräftig Kosten - indem er weniger Teile verbauen ließ

Gérard Detourbet: Der Mathematiker senkte bei Dacia kräftig Kosten - indem er weniger Teile verbauen ließ

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"Diese Branche steckt voller Überraschungen", erklärte Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn vor wenigen Wochen auf dem Pariser Autosalon. So entwickle sich China derzeit zum größten Markt für Elektroautos, obwohl er das eher für Nordamerika angenommen habe. Chinesische Hersteller würden auf ihrem Heimatmarkt mit kleinen, billigen Elektroautos punkten. Deshalb entwickeln Ingenieure von Renault und Nissan nun laut Ghosn ein "leistbares Elektroauto" für China.

Nun hat Ghosn auf einer Konferenz in Paris genauer erläutert, was er sich unter "leistbar" vorstellt. Und das muss der Konkurrenz Angst machen. Seine Minimalvorstellung: Das Auto soll weniger als 8000 Dollar nach Förderungen in China kosten. Doch eigentlich will es Ghosn noch viel günstiger . "Was wir tun wollen, ist ein Elektroauto für 7000 bis 8000 Dollar ohne Förderungen zu bringen.", sagte er laut einem Bericht der Agentur Reuters . "Wenn wir diesen Durchbruch schaffen, wird er das Spiel verändern".

Dass Ghosn es ernst meint, zeigt auch seine Personalauswahl für das Elektro-Billigauto. Das plant sein bester und erfahrenster Manager für kostengünstige Vehikel: Gérard Detourbet, der von den Medien gerne als "Mr. Low Cost" bezeichnet wird. Die Involvierung des 70-jährigen Managers dürfte in der Autobranche für kräftige Unruhe sorgen. Denn eines hat Detourbet mehrfach gezeigt: Wenn er auf den Plan tritt, wird der Preiskampf richtig hart.

Der promovierte Mathematiker mit der sanften Stimme hat in der Branche einen Ruf wie Donnerhall. Detourbet widerlegte die These, dass nur große, teure Autos hohe Gewinne bringen. Er bewies, dass ein Autohersteller auch mit richtig günstigen Autos gutes Geld verdienen kann. Denn Detourbet war lange Jahre Leiter des Programms "Entry" - also jenes Teams, das Anfang der 2000er-Jahre den Dacia Logan entwickelte.

In der Branche wurde das Projekt zuerst belächelt. Ein qualitativ halbwegs ansprechendes Auto, das auch noch eine auskömmliche Marge einfahren sollte, sei zum Neupreis von 5000 Euro schlicht nicht machbar, argumentierten viele. Detourbet bewies, dass dies sogar sehr gut möglich ist. Die erste Version seines Logan war noch ein optisch eher ungelenkes, aber praktisches Auto. Der Aldi unter den Autos wurde zunächst nur in Schwellenländern verkauft. Doch weil immer mehr Leute in den Autohäusern Westeuropas nach dem Billigwagen fragten, bot Renault das Auto bald auch hierzulande an.

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Kostensenkung durch geringere Teile-Anzahl

Heute gewinnt Dacia auch in Europas Krisenländern kräftig Marktanteile, die Angebotspalette umfasst mittlerweile Kleinwagen, Kompaktwagen, Vans und einen SUV. Im vergangenen Jahr verkaufte die Marke weltweit 550.000 Fahrzeuge, kommt also auf ein knappes Viertel der Renault-Absatzzahlen. Im Jahr 2010 waren es noch 350.000 Dacia-Fahrzeuge weltweit. Renault veröffentlicht keine Gewinn-Kennzahlen zu seiner rumänischen Billigtochter. Doch die Gewinnmarge, heißt es in der Branche seit langem, soll sehr auskömmlich sein.

Sein Rezept zur Kostensenkung, so erklärte Detourbet einmal , sei das Weglassen: Er senke die Anzahl der Teile, die in einem Auto verbaut werden. Damit bekomme man ein Auto, das schon beim Entwerfen weniger koste, leichter zusammenzubauen sei und bei dem einfach weniger schiefgehen könne. Ingenieure würden eine Menge Dinge kreieren, die nie von Kunden benutzt werden. Das Geheimnis sei, nur das zu tun, was die Kunden erwarten - und eben nicht mehr als das.

Der große Vereinfacher Detourbet hat aber nicht nur der als hoffnungslos veraltet verschrienen Marke Dacia neues Leben eingehaucht. Er hat Renault zuletzt auch einen beachtlichen Erfolg in Indien beschert - jenem Land, das bei Neuwagenpreisen als das weltweit härteste Pflaster gilt. Renaults Kwid, ein Kompakt-SUV mit einem Neupreis ab 3500 Euro, ist ebenfalls unter Detourbets Leitung entstanden.

