Betrugsvorwürfe gegen Carlos Ghosn Der Absturz des letzten Auto-Monarchen

Carlos Ghosn, Architekt der Allianz von Renault, Nissan und Mitsubishi

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Machtlos zu sein - das ist eine Rolle, die bislang gar nicht zum Repertoire von Carlos Ghosn gehörte. Über ein Jahrzehnt lang führte der 64-jährige Automanager die Autohersteller Renault und Nissan in Personalunion. Dazu kam vor zwei Jahren noch der Chefsessel bei Mitsubishi, als Renault-Nissan 34 Prozent an dem japanischen Autobauer übernahm.

Doch nun sieht es danach aus, als würden Betrugsvorwürfe die Manager-Legende Ghosn zu Fall bringen - und den Turbo-Rückzug eines Autobosses erzwingen, der zu den dienstältesten und angesehensten der Branche zählt. Die Affäre erstaunt aus mehreren Gründen: Schon seit Jahren ist Ghosn einer der bestbezahlten Automanager weltweit, finanziell dürfte er Tricks also kaum nötig haben. Zudem sorgten seine Mehrfachbezüge wiederholt für Diskussionen. Ghosn hätte also durchaus ahnen können, dass bei seinem Gehalt besonders genau hingesehen wird.

Rückzug auf Raten, doch Machtfülle stets bewahrt

Dabei hatte Ghosn in den vergangenen Monaten für seine Verhältnisse einen Gang zurückgeschaltet und das operative Tagesgeschäft bei den drei Autoherstellern an Stellvertreter abgetreten. Seine Machtfülle jedoch hatte er taktisch geschickt bewahrt: Er fungiert derzeit noch als Verwaltungsratsvorsitzender bei Nissan, als CEO der Dreier-Allianz sowie als Vorstandschef bei Renault.

Nach wie vor gilt der Topmanager mit den drei Staatsbürgerschaften deshalb als Dreh- und Angelpunkt für die komplexe Allianz zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi. Erst im Frühjahr erhielt der in Brasilien geborene Topmanager eine Vertragsverlängerung als Renault-Vorstandschef bis zum Jahr 2022.

Zwar kokettierte Ghosn erst im Juni damit, bei Renault wohl nicht die vollen vier Jahre als CEO bleiben zu wollen. Doch nun dürfte er einen seiner Vorstandsposten im Schnellverfahren loswerden - und andere werden wohl folgen.

Nissan wirft Ghosn "ernsthaftes Fehlverhalten" vor

Die Vorwürfe gegen Ghosn wiegen schwer. Monatelang war der japanische Autobauer Nissan - nach eigenen Angaben auf den Hinweis eines Whistleblowers - Vorwürfen gegen seinen Verwaltungsratsvorsitzenden Ghosn und einen weiteren führenden Manager nachgegangen.

Die Untersuchung habe ergeben, dass Ghosn und sein ebenfalls beschuldigter Kollege Greg Kelly "über Jahre hinweg" in offiziellen Berichten an die Tokioter Börse niedrigere Bezüge angegeben hätten als tatsächlich gezahlt worden seien, schrieb Nissan am Montag in einer Erklärung . Ziel sei es gewesen, die veröffentlichten Zahlen so niedriger erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich waren.

Insgesamt soll sich der Fehlbetrag zwischen 2011 und 2015 auf 5 Milliarden Yen, rund 38,8 Millionen Euro belaufen, zitierte Reuters die japanischen Nachrichtenagenturen Kyodo und Jiji. Im Klartext: Ghosn soll deutlich mehr verdient haben, als er offiziell angegeben hat.

Berufspendler Ghosn wird in Japan festgenommen

Zudem soll Ghosn Firmeneigentum für private Zwecke eingesetzt und den Zweck einiger Firmenausgaben falsch dargestellt haben. Die Vorwürfe bezeichnet Nissan als "ernsthaftes Fehlverhalten".

Ghosn selbst, der als Chef von Renault und Verwaltungsratschef von Nissan und Mitsubishi immer wieder zwischen den verschiedenen Niederlassungen pendelt, scheint von den Vorwürfen überrascht worden zu sein. Jedenfalls reiste er nach Japan. Dort verhörten ihn Presseberichten zufolge am Montagabend Ortszeit Tokioter Staatsanwälte, bevor er nach übereinstimmenden Medienberichten schließlich festgenommen worden sein soll. Laut der Zeitung "Asahi Shimbun" sollen zudem Büros im Nissan-Hauptsitz und Räume anderswo durchsucht worden sein.

