Türkei soll eigene Automarke bekommen So will Erdogan die Türkei zur Autonation machen

Der türkische Präsident Recep Erdogan wünscht bis 2021 eine landeseigene Automarke - ohne Verzögerungen

Der türkische Präsident Recep Erdogan wünscht bis 2021 eine landeseigene Automarke - ohne Verzögerungen

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Ein Mann, ein Auto, je nach Einsatzort kanariengelb oder limettengrün: Um die Vorzüge vaterländischer Autohersteller anzupreisen, setzt sich Russlands Präsident Wladimir Putin schon mal persönlich hinters Steuer, solange genügend Kameras in Reichweite sind. Knapp 2500 Kilometer ratterte Putin einst im gelben Lada Kalina über Sibiriens schlaglochübersäte Straßen, begleitet von Teams des staatlichen russischen Fernsehens. In Sotchi fuhr er vor zwei Jahren im leuchtgrün lackierten Lada Vesta vor. Ein sehr gutes Auto mit guter Beschleunigung und leichter Lenkung sei der Vesta, urteilte der oberste Autotester Russlands wenig überraschend.

Ähnliche Symbolik samt einem Schwall warmer Worte darf man in einigen Jahren wohl vom starken Mann in der Türkei, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, erwarten. Denn Erdogan macht den Industrieunternehmen seines Landes kräftig Druck bei der Umsetzung eines lange gehegten Wunsches: Ein Konsortium aus fünf türkischen Firmen soll in wenigen Jahren ein Fahrzeug entwickeln, das vollständig in der Türkei gebaut wird. Schon 2021 soll das Modell serienreif sein, einen ersten Prototypen soll es bereits 2019 geben, kündigte Erdogan Ende vergangener Woche an.

Der Präsident machte das Autoprojekt gleich zur Chefsache: "Wir wollen keine Verzögerungen bei diesem Projekt und werden keine Verspätungen dulden", betonte Erdogan. Und damit es für die beteiligten Firmen richtig lästig wird, erklärte Erdogan, dass er erster Kunde des neuen Fahrzeugs sein und dafür auch zahlen wolle.

Für viele klang das wie ein weiteres irrwitziges Projekt von Erdogan, dem ja gerne Nähe zu Megalomanie unterstellt wird. In früheren Jahrzehnten gab es bereits zwei rein türkische Automarken, die in den 1990er-Jahren vom Markt verschwanden: Die Marke "Anadol", die mit Ford kooperierte und es auf insgesamt sieben verschiedene, in der Türkei designte und produzierte Modelle brachte. Rein für den türkischen Markt bestimmt war auch der "Tofas Murat", ein leicht modifizierter Nachbau eines Fiat-Modells, dessen Verkauf im Jahr 2003 eingestellt wurde.

Viel Nutzfahrzeug-Erfahrung im Fünfer-Konsortium

Diese "Schande", nämlich die Absenz einer echten türkischen Automarke, will Erdogan nun beseitigen. Fünf durchaus namhafte türkische Unternehmen sollen dies zuwege bringen. Drei davon haben langjährige Erfahrung mit dem Bau von Fahrzeugen: Die Anadolu-Gruppe stellt seit Jahrzehnten gemeinsam mit Isuzu-Motors Lieferwagen, Leicht-Lkw, Pickups Busse her.

Das türkisch-katarische Unternehmen BMC, das ebenfalls zum Konsortium zählt, ist einer der größten Nutzfahrzeughersteller der Türkei. Der türkische Hersteller Karsan produziert in seinen Werken aktuell vor allem Lieferwagen der Marken Peugeot, Citroen, Fiat und Hyundai. Im Konsortium vertreten ist auch der größte türkische Mobilfunker Turkcell und Vestel, das zu den führenden Elektronikunternehmen am Bosporus zählt.

Koordiniert werden sollen die Aktivitäten von der Union der Kammern und Börsen der Türkei (TOBB) - was das hohe Interesse des türkischen Staates an dem Autoprojekt nochmal verdeutlicht. Der Plan vom eigenen türkischen Auto ist keine kurzfristige, verrückte Idee Erdogans. Die Sache ist von langer Hand vorbereitet. Bereits in Erdogans Langfrist-Plan "Vision 2023" deutete vieles darauf hin, dass Erdogan die nationale Autoindustrie stärken will.

