Fotostrecke

Carsharing, Ridesharing, E-Commerce: Wie PSA wieder auf die Überholspur will

Foto: Getty Images

PSA-Chef Tavares stellt Strategieplan vor Wie Peugeot VW & Co überholen will

Carlos Tavares hat ein Faible für Rennsport-Vergleiche. Der Chef von Europas zweitgrößtem Autohersteller PSA Peugeot Citroën fuhr viele Jahre lang privat Autorennen, an der berühmten Rallye Monte Carlo nahm er als Hobby-Rennfahrer teil.

So etwas prägt, und seine Leidenschaft zeigt sich auch in den Namen, die er seinen Strategieplänen für PSA Peugeot Citroen verpasst. Tavares erster Plan für den damals darniederliegenden französischen Autohersteller hieß "Back in the Race", also "Zurück im Rennen".

Diese Vorgabe löste der gebürtige Portugiese in Rekordzeit ein: Im April 2014 stellte er den Vierjahresplan vor, mit dem er PSA wieder flottkriegen wollte. Knapp zwei Jahre später hat er die Margen- und Gewinnziele vorzeitig erreicht und will nun nach der Blitz-Sanierung wieder angreifen.

Wo Tavares den Boost-Schalter drücken will

Deshalb stellte Tavares nun in Paris einen neuen Strategieplan für die kommenden fünf Jahre vor, der den Titel "Push to Pass" trägt. Der Name ist erneut der Rennsport-Welt entlehnt - er bezieht sich auf jenen Boost-Schalter, der in einigen Rennserien für Überholmanöver kurzfristig eine Extra-Dosis PS bereitstellt. Mit dem Plan will er PSA krisensicher machen und auch technisch wieder Anschluss an die Konkurrenz finden. Denn mit dem bisherigen Sanierungsplan fror PSA viele F&E-Ausgaben ein und vernachlässigte alternative Antriebe oder Mobilitätsdienste. Das soll sich nun ändern.

Tavares will in den kommenden fünf Jahren von den hinteren Plätzen wieder weit nach vorne im globalen Autohersteller-Wettkampf fahren. Er will VW schlagen und langfristig Profite erzielen. Zuletzt hatte PSA eine Ebit-Marge von 5 Prozent vorgelegt, diese soll bis 2018 im Schnitt bei 4 Prozent und in den kommenden zwei Jahren bei 6 Prozent jährlich liegen.

Bis 2018 will er den Umsatz im Vergleich zu 2015 um 10 Prozent steigern, zwischen 2019 und 2021 soll der Umsatz um weitere 15 Prozent zulegen. All das sind anspruchsvolle, aber nicht überzogene Ziele. VW etwa hatte einst für seine "Strategie 2018" als Ziel ausgegeben, der größte und profitabelste Autohersteller der Welt werden zu wollen - und seine Verkäufe innerhalb von acht Jahren um 60 Prozent erhöhen zu wollen.

Die vier Pfeiler des Strategieplans

Fotostrecke

Carsharing, Ridesharing, E-Commerce: Wie PSA wieder auf die Überholspur will

Foto: Getty Images

Tavares ist wohl auch deshalb etwas vorsichtiger bei Margenzielen und Umsatzsteigerungen, weil sein Plan einige Investitionen in den kommenden Jahren vorsieht. Die Strategie für das geplante PSA-Überholmanöver beruht auf vier Säulen:

Fotostrecke

Wirtschaftsbilanz der Europa-Reise von Irans Präsident Ruhani: Die Milliarden-Deals des reichen Onkels aus dem Iran

Foto: Ebrahim Noroozi/ AP/dpa

  • Schnell internationaler werden: In den kommenden drei Jahren will PSA ein neues Werk in Algerien hochziehen und gleichzeitig stark in Südost-Asien zulegen - mit einem noch zu suchenden Partner. 2018 wollen die Franzosen in dem Raum eine Million Fahrzeuge verkaufen, zuletzt waren es 736.000. Auch in Indien wollen die Franzosen einen neuen Anlauf wagen. In Lateinamerika wollen sie mit einer neuen Modellpalette, unter anderem mit einem Pick-Up, punkten. Bereits 2017 will PSA wieder die Produktion im Iran hochfahren. Zudem will PSA nach 20 Jahren wieder auf den US-Markt zurückkehren.
  • Kosten: Eins von Tavares Erfolgsrezepten in den vergangenen Jahren war es, die Kosten deutlich zu senken. Damit will Tavares weitermachen: PSA soll weiterhin genau auf die Kosten achten. "Das Niveau an Verschwendung noch immer sehr hoch", erklärte Tavares gegenüber der Financial Times. Dennoch verspricht Tavares auch ein "Produktfeuerwerk mit einem neuen Auto in jeder Region, in jeder Marke, und jedes Jahr" bis 2021. In den kommenden fünf Jahren will PSA insgesamt 26 neue Pkw- und 8 neue Nutzfahrzeugmodelle vorstellen, darunter auch einen Pick-Up.
  • Autonomes Fahren, neue Technoogien: Zu Branchen-Trendthemen wie autonomem Fahren oder Elektroautos war von den Franzosen zuletzt nicht viel zu hören. Das soll sich nun ändern. Tavares will zum Ende seines Planes, also 2021, vollständig autonome PSA-Fahrzeuge anbieten. Mit dieser Zeitvorgabe liegt er auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Erweiterte Spurhalte-Assistenten soll es in PSAs luxuriösesten Modellen ab 2018 geben, in der Kompaktklasse will PSA solche Technologien aus Kostengründen nicht bringen.