Ghosn verdiente 2017 mehr als 15 Millionen Euro

Nissan CEO Hiroto Saikawa erklärte in einer Pressekonferenz, dass Ghosn am Montag in Tokio erwartet worden war. Gerüchte, dass er am Flughafen aufgegriffen worden sein soll, bestätigte Saikawa nicht. Ebensowenig nannte er Details, für welche privaten Ausgaben Firmengelder geflossen sein sollen. Auch zu der Frage, ob Nissan juristische Schritte gegen Ghosn wegen dessen Fehlverhaltens einleiten wolle, machte Saikawa zunächst keine Angaben.

Laut Saikawa soll bereits am Donnerstag über das Ausscheiden Ghosns aus dem Verwaltungsrat des japanischen Autobauers entschieden werden. Die Partnerschaft mit Renault und Mitsubishi soll nach den Worten Saikawas nicht von den Vorwürfen betroffen sein.

Bei Renault wollte sich am Montag zunächst niemand zu den Vorwürfen äußern. Doch sollte Ghosn die Vorwürfe in Japan nicht vollständig entkräften können, ist er auch als Renault-Chef kaum zu halten.

Als Renault-Chef kaum noch zu halten

Seine Karriere begann der in Frankreich aufgewachsene Ingenieur mit libanesischen Wurzeln bei dem Reifenhersteller Michelin. 1996 wechselte er zu Renault, wo er ein strenges Kostensenkungsprogramm startete. Das brachte ihm den Spitznamen "Der Kostenkiller" ein". Dieselbe Methode wandte er mit Erfolg ab 1999 bei Nissan an, als die angeschlagenen Japaner eine Allianz mit Renault eingingen.

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Zuletzt fand Ghosn dann eine neue strategische Ausrichtung für die Allianz: Als die Märkte in Europa und Japan strauchelten, setzte er mit großem finanziellen Erfolg auf Billigautos und früh auf Elektroautos. Zuletzt stieg er mit der Mitsubishi-Eingliederung zum größten Autohersteller der Welt auf.

Finanziell konnte Ghosn im vergangenen Jahrzehnt jedenfalls nicht über mangelnde Anerkennung klagen. Er zählt seit Jahren zu den bestverdienenden Automanagern, seine Doppelfunktion brachte ihm regelmäßig Jahresgehälter mit zweistelligen Millionenbeträgen. Bei Nissan hat Ghosn im vergangenen Jahr knapp 8 Millionen Euro verdient, Renault entlohnte ihn für seine Dienste zuletzt mit 7,4 Millionen Euro.

Ghosn wollte sich beim Delegieren "Mühe geben"

In Frankreich gab es bereits in der Vergangenheit heftige Auseinandersetzungen über die Höhe von Ghosns Gehalt. Ghosn soll sich und anderen Automanagern mit komplizierten Firmenkonstrukten weitere Boni gesichert haben. Zuletzt stimmte Ghosn jedoch immerhin zu, sein Gehalt bei Renault in Summe um 30 Prozent zu senken. "Mein Job ändert sich, ich bringe mich weniger bei Renault ein. "Da ist es normal, dass die Bezüge angepasst werden", erklärte Ghosn im Februar seinen freiwilligen Gehaltsverzicht - der ihm im Gegenzug aber weiterhin die Macht bei Renault sicherte.

Auf die Frage, ob er nun wirklich bereit sei zu delegieren und loszulassen, antwortete Ghosn damals folgendes: "Ich werde mir Mühe geben. Sagen wir so: Ich erlerne noch einmal einen neuen Beruf. Und ich gehe ihn mit viel gutem Willen an."

Macht abzugeben scheint Ghosn schwerzufallen. Da scheint es durchaus möglich, dass er bei seinen Mehrfach-Jobs irgendwann die Übersicht verloren hat. Oder schlicht die Bodenhaftung, wie es schon mehreren erfolgreichen Managern passiert ist.

Die kommenden Tage werden zeigen, wie Ghosn auf die Vorwürfe reagiert - und wie viel von seiner Ämterfülle danach noch übrigbleibt. Die Tage als absolutistischer Autoherrscher scheinen jedoch auch bei Ghosn gezählt.