Autobauer im Aufwind Diese fünf Dinge gelingen Peugeot besser als VW

VW-Golf-Gegner Peugeot 308: Dank solcher Modelle ist der Autohersteller nun "zurück im Rennen", sagt PSA-Chef Tavares

VW-Golf-Gegner Peugeot 308: Dank solcher Modelle ist der Autohersteller nun "zurück im Rennen", sagt PSA-Chef Tavares

Foto: Peugeot

Der Löwe kommt wieder auf die Beine: Carlos Tavares hat bei PSA Peugeot Citroën eine rasante Sanierungsrunde hingelegt. 2015 schaffte Europas zweitgrößter Autohersteller einen Nettogewinn von 1,2 Milliarden Euro, die operative Gewinnmarge lag bei durchaus auskömmlichen 5 Prozent. Das klingt bescheiden - doch für PSA  kommen diese Zahlen einem kleinen Wunder gleich.

Denn der Konzern befand sich lange in einer mächtigen Schieflage. Zwischen 2012 und 2014 häufte PSA Verluste über 8 Milliarden Euro an. Die Kapitalnöte konnte nur mehr ein Verkauf von Anteilen an den französischen Staat und den chinesischen Autohersteller Dongfeng lindern.

Anfang 2014 übernahm der frühere Renault-Manager Tavares bei PSA das Ruder. Sein Sanierungsplan "Back in the Race" sollte PSA wieder fitkriegen: Zuerst wieder Gewinne schreiben, dann die Rendite steigern, das war seine ursprüngliche Absicht. Doch im vergangenen Jahr hat Tavares beides geschafft und bei der Marge bereits jene Zielmarke erreicht, die er erst für die Jahre 2019 bis 2023 angepeilt hatte. Die Sanierungsphase erklärt Tavares deshalb nun für abgeschlossen. "Unser Unternehmen ist zurück im Rennen", kommentierte er das jüngste Zahlenwerk.

PSA-Chef Carlos Tavares hakt seinen Sanierungsplan nach knapp zwei Jahren erfolgreich ab

PSA-Chef Carlos Tavares hakt seinen Sanierungsplan nach knapp zwei Jahren erfolgreich ab

Foto: REUTERS

Die schnelle Genesung der Franzosen dürfte auch beim Volkswagen-Konzern auf Aufmerksamkeit stoßen. Zum einen bekommen die Wolfsburger in Europa damit stärkere Konkurrenz. Zum anderen haben die Franzosen vorexerziert, wie sich die Renditen im Auto-Massengeschäft in relativ kurzer Zeit steigern lassen. Dieses Kunststück soll VW-Markenchef Herbert Diess in den nächsten Monaten in Wolfsburg zuwege bringen.

Einfach wird das für Diess nicht: Denn das französische Genesungs-Rezept beinhaltete auch harte Bandagen für die Arbeitnehmer, die PSA allerdings geschickt mit Zugeständnissen verknüpfte. Wie Tavares vorging, wo es noch hakt, und was er nun vorhat, lesen Sie auf den nächsten Seiten.

Kräftiger Schnitt bei den Arbeitskosten

Parkplatz eines PSA-Werks: Eine französische Fabrik schloss PSA, weltweit mussten 17.000 Mitarbeiter gehen

Parkplatz eines PSA-Werks: Eine französische Fabrik schloss PSA, weltweit mussten 17.000 Mitarbeiter gehen

Foto: REUTERS

Europas Autohersteller leiden daran, dass sie auf ihrem Heimatkontinent große Überkapazitäten in ihren Fabriken haben. Das Problem dabei: Erst bei hoher Auslastung arbeiten die Werke profitabel, ansonsten sorgen sie für beachtliche Verluste. Bei PSA war die finanzielle Lage so angespannt, dass bereits Tavares' Vorgänger Philippe Varin harte Schnitte setzte: Er ließ ein Werk in der Nähe von Paris schließen und kündigte den Abbau tausender Stellen an.

Doch mit den Gewerkschaften hat der Autohersteller auch vereinbart, die Löhne einzufrieren und die Arbeitszeiten flexibler zu gestalten. Im Gegenzug sagte PSA zu, die übrigen Standorte zu erhalten. Der Kahlschlag seines Vorgängers kam Tavares zugute: Die Werksschließung erfolgte Ende 2013, die positiven Effekte auf die Bilanz fielen damit in Tavares Amtsszeit.

Laut den Gewerkschaften hat PSA in den vergangenen drei Jahren 17.000 Stellen gestrichen. Um den sozialen Frieden im ohnedies streik-geneigten Frankreich zu wahren, hat Tavares die Versorgungsansprüche von PSA-Topmanagern gekürzt - wie auch seine eigenen. Ziel von Tavares ist es, dass die Arbeitskosten bei 11 Prozent des Umsatzes liegen sollen. Das sei der Wert der besten, erklärte er einmal. Im Jahr 2014 lagen sie noch bei 13,4 Prozent des Umsatzes.

