Verhaftung des Renault-Nissan-Chefs Der jähe Absturz des Carlos Ghosn - um diese Fragen geht es

Carlos Ghosn, Architekt und Strippenzieher der Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi

Carlos Ghosn, Architekt und Strippenzieher der Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi

Foto: © Babu Babu / Reuters/ REUTERS

Die Umstände seiner Verhaftung werfen Fragen auf, zahlreiche Unternehmenskenner vermuten eine gezielte "Palastrevolution": Nach der Festnahme von Renault-Nissan-Lenker Carlos Ghosn sickern nun weitere Details durch, was es mit den Veruntreuungs-Vorwürfen gegenüber dem 64-jährigen Manager auf sich hat.

Seinen Job als Chef des Verwaltungsrats bei Nissan und Mitsubishi ist Ghosn wohl in Kürze los, der französische Staat will außerdem schnell einen Interims-Chef bei Renault sehen. Was bisher bekannt ist - und welche Verwerfungen Ghosns Verhaftung bei der Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi auslöst.

Welches Fehlverhalten wird Ghosn konkret vorgeworfen?

Offiziell erklärte Nissan  , dass Ghosn nach internen Untersuchungen die Angabe zu niedriger Bezüge sowie der Einsatz von Firmeneigentum für private Zwecke vorgeworfen werden. Zu Details der Ghosn gemachten Vorwürfe äußerte sich Nissan-CEO Hiroto Saikawa in einer Pressekonferenz nicht.

Berichten japanischer Medien zufolge soll Nissan Wohnungen gekauft und unterhalten haben, die Ghosn vor allem privat nutzte. und für die er zumindest in Teilen kaum Miete bezahlte. Laut der Tageszeitung Nikkei gründete Nissan  in den Niederlanden eine Firma, die offiziell in Startups investieren sollte. Tatsächlich soll das Unternehmen gut 18 Millionen Dollar investiert haben für den Kauf und Unterhalt von Luxusdomizilen in Rio de Janeiro und Beirut.

Andere Quellen berichten von weiteren, von Nissan finanzierten und renovierten Luxusimmobilien in Paris und Amsterdam, die Ghosn jederzeit zur Verfügung standen. Ghosn selbst hat brasilianisch-libanesische Wurzeln und Pässe beider Länder, die französische Staatsbürgerschaft hat er ebenso. Drei der von Nissan erworbenen Wohnungen liegen also Ghosns Heimatländern. Die Immobilien hätten keinen Geschäftszweck gehabt und seien in Berichten an die Börse nicht als zusätzliches Einkommen oder geldwerter Vorteil erwähnt, heißt es in einem Bericht von Japans öffentlichem Rundfunk NHK. Angeblich soll Ghosn sich von Nissan auch Familienurlaube bezahlen haben lassen, die Kosten dafür sollen sich auf über 100.000 Dollar summieren.

Zudem soll Ghosn laut "Nikkei" auch über fünf Jahr lang Boni kassiert haben, die an die Aktienkursentwicklung gekoppelt waren. Diese tauchten aber nicht im Vorstandsvergütungsbericht von Nissan auf - laut Insidern auf Drängen von Ghosn, der die Offenlegung solcher Kompensationszahlung als nicht notwendig erachtet haben soll. Es geht dabei laut Nikkei um eine Summe von 36 Millionen Dollar. Insidern zufolge sind die Untersuchungen auf nun auch auf die Finanzierung der Allianz von Renault und Nissan ausgeweitet worden.

Wo hält sich Ghosn aktuell auf?

Ghosn und sein Kollege Greg Kelly wurde am Montagabend auf dem Tokioter Flughafen festgenommen, wie Nissan bestätigte. Noch wurde gegen Ghosn nicht formell Anklage erhoben. Laut der Tageszeitung "Asahi" beantworteten Ghosn und Kelly nach ihrer Verhaftung Fragen der Ankläger und Ermittler. Wo sich Ghosn aktuell aufhält, ist nicht bekannt. In Japan werden Verdächtige üblicherweise ins Tokioter Untersuchungsgefängnis überstellt, wie Nachrichtenagenturen berichten.

Wie Ghosns Verhaftung sein Lebenswerk ins Wanken bringt

Welche Konsequenzen ziehen Nissan, Renault und Mitsubishi daraus?