    Im Jahr 2019 will PSA zudem ein eigenes Elektroauto vorstellen, dessen Reichweite mit den dann auf dem Markt befindlichen Fahrzeugen vergleichbar sein soll. In sechs Jahren will PSA vier Elektro- und sieben Hybridmodelle anbieten.
  • Mobilitätsdienste und Online-Marktplätze: Bei neuen Mobilitätsangeboten hatte PSA bislang nicht allzu viel zu bieten - das soll sich nun ziemlich schnell und umfassend ändern. Mit seinem Partner Bolloré will PSA Ride-Sharing-Dienste ähnlich wie Uber entwickeln und damit auch in den kommenden Jahren in den USA starten. Zudem will PSA Online-Marktplätze für Gebrauchtwagen verschiedener Marken und Ersatzteile starten, Vertragswerkstätten quasi abschaffen und im Bereich Car-Sharing stärker aktiv werden.

    100 Millionen Euro steckt PSA in einen Fonds, der in Mobilitäts-Startups investieren kann. Laut Tavares sei noch unklar, wie stark das Mobilitätsgeschäft im Vergleich zum traditionellen Autoverkauf wachsen werde, man wolle aber "auf beiden Seiten der Gleichung" präsent sein. Mehr Details zu den Digitalplänen verrät unsere Bildergalerie.

Rückkehr auf einen alten Markt - nach zwei Jahrzehnten Absenz

Priorität für Tavares hat zunächst die Internationalisierung. "Wir müssen expandieren, um das Unternehmen von jeglicher einzelnen regionalen Krise zu schützen", erklärte Tavares gegenüber der Financial Times. "Die zu hohe Abhängigkeit von Europa hat das Unternehmen beinahe mit dem Leben bezahlt."

Sogar in die USA will PSA zurückkehren - nach mehr als zwei Jahrzehnten Absenz, und nur mit einer der beiden Hauptmarken Peugeot und Citroen. Noch ist die Entscheidung nicht gefallen, welche von beiden den Amerika-Zuschlag bekommt, starten wollen die Franzosen damit ohnedies erst im nächsten Jahrzehnt. Dann aber gleich mit einer eigenen US-Fabrik.

Teure Technologie gibt's für Tavares nur in teuren Autos

Beim Abenteuer USA gibt sich Tavares noch betont vorsichtig. In Nordamerika will er sich erstmal mit einem Ride-Service-Angebot an den Markt herantasten. Vorsicht kennzeichnet auch die anderen Elemente seines Planes. Bei seiner Technologie-Offensive holt Tavares für PSA das nach, was viele seiner Konkurrenten bereits für denselben Zeitraum angekündigt haben.

Anders als etwa sein französischer Erzkonkurrent Renault will PSA Hochtechnologie nur für teure Autos anbieten - und nicht für den Massenmarkt. Auch mit dem Fokus auf Mobilitätsdienste ist PSA nicht alleine: General Motors etwa hat vor kurzem 500 Millionen Dollar in den Ridesharing-Anbieter Lyft investiert, Ford hat vor kurzem eine eigene Tochter für solche Dienste gegründet.

Viele Punkte von Tavares Plan wirken so vergleichsweise solide und alles andere als wagemutig. Es ist mehr ein Nachziehen als ein Überholen. Zumal Tavares einen wichtigen Punkt bisher ausgespart hat: Noch hat er nicht verraten, wie viele Milliarden er in neue Modelle und seine Technologie-Aufholjagd stecken will. Vielleicht sucht er sich dafür ja auch einen neuen Partner - laut Tavares ist PSA weiterhin offen für Partnerschaften mit einem anderen Autohersteller, es gebe darüber derzeit aber keine aktiven Diskussionen.

Richtig wagemutig gibt sich Tavares nur in einem Bereich

Ein Zusammengehen sei kein Muss für PSA, aber jede Gelegenheit werde zumindest adressiert, erklärte Tavares gegenüber der FT. Um zu überleben, so fügte er hinzu, müssen sich Autohersteller ständig anpassen. "In unserer Branche gilt: Wenn Du dich nicht bewegst, stirbst Du", sagte er der FT.

Richtig gewagt und angriffslustig ist der Plan allerdings bei einigen Digitaldiensten und den Änderungen im After-Sales-Bereich. So plant PSA offenbar, die klassischen Peugeot-Citroën-Werkstätten komplett abzuschaffen und durch Multi-Marken-Zentren zu ersetzen. Das Vorbild dafür sind PSAs "EuroRepar"-Werkstätten, von denen es europaweit bereits 2000 Stück gibt.

"Es gibt einen Markt für CEOs - wie auch für Fußballspieler"

Das könnte bei den traditionellen Händlern durchaus für Unmut sorgen. Und auch an markenunabhängige Gebrauchtwagen-Plattformen unter Führung eines Autoherstellers hat sich noch kein Konkurrent herangewagt.

Eine ziemlich klare Ansage hatte Tavares gegenüber der FT übrigens auch zur Verdopplung seiner Bezüge im Jahr 2015 auf 5,24 Millionen Euro gemacht: "Es gibt einen Markt für CEOs, so wie es einen Markt für Fußballspieler oder Formel 1-Fahrer gibt". Im Klartext: Wenn ihr mich nicht adäquat entlohnt, bin ich weg.

Jetzt dürfte Tavares auf seinem Markt einen ziemlich hohen Wert haben: Unter seiner Führung legte PSA erstmals seit Jahren wieder schwarze Zahlen vor. Sein jetziges Gehalt gilt als nicht unanständig hoch für einen Autoboss, dennoch hatte die Lohnsteigerung in Frankreich für Verstimmung gesagt. Laut Tavares beeinträchtige das aber nicht seine Beziehungen zu den Gewerkschaften, die seien exzellent.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.