Bei Volkswagen tut man sich mit solchen Einsparungen schwer - wohl auch, weil die Situation bei den Wolfsburgern längst nicht so dramatisch ist wie noch vor kurzem bei Peugeot. Doch die Gewinnmarge der Marke VW verharrt nach wie vor bei mageren 2 Prozent.

Diät für die Modellvielfalt

Peugeot 807: Aus dem Programm genommen

Peugeot 807: Aus dem Programm genommen

Foto: Peugeot

Lieber weniger und besser statt Modelle für jede Nische: Nach dieser Maxime dünnt Tavares die Modellpalette bei Peugeot und Citroën aus.

26 verschiedene Modelle müssen künftig reichen, zu seinem Amtsantritt montierte PSA noch 45 verschiedene Modelle in seinen Werken. Diese zwei Dutzend Modelle müssen dann allerdings jedes für sich entsprechend profitabel sein.

Damit die Produktionskosten im Griff bleiben, will Tavares diese 26 Modelle künftig nur mehr auf zwei verschiedenen Plattformen bauen lassen. Bis zum Jahr 2020 will Tavares diese Modell- Schlankheitskur abschließen.

Begonnen hat er damit sehr schnell. Den Peugeot-Großraumvan 807 etwa hat PSA ebenso aus dem Programm genommen wie den Kompakt-Minivan 207, das 207 cc-Cabrio oder den Sportwagen RCZ. Auch einige Citroën-Modelle sind sang- und klanglos verschwunden.

Volkswagen will den Wildwuchs in der Modellpalette ebenfalls lichten. Diess will in einem ersten Schritt nun die Zahl der Lenkradvarianten etwa beim VW Golf von 117 auf 43 senken, auch bei Heckspoiler- und Batterievarianten wird zusammengestrichen. Das Cabrio Eos bekommt keinen Nachfolger mehr. Doch PSA-Chef Tavares hat hier deutlich radikaler reagiert - und erntet dafür nun die Erfolge in Form von besseren Zahlen.

Sparen beim Einkauf - und Vorrang für Wirtschaftlichkeit

Druckluft-Hybrid: Kommt nicht, weil PSA nun auch bei neuen Technologien stark auf Rentabilität achtet

Druckluft-Hybrid: Kommt nicht, weil PSA nun auch bei neuen Technologien stark auf Rentabilität achtet

Foto: PSA

Auch bei Einkauf und Beschaffung hat Tavares' Mannschaft wohl kräftig aufgeräumt. Berichten zufolge sollen die Einsparungen in diesen beiden Bereichen 40 Prozent zum Gewinnanstieg beigetragen haben.

Ein Beispiel zeigt, wie penibel Tavares nun Kosten und Nutzen abwägt. PSA hat gemeinsam mit Bosch einen Hybridantrieb entwickelt, der mit Druckluft statt mit teuren Batterien arbeitet. Eine Zeitlang hat PSA das System als Lösung für niedrigeren Kraftstoffverbrauch angepriesen.

Doch nun bringen die Franzosen das System doch nicht auf den Markt - und verzichten so auf eine Technik, die sie von den Mitbewerbern unterscheiden würde.

Tavares' Begründung für das Aus ist knallhart. Bosch habe keinen weiteren Partner für die Technologie gefunden, ein Alleingang sei PSA zu riskant. "Die Zeiten, in denen PSA Entscheidungen traf, ohne auf die Rentabilität neuer Technologien zu achten, sind vorbei", erklärte er dazu in einem Interview. Bei Volkswagen - oder bei deutschen Premium-Autoherstellern - wäre diese Entscheidung wohl genau anders ausgefallen.

Zukunftsinvestments auf Sparflamme

Citroën C4 Cactus: Der Günstig-SUV läuft bestens

Citroën C4 Cactus: Der Günstig-SUV läuft bestens

Foto: Citroen

Noch vor wenigen Jahren hat PSA Konzeptautos mit Elektro- oder Hybridantrieb auf seine Messestände gestellt. Doch Tavares hat die Ausgaben für Forschung und Entwicklung so kräftig heruntergefahren, dass es bei PSA zuletzt um alternative Antriebe sehr still wurde. Einen Benzin-Hybrid wollen die Franzosen wohl erst 2019 vorstellen, ein neues Elektroauto erst im Jahr 2020 - und damit viel später als ihre Konkurrenten. Auch beim Branchen-Trendthema autonomes Fahren hört man von Peugeot nur wenig.

Fotostrecke

Studie zu CO2-Flottenzielen: Diese Autohersteller haben die größten Abgasprobleme

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Da der CO2-Flottenverbrauch der Franzosen vergleichsweise niedrig ist, können sie sich den Spätstart bei alternativen Antrieben leisten, ohne EU-Strafzahlungen zu riskieren. Investiert hat Tavares dafür in die Erneuerung seiner bisherigen, konventionellen Modelle. Dadurch hat PSA nun eine ziemlich junge Modellpalette, was für gute Verkaufszahlen sorgt.

