20-Milliarden-Dollar-Bewertung Warum Polestar keine Angst vor einem Börsen-Desaster hat

Mitten in schwierigen Börsen-Zeiten startet Polestar an der Nasdaq in New York. Der Elektroauto-Bauer ist zuversichtlich, nicht der nächste Crash-Kandidat zu sein. Doch es gibt Fragezeichen.
Top- oder Crashpilot? Polestar-Chef Thomas Ingenlath muss sich jetzt auch an der Börse beweisen

Top- oder Crashpilot? Polestar-Chef Thomas Ingenlath muss sich jetzt auch an der Börse beweisen

Foto: Jan Hetfleisch / Getty Images

Polestar hat Wort gehalten. Trotz der Unruhe am Markt hatte der E-Auto-Hersteller an seinen Plänen festgehalten, noch im ersten Halbjahr 2022 an die Börse zu gehen. Am Freitag war es nun so weit. Nach einem Spac-Deal mit der Mantelfirma "Gores Guggenheim" ist die Marke ab sofort mit dem Tickersymbol "PSNY" an der Nasdaq in New York gelistet. Die Fusion mit der Investmentfirma des US-Milliardärs Alex Gores (69) hatte Polestar bereits im September 2021 angekündigt. Nun ist der Prozess abgeschlossen.

Polestar spült der Börsenstart rund 850 Millionen US-Dollar in die Kassen. Damit musste der Autobauer leichte Abstriche hinnehmen, noch im Mai hatte er darauf gehofft, knapp eine Milliarde Dollar einnehmen zu können. Polestar erwartete zum Start eine Bewertung von etwa 20 Milliarden Dollar - damit ist das Unternehmen in ähnlichen Sphären unterwegs wie Mutterkonzern Volvo (21,7 Milliarden Dollar).

Der Eröffnungskurs der Polestar-Aktie am Freitag lag bei 12,98 Dollar und damit 15,5 Prozent über dem Schlusspreis bei der Spac-Finalisierung vom Donnerstag. Phantasie für E-Auto-Marken als Börsenstars scheint also weiter vorhanden zu sein. Zuletzt hatte sich die Stimmung rund um die Branche allerdings eingetrübt. Newcomer wie Rivian (-78 %) oder Lucid Motors (-50 %) mussten im letzten halben Jahr massive Kursverluste hinnehmen.

Droht auch Polestar der Absturz? Das Timing ist jedenfalls gewagt. Corona-Pandemie, Rohstoff- und Lieferengpässe, Krieg in der Ukraine, Inflation, Rezessions-Ängste - "ein so schwieriges erstes Halbjahr gab es seit Jahrzehnten nicht mehr", sagt Jürgen Pieper, Auto-Analyst vom Bankhaus Metzler. Gerade Anbieter von Premium- und Luxusgütern hätten zuletzt schwer gelitten. Ein Umfeld, in dem sich auch Polestar bewegt.

Er könne verstehen, dass es schwerfalle, den Prozess aufzuhalten, wenn man den Börsengang erst einmal angeschoben habe. "Aber in der aktuellen Situation hätte ich doch eher bis zum nächsten Frühjahr gewartet und den Start verschoben. Dafür hätte wahrscheinlich auch jeder Verständnis gehabt", so Pieper. Auch Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, warnt: "Der Börsenstart von Polestar kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt." Technologisch sei der Hersteller zwar gut unterwegs, "aber der Weg ist lang und steinig. Die Wettbewerbsintensität steigt und man wird einen langen Atem brauchen."

"Wir betreiben bereits ein reales und erfolgreiches Geschäft"

Solche Bedenken versucht das Unternehmen beiseitezuschieben. Anders als mancher Wettbewerber könne man eine funktionierende Produktion nachweisen, erklärte Polestar-Chef Thomas Ingenlath (58) zuletzt. "Wir betreiben bereits ein reales und erfolgreiches Geschäft", unterstrich er am Freitag. Über 55.000 Autos der Marke sind bereits auf der Straße. Mit Volvo Car und dem chinesischen Autoriesen Geely kann Polestar zudem auf in der Branche verwurzelte Partner zählen.

Die beiden Autokonzerne hatten Polestar 2017 gemeinsam gegründet. Bis zum Börsengang von Volvo Car im vergangenen Herbst hielt Geely nach der Übernahme von Ford im Jahr 2010 98 Prozent der Anteile am schwedischen Autobauer. Heute sind immer noch 84 Prozent in Besitz von Unternehmen, die zu Geely gehören.

Damit ist auch Polestar eigentlich ein chinesisches Unternehmen - mit betont schwedischem Anstrich. Hauptsitz ist Göteborg, der Markenauftritt ist sehr auf die vermeintlich schwedische Heimat bedacht. Regelmäßig fahren die Autos auf den verbreiteten Marketingbildern durch Landschaften mit Bergen, Seen und Schnee. Für den europäischen Touch steht auch der deutsche CEO Ingenlath. Als Designer zeichnete er einst über 20 Jahre Fahrzeuge für den Volkswagen-Konzern. Doch das letzte Wort haben bei Polestar Chinesen.

Volvo Car und Geely halten bislang jeweils etwas weniger als die Hälfte der Anteile an der Marke. Der Rest gehört Geldgebern vor allem aus China und Südkorea in den E-Auto-Hersteller, bekanntester Einzelinvestor ist aber US-Schauspieler Leonardo DiCaprio (47). In seiner Investorenpräsentation  rühmt sich Polestar dafür, derzeit neben Tesla der einzig reine Elektroauto-Hersteller mit einem globalen Ansatz zu sein.

