Frankreich fürchtet um Renaults Einfluss Warum Ghosns Turbo-Demontage zum Politikum wird

Die Verhaftung und Absetzung von Carlos Ghosn sorgt bei Frankreichs Politikern für Aufruhr

Die Verhaftung und Absetzung von Carlos Ghosn sorgt bei Frankreichs Politikern für Aufruhr

Foto: Regis Duvignau/ REUTERS

Angekündigt hatte es Nissan bereits vor zwei Tagen, nun ist Carlos Ghosn seinen hochrangigen Posten bei dem japanischen Autohersteller endgültig los: Nissans Kontrolleure haben nun einstimmig beschlossen, Ghosn von seinem Amt als Vorsitzender des Nissan-Verwaltungsrats zu entfernen.

Der 64-Jährige Ghosn war Anfang der Woche wegen des Vorwurfs des Verstoßes gegen Börsenauflagen verhaftet worden. Nissan  trennt sich damit von jenem Manager, der das Unternehmen fast zwei Jahrzehnte lang führte und durch das Bündnis mit Frankreichs Autobauer Renault  zu einem der weltgrößten Autohersteller machte. Die 19 Jahre alte Allianz von Nissan und Renault, die 2016 um den japanischen Autobauer Mitsubishi erweitert wurde, ist von Ghosn geschmiedet und vorangetrieben worden.

Die Renault-Vorstände haben Ghosn zwar Unterstützung zugesagt, ihn aber von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender suspendiert. Ghosns rechte Hand bei Renault, Thierry Bolloré, übernimmt den Vorsitz zwischenzeitlich. Auch bei Mitsubishi, wo Ghosn bisher den Verwaltungsrat leitete, steht seine Absetzung kurz bevor. Ghosn bleibt vorerst in Untersuchungshaft in Tokio.

Doch im Fall Ghosn geht es längst nicht nur um mögliche persönlichen Verfehlungen eines Automanagers. Seine Verhaftung und schnelle Demontage in Japan gefährdet die Zusammenarbeit zwischen dem französischen und den japanischen Autoherstellern. Das Bündnis drohe auseinanderzubrechen, fürchten Investoren - und das träfe Frankreich wohl besonders hart.

Frankreichs Politik fürchtet um Bestand der Allianz

Offiziell wollen beide Seiten an dem Bündnis festhalten. In einer Pressemitteilung von Nissan hieß es heute, dass sich der Verwaltungswaltungsrat zu der maßgeblich von Ghosn vorangetriebenen Allianz mit Renault bekenne. Auch die französische Regierung betonte mehrfach, die Allianz, weiter zu unterstützen. Doch die Nervosität auf Seiten der Franzosen steigt. Denn am Nachmittag empfängt Frankreichs Wirtschaftsminister Le Maire seinen japanischen Amtskollegen Seko in Paris - wegen des Fall Ghosns.

Einige Stunden vor dem Treffen warnte der französische Oppositionspolitiker Laurent Wauquiez ziemlich deutlich vor einer Destabilisierung des heimischen Herstellers Renault. "Wir müssen sehr wachsam sein", forderte der Parteichef der konservativen Republikaner im Sender Radio Classique.

"Meine Befürchtung lautet, dass hinter der Ghosn-Affäre die Absicht einer Destabilisierung der Japaner (...) des Renault-Nissan-Konzerns stehen könnte - um ihn zu sprengen, oder um Renault im Inneren des Verbundes zu schwächen", sagte Wauquiez. Ein weiteres industrielles Debakel in Frankreich müsse verhindert werden. Renault beschäftigt nach Regierungsangaben allein in Frankreich rund 47.000 Menschen.

Mit seiner Ansicht von einer möglichen internen Palastrevolte bei Nissan steht der Politiker beileibe nicht alleine da. Selbst der britische "Economist" äußert sich kritisch. In Japan seien Vorstandsgehälter deutlich niedriger als in Westeuropa oder den USA, hält das Wirtschaftsmagazin fest. Es sei aber in Japan durchaus üblich, dass die im Vergleich zum Westen niedrigere Bezahlung durch Unternehmens-Nebenleistungen ausgeglichen werden, die dann üblicherweise nicht an die Behörden berichtet werden.

