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Pariser Autosalon: Die wichtigsten neuen Modelle aus Paris

Pariser Autosalon 2016 Wo es bei der Digitalisierung der Autohersteller noch hakt

Es war ein Blick weit in die Zukunft. In den nächsten 25 Jahren, orakelte Daimler-Chef Dieter Zetsche bereits Anfang 2011, könnte sich die Autobranche stärker verändern als in den 125 Jahren zuvor. Vor einem Jahr erklärte BMW-Chef Harald Krüger, dass die Digitalisierung die Autoindustrie umkrempeln werde.

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Deren erste Auswirkungen werden auf der Pariser Automesse greifbar, die demnächst startet. Nicht nur, dass auf den Messeständen diesmal Elektroauto-Modelle mit Reichweiten jenseits der 300 Kilometer die Stars sein werden. Die Chefs der großen Autohersteller kündigen schon vor der Messe große Veränderungen an - und zwar innerhalb der Unternehmen (mehr zur digitalen Zukunft hier).

So sprach etwa Daimler-Chef Zetsche kürzlich in einem Interview von einer "Kulturrevolution" in seinem Unternehmen - und meinte, dass die Schwaben künftig sehr viel schneller und beweglicher agieren werden. Die Chancen der Digitalisierung nützen - das will der US-Hersteller Ford ebenso wie General Motors, Audi, Porsche und BMW. Näher an den Kunden wollen die Autohersteller sein, bei neuen Mobilitätsdiensten mitmischen, mit der Datenaufbereitung und Apps zusätzliche Erlöse generieren.

Die Frage ist bloß: Können die Autohersteller das überhaupt leisten? Dass die Veränderungen durch die Digitalisierung heftig sein werden, haben die meisten Hersteller begriffen. Doch noch fehlt den meisten Autoproduzenten der Wille, ihre jüngst angeworbenen Digitalisierungsexperten auch mit der Macht für Veränderungen auszustatten. Das legt eine Studie der auf die Automobilindustrie spezialisierten Unternehmensberatung Berylls Strategy Advisors nahe, die manager-magazin.de exklusiv vorliegt.

Noch fehlt das Zusammenspiel aller Unternehmensbereiche

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Pariser Autosalon: Die wichtigsten neuen Modelle aus Paris

Die Consultants haben gemeinsam mit dem Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der Uni München die Digitalisierungsstrategien in der Automobilindustrie untersucht. Die Wissenschaftler befragten dafür Manager von sechs Autoherstellern in je 60 Minuten langen Experteninterviews.

Dabei kam auch heraus: Einzelne Bereiche der Hersteller halten sich längst für digitalisiert. Produktionsexperten etwa weisen gerne darauf hin, dass ihre Fabriken schon seit Jahren vernetzt sind. Entwickler erklären, dass sie ihre Autos seit Jahren virtuell am Computer entwickeln. Das Problem dabei: Untereinander sind diese Fachbereiche nicht verbunden.

Vor allem kommt bei den Kunden wenig von der Digitalisierung an. "Sie erwarten aufgrund ständig neuer Smartphone-Generationen und täglichen Updates eine äquivalente Reaktionszeit der Fahrzeughersteller", sagt Studienautor Jan Burgard von Berylls.

Der Anspruch heißt beispielsweise, Änderungen am Wunschauto oder die Nachbestellung von Features bis kurz vor der Auslieferung zu ermöglichen. Auch nach dem Kauf sollten die Unternehmen von sich aus mögliche Änderungen anbieten.

Die Realität beschreibt der Berylls-Berater aber noch immer so: "Sie benötigen mehrere Jahre, um ein neues Fahrzeug zu entwickeln, welches besonders im Infotainment schnell wieder in die Jahre kommt."

Autohersteller kämpfen mit einer unternehmensweiten "digitalen Kultur"

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Milliarden für Tech-Know-How: Wie die Old Economy sich Digitalkompetenz erkauft

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"Nahezu alle Hersteller investieren in Digitalisierungsinitiativen, werben Mitarbeiter von IT-Unternehmen oder Start-ups ab und bauen neue digitale Einheiten auf", sagt Studien-Coautor Thomas Hess, Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Uni München. Doch das reiche nicht, warnt Berylls-Berater Burgard. Eigentlich müssen die Autohersteller ihr bisheriges Vorgehen von der Entwicklung über Produktion bis hin zum Vertrieb entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Fahrzeuge anpassen. "Viele Hersteller scheuen sich noch die wahren Probleme anzugehen - ihre Kernprozesse zu verändern", urteilt Burgard. "Sie sind oft gefangen in ihren eigenen Strukturen und Gremien."

Für eine im Konzern verankerte "digitale Kultur" ist der ökonomische Druck noch nicht groß genug, befindet Berylls-Berater Matthias Kempf. Die Industrie sei eher durch die Ungewissheit getrieben, was durch Tesla , Uber und Google  auf sie zukommt.

Digitalisierung ist noch nicht wirklich Chefsache

Wohl auch deshalb haben die eilig berufenen Digitalisierungsexperten bei den Autoherstellern auch noch nicht die Macht, um tiefgreifende Änderungen im Unternehmen durchzusetzen.

Noch gibt es - anders als etwa in der Finanzbranche - keinen ausgewiesenen Digitalisierungsexperten, der einen Vorstandsposten bei einem Autohersteller innehat. Noch werden die Fachleute für Digitalisierung mit unklarem Auftrag losgeschickt und müssen sich erst ihre Aufgaben suchen. In den Unternehmen gelten sie oft als "bunte Hunde", berichten die Berater - und müssen sich erst mal bei der alten Garde Respekt verschaffen.

Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis die Autoriesen ihre internen Abläufe wirklich an das schnelllebige digitale Zeitalter angepasst haben. Doch immerhin bescheinigt die Studie der Autobranche große Transformationsbemühungen. Kooperationen wie etwa bei dem Kartendienst Here, den BMW, Daimler und Audi gemeinsam gekauft haben, könnten als ein Kernelement für einen erfolgreichen digitalen Wandel dienen.

Helfen würde auch eine Kehrtwende in der Denkweise, empfiehlt die Studie: Digitalisierung sei nichts Vorübergehendes, sondern müsse dauerhaft im Unternehmen verankert werden. Deshalb machen sich die Autoren auch für die Bestellung von Chief Digital Officers mit großer Budget- und Durchsetzungsmacht stark. Trotz aller Bekenntnisse zum Wandel bleibt der Autobranche also noch viel zu tun, um die Digitalisierung gut zu meistern - und nicht von demnächst Start-Ups unter heftigen Beschuss genommen zu werden.