Montag, 21. Oktober 2019

Thomas Ingenlath, Chef der Volvo Elektroauto-Marke Polestar "Wir mussten einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit durchführen"

Elektroauto-Limousine mit schwedischen Wurzeln: Polestar 2  - Volvos Direktangriff auf Teslas Model 3
Polestar

2. Teil: "Wir sind so verwegen, dass wir fast gleichzeitig in China und Europa die ersten Fahrzeuge ausliefern"

Das verheißen viele, was genau ist denn beim Polestar 2 so anders?

Im Polestar 2 verwenden wir Googles Android-Betriebssystem als Grundlage für das Infotainmentsystem. Damit haben wir Navigation, Sprachassistent und all die heute gewünschte Konnektivität direkt im Auto integriert. Das bedeutet, dass ich letztlich nicht mehr mein Handy herausnehmen muss, um mit dessen Hilfe und etwa mit Google Maps zum Ziel zu finden, weil dies ein Handy sehr viel besser kann, als die oft beim Autokauf schon wieder veralteten Navigationssysteme. Ein Polestar 2 bietet damit eigentlich alles, was beim Handy zur geliebten Gewohnheit geworden ist.

Bisher haben sich klassische Autohersteller vor einer engen Partnerschaft mit Google gescheut, auch weil sie die Oberhoheit über die Daten behalten wollten. Was erleichtert die Zusammenarbeit mit Google, und was werden ihre Kunden davon haben?

Unser Sprachassistent im Auto wird richtig gut funktionieren. Denn die Datenbasis, mit der künstliche Intelligenz Spracheingaben verarbeiten kann, ist bei Google viel größer. Da können die Einzellösungen der Autohersteller in der Regel nicht mithalten. Bei Google ist der Vorteil für den Kunden so groß, dass man da auch mal ein bisschen undogmatisch an die Sache herangehen muss. Am Anfang haben wir uns noch vorsichtig beschnuppert und es war nicht ganz so einfach, bestimme Dinge voranzubringen. Aber nach zwei, drei Jahren hat sich eine gemeinsame und sehr kreative Entwicklungsarbeit ergeben.

Allerdings tauchen bei Android-Geräte immer wieder Viren auf, die Daten auslesen können. Wie gut ist der Polestar 2 gegen Hacker-Angriffe geschützt?

Zur Beruhigung: Wir nehmen kein Android-Betriebssystem, um unser komplettes Auto zu steuern. Android ist Teil der Polestar 2-Fahrzeugarchitektur und wird sehr stark im Bereich der Unterhaltungselektronik eingesetzt. Doch für die Elektronik der Fahrassistenzsysteme, des Fahrantriebsstranges oder etwa des ABS-Systems benutzen wir ein wesentlich komplexeres System. Da haben wir sehr hohe Standards, um die Betriebssicherheit des Fahrzeuges zu gewährleisten. Diese Systeme sind komplett getrennt vom Android-Betriebssystem.

Wie weit können Sie garantieren, dass Ihre Fahrer beim Android-Infotainmentsystem die Hoheit über ihre eigenen Daten behalten?

Das ist auch nicht anders als beim Mobiltelefon. Wenn sie dort Dienste nutzen, die etwas voraussagen können und damit mehr Bequemlichkeit bieten, muss das intelligente System dahinter etwas über mein Verhalten und meine Gepflogenheiten wissen. Da müssen Sie als Kunde selbstständig beurteilen, bis zu welchem Grad Sie ihre Daten und Ihre aktuelle Position teilen. Sie können dies natürlich auch komplett ignorieren und abschalten. Dann müssen Sie aber damit leben, dass etwa die Navigation bestimmte Dinge nicht voraussagen kann. Google und Apple haben es über die Jahre gelernt, ihren Kunden diese Entscheidungsfreiheit bis zu einem sehr fein abstufbaren Grad einzuräumen.

Und was machen Apple iPhone-Nutzer in Ihren Autos?

Auch das iPhone bindet sich unkompliziert in unser System ein. Jeder iPhone-Besitzer kann ja heute schon Google Maps benutzen oder via Google suchen. Es geht ja nicht darum, dass wir uns für Android entschieden haben. Sondern darum, dass ich in meinem Automobil jene Apps und Dinge eins zu eins nutzen kann, die ich sonst in meinem "digitalen Leben" nutze. Unser System integriert Handy-Dienste einfach deutlich besser als bisherige. Sie bekommen etwa im Head-Up-Display die Richtungsanzeigen von Google Maps.

Wann werden die ersten Polestar 2 an Kunden ausgeliefert?

Ab Mai oder Juni kommenden Jahres fangen wir mit den Auslieferungen an.

Und in welchem Markt starten Sie damit?

Wir sind so verwegen, dass wir fast gleichzeitig in China und Europa die ersten Fahrzeuge ausliefern. In den USA starten wir dann noch im zweiten Halbjahr 2020.

Wie viele Polestar 2-Fahrzeuge wollen Sie produzieren?

Im ersten Jahr haben wir uns selbstverständlich nicht vorgenommen, sofort die volle Stückzahl produzieren zu können. Wir wollen dieses neue Fahrzeug sicher anlaufen lassen. Anders als das auf insgesamt nur 1.500 Exemplare limitierte Polestar 1 Coupé, das nur drei Jahre gebaut wird, stellen wir unser zweites Modell in Massenproduktion her. Wir planen allerdings mit zehntausenden, nicht mit hunderttausenden Fahrzeugen pro Jahr. Im ersten Jahr werden wir sicherlich deutlich unter der 50.000er-Marke liegen. Dass wir im Laufe des Polestar 2-Zyklus an diese Marke für die Jahresproduktion herankommen, ist im Rahmen des Möglichen. Über hunderttausend produzierte Fahrzeuge pro Jahr zu spekulieren, dafür ist es noch zu früh. Wenn wir diese Schwelle mit den drei ersten Modellen zusammen überschreiten, haben wir schon einen großen Schritt gemacht.

Warum sind Sie dabei so zurückhaltend? Fürchten Sie, dass Elektroautos doch nicht in so großen Stückzahlen gekauft werden wie viele Konkurrenten annehmen?

Unsere schwedisch-europäischen Gene hindern uns wohl daran, in unbegrenzter Euphorie derartige Stückzahlen heraus zu posaunen (lacht). Unsere Herangehensweise ist ein bisschen anders, wir sind zurückhaltender. Neben Sorgfalt in der Planung und mit Gespür für die Realität wissen wir auch was es bedeutet, eine Produktion komplexer Automobile schnell hochzufahren. Der Kunde erwartet eine Top-Qualität und die wollen wir hundertprozentig liefern. Die Erfahrung in unserem Unternehmen ist vorhanden, um das sicherzustellen.

Wann gehen Sie mit dem Polestar 3 auf den Markt?

Bis zur Markteinführung des Polestar 3 wird es noch zwei, drei Jahre dauern. Dann werden wir einen SUV bringen. Doch es wird kein typischer Vertreter seiner Gattung sein, sondern wir werden dem Fahrzeug eine sehr aerodynamische, sportliche Form geben. Eine Art Coupé, aber sehr eigenständig. Wir werden dabei auf der neuen Volvo-Fahrzeugarchitektur aufbauen. Das ist dann die zweite Generation der skalierbaren Produkt-Architektur SPA, die uns alle technischen und gestalterischen Möglichkeiten bietet, ein einzigartiges Fahrzeug auf die Räder zu stellen - mit vollelektrischem Antrieb.

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