Ernsthaft vergleichen kann man die Marke mit dem Platzhirsch aus Kalifornien aber nicht. Während Tesla im vergangenen Jahr weltweit gut 936.000 Fahrzeuge auslieferte, waren es bei Polestar 29.000. Die Ziele sind ehrgeizig, für 2025 hat sich der Hersteller 290.000 Neuwagen vorgenommen. Der Umsatz soll im gleichen Zeitraum von zuletzt 1,4 Milliarden Dollar auf 17,6 Milliarden Dollar wachsen. 2021 machte Polestar noch einen Verlust von rund einer Milliarde Euro, 2025 will die Marke ein EBIT von 1,8 Milliarden Dollar und eine operative Umsatzrendite von 8 Prozent erzielen.

Verkaufsprognose für 2022 einkassiert

Fraglich, ob die Pläne zu halten sind. Im ersten Quartal 2022 konnte Polestar seine Verkaufszahlen mit 13.600 Einheiten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar verdoppeln. Das ursprüngliche Vorhaben, im Gesamtjahr 65.000 Autos auszuliefern, korrigierte der Hersteller kürzlich aber auf 50.000 nach unten.

Polestar machte zuletzt vor allem die angespannte Corona-Situation in China mit mehreren Lockdowns zu schaffen. Bislang produziert der Hersteller ausschließlich in zwei Werken in Taizhou und Chengdu. Mit den beiden Modellen Polestar 1 und 2 ist das Produktportfolio überschaubar. Das erste Modell der Marke, ein Hybrid, wird zudem seit Ende 2021 nicht mehr gebaut, nach nur 1500 Exemplaren war Schluss. Schließlich soll die Geschichte vom echten Elektro-Pionier erzählt werden. Mit reichlich Pathos teilte Polestar am Freitag mit: "Unseren ersten Botschafter, das Auto mit dem alles begann, den Polestar 1, schicken wir in den Ruhestand. Doch das ist nicht der Anfang vom Ende. Es ist erst das Ende vom Anfang."

Richten sollen es neben dem Polestar zwei in Zukunft andere Modelle. Vor wenigen Wochen hatte die Marke erste Bilder eines SUVs - natürlich mit dem Namen Polestar 3 - veröffentlicht. Jenes Fahrzeug soll in Volvos US-Werk in Ridgeville gebaut werden. Doch beim Anlauf hakt es offenbar. Insider berichteten manager magazin zuletzt von massiven Produktionsproblemen rund um Volvo, manches Modell soll gar "on hold" stehen.

Den Polestar 3 will der Hersteller im Herbst vorstellen, mit einer Markteinführung ist nicht vor dem Frühjahr 2023 zu rechnen. Bereits im Herbst 2023 soll mit dem Polestar 4 ein weiteres, kleineres SUV startklar sein, für Anfang 2024 hat die Marke zudem ein Sportcoupé (Polestar 5) angekündigt. Dafür braucht es viel Geld, weitere Finanzierungsrunden könnten nötig sein, auch wenn Ingenlath am Freitag sagte: "Der Börsengang gibt uns die Mittel und die Plattform, um unsere ehrgeizigen Zukunftspläne umzusetzen."

Doch nicht nur in der Produktion läuft es noch nicht rund, auch der Vertrieb bereitet Probleme. Bis Ende 2023 soll die Zahl der Märkte, in denen das Fabrikat Fahrzeuge anbietet, von derzeit 25 auf 30 steigen. Polestar setzt dabei stark auf digitale Vertriebskanäle, klassische Händlernetze sind nicht vorgesehen. Nur vereinzelt arbeitet die Marke mit Händlerpartnern zusammen, in Deutschland gibt es beispielsweise sieben Stores in teuersten City-Lagen.

Daneben experimentiert Polestar mit weiteren Vertriebsformaten wie "Destinations" in Einkaufszentren, "Experience Centern", "Testdrive Hubs" oder "Handover Centern". Viele der bisherigen Kunden sollen von deutschen Premiummarken wie Audi oder BMW zu Polestar gekommen sein - und die sind oft gar nicht so digitalaffin, wie sich der Newcomer das vorgestellt hat. In Deutschland ist der durchschnittliche Polestar-Kunde über 50 Jahre alt und eher an stationären Premium-Service gewöhnt als an Over-the-air-Updates.

Für Aufsehen sorgte Polestar im April mit einem der bis dato größten Elektroauto-Verkaufsdeals. Autovermieter Hertz bestellte bei der Marke bis zu 65.000 Autos über die nächsten fünf Jahre verteilt. Vor rund zwei Wochen verkündete Polestar, nun mit den Auslieferungen zu beginnen. Ein Geschäft, das Thomas Ingenlath gut gebrauchen konnte, um die Zweifler vor dem Börsengang etwas zu beruhigen.

Mit dem eingesammelten Geld hat er sich nun weiter Luft verschafft. Ein Moment, so der CEO, "auf den das gesamte Team von Polestar stolz sein kann". Am kommenden Dienstag (28. Juni) darf Ingenlath an der Wallstreet in New York die Eröffnungsglocke läuten. So richtig stolz dürfte der einstige Autodesigner dann sein, wenn er damit im aktuellen Umfeld tatsächlich eine erfolgreich Kursrallye einläuten sollte.

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