Die betroffenen Autohersteller handeln schnell und eindeutig: Sie drängen Ghosn aus seinen Posten raus. Nissan  will Ghosn als Verwaltungsratsvorsitzenden absetzen, wie CEO Saikawa gestern erklärte. Das Gremium soll am Donnerstag zusammentreten. Kurz darauf erklärte auch Mitsubishi , Ghosn als Verwaltungsratschef absetzen zu wollen. Nissan ist Mitsubishis größter Anteilseigner.

Renault  hat für heute eine Krisensitzung seines Verwaltungsrats angesetzt. Die Franzosen wollen Ghosn nicht komplett rauswerfen, sondern vorerst eine kommissarische Führung für den Autohersteller. "Herr Ghosn ist heute nicht in der Lage, das Unternehmen zu führen", erklärte Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire. Der französische Staat hält 15 Prozent der Anteile bei Renault. Allerdings betreibe die französische Regierung nicht die förmliche Ablösung des Topmanagers, sagte Le Maire. "Wir haben keine Beweise."

Was bedeutet Ghosns Verhaftung für die Dreier-Allianz?

Ghosns große Herausforderung für die kommenden Jahre war es eigentlich, die von ihm maßgeblich initiierte, komplizierte Allianz dreier verschiedener Autohersteller zu sichern und für eine geordnete Übergabe zu sorgen. Der mit Überkreuzbeteiligungen gesicherte Verbund von Renault, Nissan und Mitsubishi ist aktuell der zweitgrößte Autohersteller der Welt hinter Volkswagen - und steht für jährlich mehr als 10 Millionen verkaufte Fahrzeuge.

Ghosns Verhaftung, so meinen Beobachter, erschüttere den Dreierbund tief - und erhöhe die Gefahr, dass die Allianz auseinanderfallen könne. Ghosn sei "der Klebstoff, der Renault und Nissan zusammenhält", beschrieb es der Analyst Max Warburton von Sanford C Bernstein. Nun werde die Distanz zwischen den Franzosen und Japanern wohl deutlich wachsen.

Schon länger rumort es wohl kompliziert austarierten Gefüge: Nissan verkauft deutlich mehr Autos als Renault und liefert höhere Gewinne - aber Renault besitzt einen größeren Anteil an Nissan als umgekehrt: Die Franzosen sind mit 43 Prozent an Nissan beteiligt, der japanische Partner wiederum hält 15 Prozent an Renault. Bei Entscheidungen hat Renault deshalb oft die Oberhand, heißt es.

Ablösungstendenzen zeigt bereits der Dritte im Bunde: Der japanische Autokonzern Mitsubishi stellt das geplante Bündnis mit den Wettbewerbern Nissan und Renault infrage . Die Allianz werde ohne den derzeit inhaftierten Renault-Chef Carlos Ghosn schwer zu managen sein, sagte Mitsubishi-Chef Osamu Masuko

Warum glauben einige Beobachter an eine Intrige gegen Ghosn?

Rund um Ghosns Verhaftung gibt es zumindest einige Ungereimtheiten: So waren japanische Journalisten vorab von der geplanten Verhaftung Ghosns am Flughafen informiert und konnten entsprechende Bilder liefern. Denkwürdig lief wohl auch die Pressekonferenz ab, die Nissan-CEO Hiroto Saikawa wenige Stunden später gab. Dort verlor Saikawa wenig ein gutes Wort über Ghosn, jenen Mann, der Nissan vom Krisenfall zum gesunden Autohersteller gepusht hatte. In seinen frühen Jahren bei Nissan habe Ghosn Gutes bewirkt, erklärte Saikawa zögerlich. Doch zuletzt habe Ghosns Wirken einen negativen Einfluss auf das Tagesgeschäft gehabt. Er selbst wolle sich nun auf die "Eliminierung der negativen Aspekte" der "langen Herrschaft von Herrn Ghosn" konzentrieren, fügte Saikawa noch hinzu.

Merkwürdig ist auch, dass Nissans Controllern und Finanzern offenbar jahrelang komplett entgangen ist, dass Ghosn seine Boni in einem Bericht als zu gering angab. Dabei zahlte Nissan ja diese Boni an Ghosn aus. Warum keiner der Unternehmenskontrolleure da nachbohrte oder CEO Saikawa selbst, bleibt weiterhin unklar.

mit Material von dpa-afx/AFP/Reuters
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