Angeklagter im Dieselprozess "Diese Leute haben uns betrogen"

Am dritten Prozesstag äußerte sich erstmals einer der Angeklagten persönlich. Der Motorenentwickler Giovanni P. belastete Rupert Stadler und die frühere Konzernführung.
Auf der Anklagebank: Motorenentwickler Giovanni P. mit seinem Anwalt Walter Lechner.

Auf der Anklagebank: Motorenentwickler Giovanni P. mit seinem Anwalt Walter Lechner.

Foto: Sebastian Widmann / Getty Images

Am dritten Tag des Münchener Strafprozesses zum Dieselskandal hat sich erstmals einer der Angeklagten selbst geäußert. Der Motorenentwickler Giovanni P. erklärte dabei die Abgas-Tricksereien mit dem immensen Druck des Volkswagen-Konzerns, 2009 in den USA neue Dieselautos auf den Markt zu bringen. Die Entwicklungszeit sei viel zu kurz gewesen, Kompromisse seien abgelehnt, seine Abteilung mit Vorwürfen bombardiert worden. Dem Vertrieb sei der Platz für ein Sound-System im Auto wichtiger gewesen als ein ausreichend großer Tank für die Abgasreinigung. "Diese Leute haben uns betrogen. Sie haben uns nicht genug Zeit gegeben", sagte der Angeklagte am Mittwoch.

Im ersten deutschen Strafprozess um den Dieselskandal stehen seit einer Woche der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler (57), der frühere Porsche-Technikvorstand Wolfgang Hatz (61) und die beiden Audi-Motorenentwickler Giovanni P. und Henning L. vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen Betrug vor.

Am ersten Prozesstag in der vergangenen Woche hatten die Staatsanwälte ihre Anklage verlesen. Am Dienstag dieser Woche, dem zweiten Prozesstag, kamen dann die Anwälte der Angeklagten zu Wort. Schon da wurde die Verteidigungslinie der beiden untergeordneten Ingenieure klar: Sie belasteten die Führungsriege und den Vorstand von VW und Audi schwer. Zwar gestand der Anwalt von Giovanni P. die Mitwirkung seines Mandanten an dem Betrug ein, aber: "Alles wurde von oben bestimmt."

Als erster Angeklagter im Prozess sagte nun P. persönlich aus. Weil Daimler und BMW seinerzeit beim Diesel in den USA weiter gewesen seien, sei entschieden worden, dass die VW-Tochter Audi im November 2008 mit der Produktion der neuen US-Dieselmotoren starten müsse. Nach Fahrtests habe seine Abteilung immer wieder größere Adblue-Harnstoff-Tanks oder mehr Zeit gefordert, aber vergebens. Mit der Zugabe von Harnstoff kann der Ausstoß von Stickstoffdioxid reduziert werden. "Im Vergleich zum Wettbewerb hatten wir die kleinsten Tanks zur Verfügung", sagte der Audi-Ingenieur. "Wir wollten nicht bescheißen. Aber wir brauchten mehr Harnstoff."

Das Problem sei durch Präsentationen und "Blaue Meldungen" auch dem damaligen Audi-Technikvorstand bekannt gewesen. Aber Beschleunigung, Verbrauch und Kosten seien wichtiger gewesen als Abgaswerte: "Abgasnachbehandlung ist nicht sexy", sagte der Angeklagte.

Nach Entscheidungen bei VW habe der damalige Audi-Dieselmotorenchef B. seine Abteilung im April 2008 angewiesen, den Harnstoff-Verbrauch zu deckeln. Dass Kunden nicht durch Warnlampen über zur Neige gehenden Harnstoff behelligt werden sollten, habe das Problem noch verschärft. "Wir waren unter Druck ohne Ende" sagte P. Als er von seinen Mitarbeitern "intelligente Lösungen" gefordert habe, habe er den Druck von oben und die Konzernstrategie weitergegeben.

Ausweichend antwortete er auf die Frage des Vorsitzenden Richters Stefan Weickert, ob er selbst gewusst oder geahnt habe, dass die Deckelung der Abgasreinigung illegal gewesen sei. "Ich war nicht zufrieden", sagte P. Zweifel an der Legalität habe er nicht gehabt - aber als Techniker habe er das auch nur aus technischer Sicht betrachten müssen.

lhy/dpa
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