Und dabei beweisen die Franzosen auch, dass sie mit ungewöhnlichen Fahrzeugen Erfolg haben können. Der Citroën C4 Cactus etwa, eine Art Kompakt-SUV mit Luftpolstern in den Türen, ist mit einem Preis ab rund 14.000 Euro ziemlich billig - und hat im vergangenen Jahr seine Verkaufszahlen beinahe verdoppelt.

Nein zu Rabattschlachten

Der Versuchung, sinkende Absatzzahlen mit höheren Rabatten zu bekämpfen, widerstand PSA unter Tavares Führung.

Die Marke Peugeot setzt zunehmend auf teurere und hochwertigere Modelle, was sich auch in höheren Preisen niederschlägt. Das sieht man etwa daran, dass PSA im ersten Halbjahr 2015 mit weniger verkauften Autos als zuvor mehr Umsatz machte.

Mit seinem harten Sparkurs gelang es Tavares, die Gewinnschwelle bei PSA kräftig zu senken. Vor zwei Jahren musste PSA noch 2,6 Millionen Autos verkaufen, um überhaupt in die schwarzen Zahlen zu kommen. Im Jahr 2014 reichten dazu bereits 2 Millionen Fahrzeuge, nun soll die Schwelle noch deutlich darunter liegen.

VW hat hingegen in Deutschland monatelang üppige Rabatte gewährt - und kann diese im Zuge des Abgasskandals jetzt nicht komplett zurückfahren.

Wo es noch hakt, wo Tavares nun hinwill

Peugeot-Dongfeng-Werk in Wuhan: Auch bei PSA sind die Aussichten für China in diesem Jahr schlechter als zuletzt

Peugeot-Dongfeng-Werk in Wuhan: Auch bei PSA sind die Aussichten für China in diesem Jahr schlechter als zuletzt

Foto: REUTERS

Fest zurück auf der Erfolgsspur ist PSA aber trotz der guten Zahlen noch nicht. Denn in diesem Jahr kommen noch einige Hürden auf die Franzosen zu. So hat PSA in den letzten Jahren sein China-Geschäft kräftig ausgebaut, ein Viertel aller PSA-Fahrzeuge wird nun in Asien verkauft. PSA war damit spät dran, hat aber nun ein zweites Standbein in China. Doch das könnte in diesem Jahr längst nicht mehr so profitabel sein wie zuletzt. In diesem Jahr soll der chinesische Automarkt nur um 5 Prozent zulegen, heißt es bei PSA. In Europa gehen die Franzosen von einem Absatzwachstum von mageren 2 Prozent aus.

Auch die Auswirkungen des VW-Abgasskandals könnten PSA in diesem Jahr noch zu spüren bekommen. Sollte der Verkauf von Dieselmotoren deutlich zurückgehen, trifft das die Franzosen hart - denn jeder dritte PSA-Neuwagen wird derzeit mit einem Selbstzünder ausgeliefert. PSA versucht, mit einem ungewöhnlichen Schritt das Vertrauen in seine Dieselmotoren zu stärken. Die Franzosen lassen die Abgaswerte ihrer Fahrzeuge nun von einer Umweltorganisation unter Alltagsbedingungen prüfen - und wollen erste Ergebnisse bereits in diesem Frühjahr veröffentlichen.

Kommt nun die große PSA-Fusion?

Fotostrecke

Zweitgrößter Automarkt im Nahen Osten: Die meistproduzierten Autos im Iran

Foto: IKCO

Große Hoffnungen setzt PSA auf den Iran: Dort wollen die Franzosen nach dem Wegfall der Sanktionen wieder groß ins Geschäft kommen. Ein Abkommen mit einem lokalen Auftragsfertiger hat PSA bereits unterzeichnet, allerdings muss PSA dafür zunächst 430 Millionen Euro investieren. Es spricht jedoch vieles dafür, dass sich die Ausgabe lohnen wird: Bis zum Jahr 2011 war der Iran PSAs zweitwichtigster Markt nach Frankreich - und die Marke hat in dem Land noch immer einen guten Ruf.

Nach wie vor hapert es bei der Segmentierung zwischen den Hauptmarken Peugeot und Citroën. Mit drei Millionen produzierter Fahrzeuge ist PSA zudem im internationalen Vergleich nach wie vor klein. Das könnte sich jedoch bald ändern: Nach Abschluss der Sanierung ist PSA nun in guter Form, um mit anderen Herstellern über eine weitere Zusammenarbeit zu sprechen. Das erklärte PSAs Finanzchef Jean-Baptiste de Chatillon gegenüber der Financial Times. "Wir sind nun bereit, sehr offen zu diskutieren und mit externen Möglichkeiten zu wachsen", drückte es de Chatillon aus. Das sei nicht der Fall gewesen, als es Peugeot noch schlechter ging.

Ein Zusammenschluss von PSA mit einem anderen Hersteller, etwa Fiat Chrysler Automobiles , rückt damit in Reichweite. Der ehrgeizige Tavares wäre damit auf Augenhöhe mit den größten Autoherstellern angelangt - wenn denn die Bedingungen stimmen. Mit seinen guten Zahlen im Rücken ist er nun in der Lage, diese im Detail mitgestalten zu können.