Klein-SUV Renault Kwid

Klein-SUV Renault Kwid

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Der äußerlich durchaus ansehnliche Wagen rollt gerade den indischen Markt auf. Seit September 2015 wird das Fahrzeug in Indien verkauft. Innerhalb des vergangenen Jahres konnte Renault seinen Marktanteil im Land auf 5 Prozent verdoppeln, wegen des großen Erfolges wird das Kwid-Werk im indischen Chennai bald eine dritte Schicht einführen. Der Günstigst-SUV soll künftig auch in Brasilien und vielen Schwellenländern angeboten werden, erklärte Ghosn jüngst in Paris.

"Ein billiges Auto darf nicht arm aussehen"

Detourbets Kosten-Trick beim Kwid war zum einen eine umfassende Fertigung der Autoteile in Indien. Laut der indischen Wirtschaftszeitung Mint werden 98 Prozent der für Kwid notwendigen Teile im Land hergestellt. Deshalb kann Renault die Ersatzteile im Schnitt um ein Fünftel billiger anbieten als Suzuki-Maruti für seinen Alto, Indiens meistverkauften Neuwagen. Angeboten wird der nur 3,6 Meter lange Klein-SUV mit für deutsche Verhältnisse winzigen Motoren: Sein 0,8-Liter-Dreizylindermotor kommt auf nur 54 PS, der seit kurzem erhältliche 1-Liter-Motor kommt auf 77 PS.

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Zum anderen hat sich bei der Innen- und Außenraumgestaltung erkennbar Mühe gegeben. Kopfstützen auf allen Sitzplätzen, elektrische Fensterheber, sogar ein Navigationssystem mit Touchscreen: All das lässt sich für den Kwid um wenig Aufpreis ordern "Ein billiges Auto darf nicht arm aussehen. Sonst hat es keinen Erfolg", sagte Renaults Designchef Laurens van den Acker zur Markteinführung.

Detourbet hat wohl genau beim indischen Konkurrenten Tata hingesehen. Denn dessen Billigst-Vehikel Nano floppte trotz eines Preises von nicht einmal 3000 Euro. Denn wegen seines lieblosen Verzichts-Designs hatte der Nano rasch den Ruf eines Arme-Leute-Autos weg. Da Autos in Indien auch sozialen Status ausdrücken, kauften sich viele aus der Nano-Zielgruppe lieber einen etwas höher angesehenen Gebrauchtwagen.

Warum der Kwid nicht so bald nach Europa kommen wird

Jetzt wird Detourbet, der Prozess-Simplifizierer, zwischen dem indischen Chennai und der chinesischen Stadt Wuhan pendeln, wo Renaults China-Partner Dongfeng seinen Hauptsitz hat. Laut der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos erwägt Detourbet , für sein Billig-E-Mobil die Kwid-Plattform zu elektrifizieren. Eine schwierige Nuss hat er allerdings noch zu knacken: Derzeit machen Lithium-Ionen-Akkus noch bis zu 30 Prozent des Preises eines Elektroautos aus. Mit der Wahl des richtigen Zelllieferanten lässt sich der Preis noch deutlich drücken, meint Les Echos. Doch ob das dann für ein Billigauto ausreiche, sei noch unklar.

Deshalb beschleunige Renault in aller Diskretion auch noch ein zweites großes internes Projekt, schreibt Les Echos: Die Entwicklung eines besonders kostengünstigen Plugin-Hybridantriebs, der bis zu 60 Kilometer reiner Elektro-Reichweite zuließe.

Doch handfeste Informationen zu mögliche Karosserieform oder Kaufpreisen des Billig-Stromers sind noch rar, denn Ghosn und Renaults PR-Leute wollen dazu bislang nur wenig sagen. Elektroauto-Interessierte in Industrieländern sollten sich aber nicht allzu große Hoffnungen machen, dass Renault seinen Günstig-Stromer rasch in ihre Märkte bringt. Denn der Kwid hat einen entscheidenden Schwachpunkt: Selbst mit optional orderbaren Airbags entspricht er kaum hiesigen Sicherheitsstandards. In einem Crashtest der renommierten Institution Global NCAP erreichte er nur einen von fünf Sternen.

Natürlich kann Renault auch beim Kwid oder einem eigenen Günstig-Stromer Fahrgastzellen und Türen verstärken und Airbags serienmäßig einbauen. Ähnlich sind die Franzosen bei der in Westeuropa verkauften Logan-Version vorgegangen. Bloß: Zu indischen Kampfpreisen lassen sich die Fahrzeuge dann nicht mehr anbieten.

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