Elektroauto-Projekt vor dem Aus Paris zieht Carsharingprojekt Autolib' den Stecker

Elektroauto von Autolib': Das Pariser Carsharing-Projekt hat einen Verlust von 233 Millionen Euro angehäuft

Elektroauto von Autolib': Das Pariser Carsharing-Projekt hat einen Verlust von 233 Millionen Euro angehäuft

Foto: © Gonzalo Fuentes / Reuters/ Reuters
Fotostrecke

McKinsey Studie: Goldene Zeiten für Mobilitätsdienste

Foto: AFP

Das großangelegte Pariser Elektroauto-Carsharing Autolib' steht vor dem Ende. Der zuständige kommunale Zweckverband verweigerte am Donnerstag einen Verlustausgleich von 233 Millionen Euro, den der Mischkonzern Bolloré als Betreiber gefordert hatte. Dies bringe faktisch die Kündigung des Vertrags zum 25. Juni mit sich, teilte der Verband mit. Autolib' war 2011 mit großen Hoffnungen gestartet - das staugeplagte Paris wollte damit Luftverschmutzung und Verkehrschaos reduzieren.

Die an die 4000 kleinen grauen Elektroautos konnten an gut 1100 Stationen am Straßenrand ausgeliehen und wieder abgestellt werden. Von einer "Revolution" für das durch Staus und Smog geplagte Paris sprach der frühere Bürgermeister Bertrand Delanoë zum Start Ende 2011.

Doch das Freiheitsversprechen wurde nicht eingehalten. Verbeult und schmutzig seien die grauen Kleinwagen, klagen viele Nutzer. Zudem übernachteten zunehmend Obdachlose in den Fahrzeugen. Die Zahl der Abonnenten halbierte sich innerhalb von zwei Jahren auf geschätzte 150.000.

Industrieller Bolloré droht mit Blitz-Stilllegung

Das Angebot schrieb schon länger rote Zahlen. Darüber sah die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo lange hinweg. Zum Eklat kam es erst, als der Autolib'-Betreiber und Großindustrielle Vincent Bolloré der Stadt eine saftige Rechnung präsentierte: 46 Millionen Euro solle die Stadt jährlich zuschießen, verlangte der zehntreichste Mann Frankreichs.

Denn wie nun herauskam, schiebt Autolib' einen Schuldenberg von fast 300 Millionen Euro vor sich her. Noch Anfang 2017 hatte die sozialistische Bürgermeisterin Hidalgo versichert, es gebe "keine Verluste". Auf ihr Drängen hin beschlossen die Stadt Paris und die beteiligten Kommunen im Umland am Donnerstag, den eigentlich bis 2023 laufenden Vertrag mit dem Großindustriellen vorzeitig zu beenden.

Die Bolloré-Familie hat gedroht, die Autos sofort aus dem Verkehr zu ziehen. Damit dürften viele Pariser über Nacht wieder zu Fußgängern oder Metro-Fahrern werden. Rund 20.000 Menschen haben eine Internet-Petition zur Rettung von Autolib' unterschrieben. Auch in den sozialen Netzwerken machen Pariser ihrer Wut Luft: Eine "Schande" sei das Aus für Autolib', klagt eine Frau aus einer Vorstadt. Sie weiß nicht, wie sie künftig zur Arbeit kommen soll.

Auch ein zweites Pariser Mobilitäts-Vorzeigeprojekt steckt in der Krise

Fotostrecke

Die Zukunft der Städte: Das sind die größten Herausforderungen

Foto: DPA

Ein einziges "Fiaskolib" sei das für die Stadt, ätzt ein Twitter-Nutzer. Der Zweckverband möchte nun nach neuen, "wirtschaftlich solideren" Carsharing-Angeboten suchen. Der Konflikt zwischen Bolloré und seinen öffentlichen Partnern hatte sich über die vergangenen Wochen hochgeschaukelt, beide Seiten machten sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich.

Allzu gute Karten hat der Mischkonzern Bolloré in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit aber ohnedies nicht. Der Chef der Unternehmensgruppe, Vincent Bolloré, wurde Mitte April vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen. Französische Behörden ermitteln gegen die Firmengruppe wegen Bestechungsverdachts bei der Vergabe von Hafenkonzessionen in Afrika. Nun muss der Unternehmer, der als härtester Geschäftsmann Frankreichs gilt, um sein Lebenswerk kämpfen.

Auch ein anderes Vorzeigeprojekt für umweltfreundliche Mobilität in Paris steckt in der Krise: das 2007 gestartete Leihfahrradsystem Vélib'. Das Angebot mit mehr als 1200 Leihstationen galt als großer Erfolg. Anfang des Jahres wechselte der Betreiber, Fahrräder und Stationen mussten ausgetauscht werden. Der neue Anbieter hinkte aber von Anfang an seinem Zeitplan hinterher, zudem wurde das neue System von technischen Problemen geplagt. Heillos überfordert ist der neue Betreiber vor allem mit dem versprochenen Aufbau von Stationen für Elektrofahrräder.

Chance für deutsche Carsharing-Anbieter

In den vergangenen Wochen wurden zwischen 5000 und 20 000 Vélib-Fahrten pro Tag gezählt - beim Vorgänger waren es noch durchschnittlich mehr als 100 000 pro Tag.

Das Debakel könnte zur Chance für deutsche Carsharing-Anbieter werden. Bürgermeisterin Hidalgo verhandelt unter anderem mit BMW und Volkswagen über ein alternatives Leihauto-Modell - nach dem Vorbild von Car2Go und DriveNow in Deutschland. Auch die Opel-Mutter PSA ist im Rennen.

Frankreichs Umweltminister Nicolas Hulot findet die Entwicklung dennoch bedauerlich, schließlich seien Elektroautos die "Mobilität der Zukunft". Rund 6300 Elektro-Ladesäulen sind durch Autolib' in Paris entstanden - so viele wie wohl nirgendwo anders in einer westeuropäischen Großstadt.

Das lautlose Fahren hat in jedem Fall eine Zukunft in Paris. Tausende nutzen schon jetzt Elektro-Scooter von zwei Anbietern. Und eine US-Firma will diese Woche ein ganz neues Verleihsystem starten: mit Elektro-Tretrollern.

wed/AFP/dpa