VW lässt Topmanager ziehen Ex-Seat-Chef Luca de Meo wird Chef von Renault

Luca de Meo: Der ehemalige Chef von Seat wechselt wohl auf den Chefsessel von Renault

Luca de Meo: Der ehemalige Chef von Seat wechselt wohl auf den Chefsessel von Renault

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Der ehemalige Seat-Chef Luca de Meo wird neuer Vorstandschef von Renault. Der Aufsichtsrat berief den 52-Jährigen am Dienstag erwartungsgemäß an die Spitze des französischen Autobauers. De Meo soll seinen Posten bei Renault ab 1. Juli antreten.

Über den Wechsel des 52 Jahre alten Italieners zu Renault war in den vergangenen Wochen bereits häufiger spekuliert worden. Streitigkeiten um die Auflösung seines Vertrags bei VW und eine strenge Wettbewerbsverbotsklausel sollen laut Insidern den Wechsel erschwert haben.

De Meo war der Anfang des Monats als Chef der spanischen VW-Tochter Seat zurückgetreten. Renault hatte Mitte Oktober vergangenen Jahres den bisherigen Generaldirektor Thierry Bolloré gefeuert. Interimschefin ist die Renault-Topmanagerin Clotilde Delbos. Wegen vertraglicher Regelungen mit seinem früheren Arbeitgeber sei es möglich, dass De Meo erst im Sommer in Frankreich antreten könnte, hatten französische Medien noch am Dienstagmorgen berichtet.

Bolloré hatte bei Renault das operative Geschäft geführt. Nach der Verhaftung des Automanagers Carlos Ghosn in Japan im November 2018 war Renault in eine Führungskrise geraten. Der Hersteller will nun vor allem das Bündnis mit den japanischen Herstellern Nissan und Mitsubishi neu beleben - die Allianz hatte erheblich unter den Turbulenzen gelitten.

Renault hat schwierige Jahre hinter sich

Der französische Autobauer Renault hat ein ziemlich desaströses Jahr 2019 hinter sich. Der Absatz ging weltweit um 3,4 Prozent zurück. Und auch der Skandal um Carlos Ghosn, den mittlerweile in den Libanon geflohenen Ex-Chef des Unternehmens, dürfte den Konzern wohl auch im laufenden Jahr noch ziemlich beschäftigen.

Um aus der Misere zu kommen, setzt Renault nun offenbar auch personell auf einen Neustart. Als potenzieller Ghosn-Nachfolger wird de Meo schon seit Wochen immer wieder genannt. Anfang Januar gab dieser seinen Posten bei der VW-Tochter Seat auf - und war damit theoretisch frei für den Autobauer Renault, der nach dem Ausscheiden des erfolglosen Ghosn-Nachfolger Thierry Bolloré aktuell interimistisch von Renault-CFO Clotilde Delbos geführt wird.

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Für De Meo, der auch bei VW und Audi wiederholt als potenzieller Kandidat für den Chefposten gehandelt wurde, aber stets leer ausging, wäre der Job die Krönung seiner Karriere. Aber sicher auch die schwerste Aufgabe bislang. Denn Renault befindet sich nach dem spektakulären Sturz Ghosns und der gescheiterten Allianz mit Fiat in einer tiefen Krise.

Dass er einmal Automanager werden wollte, war dem Italiener de Meo schon als Kind klar. Seine Liebe zu Autos sei entbrannt, nachdem ihn ein Fiat-Rennfahrer, der während einer Rallye im Haus seiner Eltern nächtigte, im zarten Alter von sechs Jahren in das Cockpit eines Rennwagens gesetzt habe, erzählte er einst.

Entsprechend zielgerichtet verfolgte der junge de Meo seine Karriere. Er heuerte nach einem Studium an der renommierten Mailänder Wirtschaftsuni Bocconi zunächst im Marketing bei Renault an, bevor er über Positionen bei Toyota  und Fiat , wo er unter CEO-Sergio Marchionne einen rasanten Aufstieg erlebte, zu Volkswagen wechselte. Dort arbeitet er zunächst für Audi , stieg 2015 schließlich zum Seat-Chef auf und erhielt über Aufsichtsratsposten zudem Einblicke in die Geschäfte von Ducati und Lamborghini.

Er habe sich immer bemüht, alle Vorurteile, die es gegenüber Italienern gebe, zu entkräften, erklärte de Meo vor einigen Jahren bei einer Feier seiner Alma Mater Bocconi: Habe sich bemüht, pünktlicher zu sein als die Deutschen, stressresistenter als die Japaner. Was ihn schließlich nun mit 52 Jahren zu einem der jüngeren Bosse der Branche macht - mit mehr als 20 Jahren Branchenerfahrung in gleich einer ganzen Vielzahl von Unternehmen, Segmenten und Marken.

Steile Karriere - doch der echte Durchbruch ließ auf sich warten

Dass der Renault-Verwaltungsrat nun offenbar ihn als Hoffnungsträger auserkoren hat, dürfte de Meo aber vor allem seinem Engagement bei Seat verdanken. Bei dem Autobauer, der einst selbst als Krisenkandidat galt, konnte er in den vergangenen Jahren immer neue Rekordgewinne vermelden. Ein Erfolg, für den allerdings seine Vorgänger, wie er selbst einräumt, den Grundstein legten.

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In Spanien ist der Italiener dennoch beliebt. Dort bringen viele den Ex-Seat-Chef mit dem "Spanischen Autowunder" in Verbindung, das dem Land trotz nicht wirklich ausgeprägter Automobilkultur zahlreiche Fertigungen und die damit verbundenen Jobs gebracht hat. Und an dem viele Spanier de Meo durchaus Mitwirkung attestieren mit seinem Verhandlungsgeschick gegenüber der Regierung und gegenüber Banken.

Auf solch ein Wunder - und de Meos internationales Verhandlungsgeschick - hofft nun womöglich auch Renault. Denn wie einst Seat stecken auch die Franzosen in einem Tief. Angesichts schwächelnder Nachfrage rechnen sie für das abgelaufener Jahr mit einem deutlichen Rückgang bei Marge und Gewinn.

Und das nicht nur, weil die Branche angesichts von Klimakrise, neuer Konkurrenten und Antriebsformen und neuer Nutzungsgewohnheiten vor immensen Herausforderungen steht.

Mit Renault übernimmt de Meo einen Autobauer, der sich durch den tiefen Sturz und die Korruptionsvorwürfe gegen Ex-Chef Carlos Ghosn in einer tiefen Krise befindet. Und der um den Fortbestand des eigenen Bündnisses mit Nissan bangen muss, während sein französischer Konkurrent PSA gerade dabei ist, mit Fiat Chrysler eine neue Allianz zu bilden.

Dass de Meo wie bei Seat erneut ein viel beachteter Aufstieg gelingt, bliebe für die Franzosen zu hoffen. De Meo selbst sieht seinen Job offenbar allerdings nicht nur im Operativen, sondern auch in der Psychologie. Das vielleicht Wichtigste heute sei, "wie Führungskräfte in ihrer Organisation die Denkweise beeinflussen", erklärte er vor einiger Zeit in einem Interview. Wie sie es schafften, die Mitarbeiter für ihr Unternehmen zu begeistern, darauf stolz zu machen.

Ein Mindshift, auf den man angesichts der desolaten Lage wohl auch aktuell bei Renault setzt. Dass de Meo seine Uniabschlussarbeit über Wirtschaftsethik geschrieben hat und in Interviews gerne über künftige Mobilitätsmodelle doziert, dürfte dem Aspiranten auf den Renault-Chefposten allerdings auch nicht schaden.