Mittwoch, 22. Mai 2019

Ex-Smart-Chefin ersetzt Cherie Blair als Kontrolleurin Annette Winkler dockt im Renault-Aufsichtsrat an - für einen harten Job

Annette Winkler bei der Präsentation des neuen Smart ForTwo im Juli 2014

Sich lange von der Autobranche fernzuhalten - das ist wohl eher nicht die Sache der ehemaligen Smart-Chefin Annette Winkler. Ende September 2018 trat sie die Führung von Daimlers Kleinwagenmarke an ihre Nachfolgerin Katrin Adt ab, seit 2019 sitzt sie im Aufsichtsrat von Mercedes-Benz Südafrika. Als Kontrolleurin des Industriegase-Spezialisten Air Liquide fungiert sie schon seit 2014.

Nun hat die 59-jährige einen weiteren, hochrangigen und aktuell eher heiklen Kontrolleursposten eingesammelt: Winkler soll in den Aufsichtsrat des französischen Autoherstellers Renault Börsen-Chart zeigen einziehen, wie es am Mittwoch hieß. Friktionsfrei dürfte Winklers Amtszeit kaum verlaufen. Denn der Aufsichtsrat hat wegen der Vorgänge rund um den früheren Renault-Chef Carlos Ghosn gerade alle Hände voll zu tun.

Das zeigt sich etwa an den Neubesetzungen des obersten Kontrollgremiums. Am 12. Juni wird der Renault-Aufsichtsrat den Aktionären auf der Hauptversammlung empfehlen, Winklers Nominierung als unabhängige Kontrolleurin für das Gremium zu bestätigen, teilte Renault mit. Die einstige Bauunternehmerin und promovierte Volkswirtin Winkler wird im Aufsichtsrat die Rechtsanwältin Cherie Blair ersetzen, die Ehefrau des früheren englischen Premierministers Tony Blair.

Renault werde von der "Expertise und internationalen Erfahrung einer anerkannten Führungskraft aus der Autobranche profitieren", erklärte Renaults Verwaltungsratschef Jean-Dominique Senard zur Berufung von Winkler. Winkler kennt den Autohersteller und französische Befindlichkeiten wohl ziemlich gut: Schließlich entwickelte Daimler die jüngste Smart-Generation zusammen mit Renault. Zudem wird der Smart nicht in Deutschland zusammengebaut, sondern in der französischen Stadt Hambach. Künftig wird der Elektro-Smart aber aus chinesischen Fabriken rollen - vom neuen Smart-Kooperationspartner Geely.

Spannungsfrei dürfte Winklers neues Mandat nicht werden. In der gleichen Pressemitteilung erklärt Renault auch, dass sein früherer Ex-Chef Carlos Ghosn sein Amt als Aufsichtsrat zur kommenden Hauptversammlung niederlegen wird. Die ebenfalls ausscheidende Cherie Blair soll enge Verbindungen zu Ghosn gehabt haben. Damit ist der Weg nun frei für deutlich engere Kontrollen der Renault-Topmanager - was ja eine der Hauptaufgaben von Aufsichtsräten ist.

Stimmung bei Renault dreht sich gegen früheren Chef Ghosn

Renaults Kontrollgremium wird wohl auch eine gründliche Untersuchung über fragwürdige Vorgänge in der Ära Ghosn in die Wege leiten. Wie sich die Stimmung in dem Gremium gegen den früheren Chef dreht, zeigte sich erst gestern. Da beschuldigte der Verwaltungsrat Ghosn "fragwürdiger und verdeckter Praktiken" sowie der Verletzung der Firmenethik, wie die "Financial Times" berichtete. Es war das erste Mal, dass der französische Autobauer seinen früheren Chef öffentlich kritisierte.

Ghosn wurde am heutigen Donnerstag erneut in Japan festgenommen - nur vier Wochen nach seiner Freilassung. Die Festnahme sei "ungeheuerlich und unbegründet", ließ Ghosn über einen Sprecher mitteilen. Als Grund nannten die Ermittler am Donnerstag die Gefahr, dass der 64-jährige Manager Beweismittel beseitigen könnte. Sie warfen ihm vor, über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren Nissan um fünf Millionen Dollar geschädigt zu haben - mit dem Ziel, sich persönlich zu bereichern.

Ghosn warf den japanischen Behörden vor, ihn durch die erneute Verhaftung mundtot machen zu wollen: "Ich wollte meine Version der Geschichte in der kommenden Woche auf einer Pressekonferenz präsentieren. Mit der erneuten Inhaftierung hat die Staatsanwaltschaft mir diese Möglichkeit verwehrt, für den Moment."

Rund um Ghosn geht es also hoch her - sogar Papiere und das Handy seiner Ehefrau wurden von den Behörden beschlagnahmt. Da dürfte auch dem Renault-Aufsichtsrat nichts anderes übrig bleiben, als die Beschuldigungen der Behörden gründlich zu prüfen und mögliche interne Verfehlungen untersuchen zu lassen.

Freunde machen sich die Kontrolleure in den betroffenen Unternehmen damit eher selten. Denn solche internen Untersuchungen, das zeigt etwa der Dieselskandal bei Volkswagen, werden oft von Anwälten geführt, die Mitarbeiter bei Befragungen nicht unbedingt mit Samthandschuhen anfassen.

Winkler dürfte als Aufseherin also eine spannende Zeit bevorstehen. Mit Konflikten kann Winkler wohl umgehen - denn die von ihr lange geführte Kleinwagenmarke Smart war nicht gerade das Lieblingskind im Daimler-Konzern.

mit Material von Reuters/dpa

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