Die ist für das Land - und für Europa - durchaus bedeutend: Im vergangenen Jahr produzierten Autohersteller in der Türkei 1,5 Millionen Fahrzeuge vom Band, zeigen die Zahlen des türkischen Autoherstellerverbands OSD. Darunter waren 950.000 Pkw. Mit türkischen Jointventure-Partnern fertigt etwa Renault-Nissan Fahrzeuge in der Nähe von Bursa, Hyundai produziert 130 Kilometer östlich von Istanbul die Kleinwagen-Modelle i10 und i20, Toyota baut ein paar Kilometer weiter Kompaktwagen und SUVs.

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All das bringt auch eine etablierte Zuliefererindustrie vor Ort mit sich - und damit potenzielle Teilelieferanten für Erdogans Türken-Marke. Die im Konsortium vertretenen Fahrzeugproduzenten kommen allerdings aus dem Nutzfahrzeugbereich, von Pkw-Bau, Konzeption und Design haben sie wenig Ahnung.

Dieses Wissen kann sich das Konsortium aber wohl bei den großen Autozulieferern einkaufen, wie mehrere Beispiele in jüngster Zeit zeigen. Diese Strategie verfolgte etwa das kalifornische Startup Tesla Motors für sein erstes eigenes Modell, das Model S. Chinesische Automarken haben mit internationalen Autoherstellern anfangs Lizenzverträge für die Nutzung älterer Pkw-Plattformen abgeschlossen - und auf dieser Basis dann ihre ersten Modelle entwickelt.

Aber auch Know-How zu neuesten Technologien lässt sich heute leichter einkaufen als noch vor einigen Jahren. Denn die großen Autozulieferer übernehmen eine immer größere Rolle bei der Konzeption und Entwicklung von Fahrzeugen für etablierte Automobilhersteller.

Zulieferer wollen heute nicht mehr nur Teile-, sondern gleich Systemlieferant sein. Deshalb haben sie in den vergangenen Jahren auch ziemlich ausgetüftelte Fahrzeugkonzepte entwickelt, die häufig in der Schublade verschwunden sind. Der Zulieferer Magna etwa stellt auf Automessen häufig die neueste Variante seiner Elektrofahrzeug-Plattform Mila vor, die bereits auf Großserienfertigung ausgelegt ist.

Großes Land, kleiner Neuwagenmarkt

Auf solche Angebote könnte Erdogans Auto-Truppe, entsprechend Kleingeld vorausgesetzt, durchaus eingehen. Und Geld von Staatsseite scheint bei dem Vorhaben kein Problem zu sein: Erdogan hat bei der Vorstellung des Projekts laut türkischen Medienberichten  erklärt, dem Projekt jede Form von Unterstützung für weltweites Marketing zu gewähren. Zwar könne das Konsortium durchaus in Richtung Hybrid- und Elektroautos neigen - doch staatliche Unterstützung will Erdogan für jede Entscheidung über die Antriebsform gewähren, solange sie der Erreichung des türkischen Traums dient.

Ob Erdogans Traum einer eigenen, schlagkräftigen türkischen Automarke aufgehen kann, ist jedoch alles andere als sicher. Auf die Türkei spezialisierte Analysten zeigten sich schon mal wenig begeistert von den Plänen des Präsidenten. Es sei eine gute Absicht, ein türkisches Auto zu bauen, meinte etwa Cemal Demirtas vom Brokerhaus Ata Invest. Doch das Konsortium sei in diesem Bereich unerfahren. Der Wettbewerb in dem Sektor sei im In- wie im Ausland hart.

Ein Spezialproblem kommt am Bosporus noch dazu: Der Fuhrpark der Türken ist stark veraltet, heißt es in einem Bericht der Unternehmensberatung KPMG von 2016 , der Markt für Neuwagen ist vergleichsweise klein. Zuletzt wurden in dem Land mit 80 Millionen Einwohnern rund eine Million Neuwagen pro Jahr verkauft. In Deutschland sind es jährlich rund drei Millionen.

Damit sich die Produktion eines eigenen Autos wirklich rechnet, sind in der Autobranche aber üblicherweise sechsstellige Produktionszahlen notwendig. Erdogans Automarke wird wohl kaum im Oberklasse-Bereich, sondern als Volumenmarke antreten. Und das dürfte - trotz aller staatlichen Unterstützungszusagen - ein verdammt hartes Brot werden.

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