Sonntag, 19. Januar 2020

Porträt Hans Dieter Pötsch VWs Geheimwaffe ist nicht unumstritten

Volkswagen-Finanzchef Hans Dieter Pötsch ist ein ausgemachter Kenner des Konzerns. Das Amt des oberen Kassenwarts gibt er jetzt auf und wechselt an die Aufsichtsratsspitze
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Volkswagen-Finanzchef Hans Dieter Pötsch ist ein ausgemachter Kenner des Konzerns. Das Amt des oberen Kassenwarts gibt er jetzt auf und wechselt an die Aufsichtsratsspitze

Nüchtern, ruhig und zurückhaltend - mit solchen Adjektiven werden Volkswagens Top-Manager eher selten bedacht. Dem ehemaligen Volkswagen-Chef Martin Winterkon lag die große Bühne samt Scheinwerferlicht - trotz seiner etwas spröden Art. Porsche-Lenker Matthias Müller, der Winterkorn abgelöst hat, glänzt da meist mit einem gerüttelt Maß an Natürlichkeit, lässt es aber auch an klaren Worten nicht fehlen, wie die Betriebsversammlung vor 20.000 Kollegen in Wolfsburg gezeigt hat.

Einer der wichtigsten VW-Manager zieht es bei solchen Anlässen eher vor, nicht groß aufzufallen: Volkswagen-Finanzchef Hans Dieter Pötsch. Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Abgas-Skandals soll er als Oberkontrolleur die Aufarbeitung der schwersten Krise in der VW-Geschichte entscheidend vorantreiben und in die Fußstapfen des gestürzten VW-Patriarchen Ferdinand Piëch treten.

Dabei war der 64-jährige Wirtschaftsingenieur jahrelang nicht nur Winterkorns rechte Hand, sondern ist auch einer der mächtigsten Männer im Riesenreich von Volkswagen - - was ihn im Zuge des Abgasskandals für manche Kritiker gerade deswegen verdächtig macht. Pötsch ist durchaus machtbewusst, kann sich durchsetzen, die Rolle als Kumpeltyp wollte er nie einnehmen. Da entsprach er lieber öffentlich dem Klischee des stets korrekt gekleideten, etwas spröden Zahlenmannes.

Pötsch kann durchaus Strategie entwerfen - und durchsetzen

Der hagere, hochgewachsene Diplom-Wirtschaftsingenieur ist rein äußerlich eine andere Erscheinung als der Autofanatiker Piëch. Doch auch Pötsch hat das Zeug dazu, strategisch und taktisch gewiefte Züge zu entwerfen und diese dann durchzuziehen.

Gezeigt hat er das etwa bei der reibungslosen Integration von Porsche in den Volkswagen-Konzern, die Pötsch in allen finanziellen Details verantwortete und die als sein Meisterstück gilt. Schließlich reihte er Porsche damit nicht nur Steuer sparend ins VW-Riesenreich ein, sondern vermehrte damit auch noch das Vermögen der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch nach einem verpfuschten Angriff des Sportwagenbauers auf VW.

Den nach dem Finanzierungschaos aufgelaufenen Schuldenberg von 11,6 Milliarden Euro trug er durch eine Kapitalerhöhung und den Verkauf des Sportwagenbauers Porsche an den VW-Konzern ab. Heute sitzt die Familienholding auf einem Polster von zwei Milliarden Euro. Obendrein konstruierte er den Kauf von Porsche durch VW so geschickt, dass fast keine Steuern anfielen.

Meister der konservativen Liquiditätssteuerung

Und auch die Übernahme von MAN managte er ebenso gekonnt wie reibungslos. Bei solchen Deals kam ihm wohl auch die operative Erfahrung zugute, die er als Chef der Maschinenbaufirmen Traub und Dürr in den 1990er-Jahren sammelte. Davor war Pötsch unter anderem Leiter des Konzerncontrollings bei BMW.

Im Jahr 2003 wechselte Pötsch, der sich privat für Fußball und Kunst interessiert, von der Dürr AG zu Volkswagen. Die Risikobereitschaft des seit Mittwoch ehemaligen VW-Oberfinanzers ist äußerst gering: Er mag es solide und geradlinig, der Begriff "robust" zählte lange zu seinen meistgebrauchten Worten. In seinem Umfeld wird er als Teamplayer beschrieben, der auch gut mit Leuten umgehen kann. Und wenn es darauf ankommt, kann Pötsch mit seiner besonnenen Art auch Zweifler überzeugen. Das zeigte er etwa Ende 2011, als er bei einem denkwürdigen Abendessen mit Journalisten die vertrackten Details der Porsche-Fusion geduldig und nahezu narrensicher erklärte.

Nicht nur deshalb gilt Pötsch in der Branche als ausgebuffter Finanzexperte. Er steht für eine konservative Liquiditätssteuerung, für die Volkswagen von Investoren und Analysten bislang geschätzt wurde. In Pötschs zwölf Jahren als oberster Kassenwart gelang es Volkswagen so, sich trotz Milliardenübernahmen ein dickes Finanzpolster zu bewahren.

Pötsch kennt den Konzern genau, das macht ihn in der Abgasaffäre verdächtig

Diese Verdienste schätzt auch der im Groll zurückgetretene Piëch. So hat Pötsch auch das Vertrauen des einstigen VW-Patriarchen, der große Anteile am Volkswagen-Konzern hält. Pötsch könnte es sogar gelingen, den Riss zwischen den Familienclans Piëch und Porsche sowie dem Land Niedersachsen ein Stück weit zu kitten. "Pötsch ist grundsätzlich eine gute Wahl", sagt NordLB-Analyst Frank Schwope, "er hat bei Volkswagen bisher eine präzise Arbeit abgeliefert und kennt den Konzern."

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer erklärte unlängst, Pötsch sei als AR-Chef "nicht tragbar". Er habe die Anleger nicht gewarnt, "selbst als das Schreiben der US-Umweltbehörde EPA bereits tagelang im Internet stand". Das sei ein Fehler gewesen. Wenn VW nun Klagen von Aktionären bekomme, dann sei Pötsch aus seiner Sicht als ehemaliger Finanzvorstand dafür verantwortlich.

Jahrelang war Pötsch der zweite, starke Mann im Vorstand nach dem ausgeschiedenen VW-Chef Martin Winterkorn. Er war somit bei allen Entscheidungen involviert - und gilt bei einigen Branchenkennern auch als möglicher Mitwisser. Aktionärsvertreter und die IG-Metall haben deshalb leise Bedenken gegen Pötschs Wahl geäußert. Doch eine Alternative zu Pötsch können sie in der aktuellen Lage auch nicht präsentieren.

mit Material von dpa und Reuters

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