Nissan zunehmend unzufrieden mit der Juniorpartner-Rolle

Nissan habe diese Abweichungen nun gegen Ghosn verwendet, schreibt der Economist. Das könne an neuen Gesetzen liegen - oder schlicht daran, dass einige mächtige Nissan-Manager den zunehmend autokratisch agierenden Ghosn absägen wollten.

Denn das Machtgefüge in der Allianz gilt vielen Japanern als nicht ausgewogen. Renault hält einen Anteil von 43,4 Prozent an Nissan und kontrolliert mit seinen Stimmrechten den japanischen Autohersteller. Mitsubishi wird von Nissan dank eines 34 Prozent-Anteils kontrolliert. Nissan allerdings besitzt nur 15 Prozent an Renault, der Anteil der Japaner ist stimmrechtslos. Das war vor fast 20 Jahren, als Nissan ein Sanierungsfall war, vielleicht gerechtfertigt.

Doch heute steht Nissan in der Allianz für einen Großteil des Gesamtumsatzes, der Gewinne und Absatzmengen. Die klare Oberhand hat allerdings der kleinere Partner Renault, an dem auch noch der französische Staat einen 15-Prozent-Anteil mit besonderen Stimmrechten besitzt. Nissans Rolle als Geldkuh für Renault sorgt in Japan schon länger für Verbitterung.

Wie mehrere Medien berichtet haben, soll Ghosn einen kompletten Zusammenschluss der Autohersteller geplant haben - einen Merger also unter französischer Führung. Dafür soll Ghosn bereits die Unterstützung der französischen Regierung gehabt haben, schreibt der Economist. Und diese Aussicht habe ältere Nissan-Manager und japanische Beamte erschreckt - sie fürchteten wohl, dass ein sehr großes japanisches Unternehmen künftig von Paris aus geführt werden könnte.

Warum die Allianz kaum komplett auseinanderbrechen dürfte

Zu Managementstil von Ghosn und zur Allianz gab es in Japan zuletzt jedenfalls erstaunlich kritische Töne hochrangiger Manager: Nissan-CEO Hiroto Saikawa erklärte am Montag, die "negativen Aspekte" des "langen Regimes von Herrn Ghosn" eliminieren zu wollen. Und Mitsubishi-Chef Osamu Masuko verlautbarte kurz danach, dass die Allianz ohne Carlos Ghosn schwer zu managen sein werde.

Für den französischen Staat hingegen hat der Erhalt der Dreier-Allianz hohe Priorität, wie auch das Treffen von Frankreichs Wirtschaftsminister Le Maire mit seinem japanischen Gegenpol zeigt. Ein komplettes Auseinanderbrechen des Bündnisses dürften auch die Japaner kaum im Sinn haben. Denn eine Trennung zwischen Nissan und Renault würde zwei separate Firmen mit eher schwachen Volumenmarken zurücklassen. Jedes Unternehmen für sich könnte sich kaum die großen Investitionen leisten, die alle Autohersteller aktuell für Elektroautos und autonomes Fahren schultern müssen.

Ein kompletter Zusammenschluss zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi würde zwar gegen die großen Konkurrenten Volkswagen und Toyota helfen. Allerdings sind die Firmenkulturen bei Renault und Nissan sehr unterschiedlich, was ein komplettes Zusammengehen schwer machen dürfte.

Wahrscheinlicher ist deshalb, dass die Japaner mehr Mitspracherecht und Ausgewogenheit in der Allianz fordern dürften. Jetzt muss sich nur noch zeigen, ob die französische Politik damit leben kann bei einer ihrer Industrie-Ikonen.

mit Material von dpa-afx/AFP/Reuters
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