Machtkampf bei VW Piëch gegen Winterkorn - Mehr als eine Frage des Stils

Von Ulrich Goldschmidt
Kein Top-Manager muss in Watte gepackt und gegen jegliche Kritik geschützt werden. Aber VW-Patriarch Piëch verletzt im Streit mit dem erfolgreichen Vorstandschef Martin Winterkorn bewusst die Spielregeln. Dieses Verhaltensmuster ist gefährlich und unterliegt einer Kombination aus Kontroll-, Vertrauens- und Bedeutungsverlust

Kein Top-Manager muss in Watte gepackt und gegen jegliche Kritik geschützt werden. Aber VW-Patriarch Piëch verletzt im Streit mit dem erfolgreichen Vorstandschef Martin Winterkorn bewusst die Spielregeln. Dieses Verhaltensmuster ist gefährlich und unterliegt einer Kombination aus Kontroll-, Vertrauens- und Bedeutungsverlust

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Man könnte es sich einfach machen - wenn ein Aufsichtsratsvorsitzender sich ohne Abstimmung im Aufsichtsrat öffentlich vom Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens distanziert und dafür nicht einmal einen sachlichen Grund vorbringen kann, dann ist das zumindest stillos. Passiert so etwas einmal, spricht man darüber, gelobt Besserung und Schwamm drüber. So etwas kann vorkommen, sollte aber nicht und lässt sich bereinigen.

Der Konflikt zwischen Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn ist dagegen so einfach nicht einzuordnen. Hier geht es nicht nur um eine Stilfrage im Umgang miteinander. Vielmehr lässt sich bei Ferdinand Piëch ein Verhaltensmuster im Umgang mit Führungskräften des Volkswagen-Konzerns erkennen, das im höchsten Maße bedenklich ist. Erneut spielt Piëch als Aufsichtsratsvorsitzender über Bande und nutzt die Medien, um den VW-Vorstandsvorsitzenden öffentlich in Frage zu stellen. Diese Methode, mit einem der Presse hingeworfenen Satz ("Ich bin auf Distanz zu Winterkorn") die Trennung von Top-Führungskräften des Konzerns einzuleiten, ist Teil des Systems Piëch.

Ulrich Goldschmidt
Foto: Gerhard Blank

Ulrich Goldschmidt ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender und heutiger Senior Advisor des Verbands für Fach- und Führungskräfte (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.

Nun muss kein Top-Manager in Watte gepackt und gegen jegliche Kritik geschützt werden. Und in seinem Gehalt ist immer auch eine gehörige Portion Schmerzensgeld enthalten. Wer sich in die dünne Luft des Konzernvorstands begibt, macht das freiwillig und wird nicht mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen. Aber auch ein Vorstandsvorsitzender hat Anspruch darauf, dass Kritik sachlich begründet sein muss. Nur dann kann er sich dagegen wirksam wehren.

Und hier liegt das Problem im Duell Piëch gegen Winterkorn. Ferdinand Piëch verletzt die Spielregeln. Er nennt keine Gründe, sondern lässt alles im Ungefähren. Zugleich bringt er damit für die Öffentlichkeit zum Ausdruck, dass er, Ferdinand Piëch, mit seiner Erfahrung und den intimen Kenntnissen über Volkswagen  es doch am allerbesten wisse, wann es an der Zeit ist, sich von seinem Vorstandsvorsitzenden zu distanzieren. Im Subtext liest man mit: "Und Martin Winterkorn kann doch froh sein, wenn ich nicht alles ausplaudere, was ich an Negativschlagzeilen über ihn verbreiten könnte."

Es geht nicht um Sachgründe - Piëch verletzt mit Vorsatz die Spielregeln

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Winterkorn auf der Hannover Messe: Immer schön lächeln

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Ferdinand Piëch hat nur ein Problem: Es hat sich nicht nur im Konzern, sondern in ganz Deutschland herumgesprochen, dass Martin Winterkorn anerkanntermaßen ein außergewöhnlich erfolgreicher Manager ist. Und Erfolg schützt. Wenn es wirklich sachliche Kritikpunkte an seiner Arbeit geben sollte, hätte Piëch diese zunächst intern und zwar im Aufsichtsrat ansprechen müssen. Dass er dies nicht getan hat, lässt nur den Schluss zu, dass es gar nicht um Sachgründe geht.

Ferdinand Piëch ist aber erfahren genug um zu wissen, dass seine Äußerung geeignet ist, Martin Winterkorn öffentlich als Vorstandsvorsitzenden zu beschädigen. Wir reden hier nicht von Fahrlässigkeit, sondern von Vorsatz. Aus seiner Sicht hat sich ein solches Vorgehen in anderen Fällen bewährt. Und an einer bewährten Methode hält man fest. Einen erfolgreichen Topmanager wie Martin Winterkorn ohne Not nach Gutsherrenart in Frage zu stellen, schadet aber dem Unternehmen, den Mitarbeitern und den Aktionären. Das Vorgehen von Piëch ist damit zugleich ein Affront gegenüber dem Aufsichtsrat. Und das hat Ferdinand Piëch trotz all seiner Erfahrung falsch eingeschätzt.

Piëch schadet mit seiner Gutsherrenart dem Unternehmen

Derartige Verhaltensmuster findet man immer wieder bei erfolgreichen und zugleich machtbewussten Menschen, die es nicht ertragen können, wenn der Erfolg eines anderen sie selbst in den Schatten stellt und sie spüren, dass sie nicht mehr allein herrschen können. Diese Kombination aus Kontroll-, Vertrauens- und Bedeutungsverlust kann verheerende Folgen nach sich ziehen. Irgendwann schaffen es diese Menschen nicht mehr, Sachthemen von persönlichen Befindlichkeiten zu trennen. Haben sie dann immer noch eine starke Position, wie sie nun mal ein Aufsichtsratsvorsitzender hat, halten sich viele irgendwann für unangreifbar. Fehler machen die anderen und man selbst hat die heroische Aufgabe, gegen diese Fehlerhaftigkeit der Welt anzukämpfen. Und dafür sollte die Welt doch bitteschön dankbar sein. Nun kann man aber das Aktiengesetz solange durchsuchen wie man will - man wird nicht finden, dass der Aufsichtsratsvorsitzende für sich das Dogma der Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen kann.

Der Aufsichtsrat muss Piëch beim Erkenntnisprozess helfen

Jetzt ist es an der Zeit für den Volkswagen-Aufsichtsrat einzugreifen und Ferdinand Piëch bei dem Erkenntnisprozess zu helfen, seine eigene Fehlbarkeit zu erkennen und dass auch seine Zeit bei Volkswagen endlich ist. Der Affront gegen den Aufsichtsrat und gegen den Vorstandsvorsitzenden zugleich lässt als Reaktion nur zu, Ferdinand Piëch zum sofortigen Rücktritt aufzufordern. Dafür lassen sich jetzt noch gesichtswahrende Wege finden, die auch die Leistungen würdigen, für die der Name Ferdinand Piëch ebenso steht.

Ulrich Goldschmidt ist Vorstandsvorsitzender des Verbands "Die Führungskräfte".

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