Dienstag, 25. Juni 2019

Erster Jahresgewinn seit 20 Jahren, aber ... Warum Opel noch nicht durchatmen kann

Opel-SUV Grandland X: Der Wagen steht bereits auf einer PSA-Plattform

Opel überrascht mit dem ersten Jahresgewinn seit fast 20 Jahren. Das sei eine "Grundlage für eine stabile Zukunft", meint Carlos Tavares, Chef der Opel-Mutter PSA. Doch bei der Blitz-Sanierung sind längst noch nicht alle drängenden Probleme gelöst. Antworten auf die drei wichtigsten Fragen.

1. Lässt Opel mit dem Gewinn die Dauerkrise endlich hinter sich?

Der operative Jahresgewinn von 859 Millionen Euro ist zwar ein Anfang - für Jubelmeldungen ist es aber noch zu früh. Denn die Sanierung ist längst nicht abgeschlossen, wie ein paar wichtige Kennzahlen zeigen. Tavares legt etwa auf niedrige Lohnkosten wert und misst diese gerne in Personalkosten in Relation zum Umsatz. Bei Opel liegt dieser Wert aktuell bei rund 13 Prozent, bei den restlichen PSA-Marken hingegen bei 10 Prozent. Laut PSA-Angaben hat Opel im vergangenen Jahr eine Rendite von 4,7 Prozent erwirtschaftet, die Gewinnmarge der französischen Schwestermarken lag allerdings bei 8,4 Prozent.

Zwar hinkt Opel den restlichen Konzernmarken noch hinterher, trotzdem kann die Mannschaft rund um Opel-Chef Michael Lohscheller stolz auf sich sein. Denn bei der Vorstellung des Sanierungsplans "Pace" im November 2017 hatte es noch geheißen, dass Opel spätestens 2020 schwarze Zahlen schreiben wird. Das gelang den Opel-Leuten nun deutlich früher. Allerdings: Ganz so gut wie nun dargestellt ist das Opel-Zahlenwerk auf den zweiten Blick nicht. Denn der von Tavares präsentierte operative Opel-Gewinn lässt Restrukturierungskosten in Höhe von 512 Millionen Euro außen vor. Rechnet man diese mit ein, liegt das Opel-Betriebsergebnis für 2018 dann bei 283 Millionen Euro - und die Rendite sinkt auf 1,5 Prozent. Lohscheller hat also noch einiges an Arbeit vor sich.

2. Was macht PSA besser als die frühere Opel-Mutter General Motors?

PSA-Chef Tavares und sein Statthalter Lohscheller sanieren Opel nach jenem Rezept, mit dem Tavares die Wiederbelebung von Peugeot und Citroën gelang: Mit Kostensparen und Vereinfachen. Dabei baut Opel auch Stellen ab, bislang aber ohne Werksschließungen. Denn Lohscheller einigte sich mit den Arbeitnehmern darauf, dass 3700 von insgesamt 19.000 deutschen Mitarbeitern den Konzern verlassen werden. Gesteuert wird dieser Abgang über Abfindungs- und Frühverrentungsmodelle statt betriebsbedingter Kündigungen, bislang wurden so 2500 Stellen abgebaut. Die Blaupause dafür liefert die PSA-Sanierung: Da trennte sich Tavares mit einer ähnlichen Vorgangsweise von knapp 20.000 Mitarbeitern.

Die deutschen Opel-Werke erhalten Schritt für Schritt die beiden PSA-Plattformen, aus dem Kleinstwagensektor hat sich Opel nun komplett zurückgezogen. Auch das spart Geld - unter GM-Ägide hatte Opel noch mit neun verschiedenen Plattformen gearbeitet. Insgesamt, so erklärte PSA vor kurzem, seien die Fixkosten bei Opel bereits im ersten Halbjahr 2018 um 28 Prozent im Vergleich zu 2017 gesunken.

Gegen eine Maßnahme regte sich aber zuletzt Widerstand in Rüsselsheim: PSA will Teile des Opel-Entwicklungszentrum verkaufen. Dabei sollen 2000 der knapp 7000 Ingenieure zum französischen Dienstleister Segula wechseln. Das würde wohl weiter Kosten sparen bei Opel, bislang gibt es aber keine Einigung mit IG Metall oder dem Opel-Betriebsrat. Tavares warf der Gewerkschaft vor, den Plan zu blockieren.

3. Wo hakt es aktuell am meisten?

Seine Kosten scheint Opel in den Griff zu bekommen, die Marke mit dem Blitz hat allerdings nach wie vor ein Verkaufsproblem: Der Absatz ist im vergangenen Jahr europaweit auf 884.000 Fahrzeuge gesunken, um 6 Prozent weniger als noch 2017. Opels Marktanteil ging auf 5,7 Prozent zurück. Fachleute warnen, dass die Zahl der Eigenzulassungen bei Opel sehr hoch ist - und die Marke so nur sehr niedrige Verkaufspreise erzielt. Opel-Chef Lohscheller will nun gegensteuern, indem er die Produktionsplanung strafft. "Wir haben unsere Fahrzeugbestände im vergangenen Jahr deutlich reduziert und werden auch in Zukunft nicht auf Halde produzieren," meinte er nun.

Konkrete Produktionsplanungen für die deutschen Werke in Eisenach, Rüsselsheim und Kaiserslautern nannte er nicht. Dabei plant Opel aber Berichten zufolge in diesem Jahr mit deutlich geringeren Produktionszahlen in zwei seiner drei deutschen Werke. Die IG Metall will nun mehr Klarheit über die Auslastung in den Autofabriken.

Schwertun könnte sich Opel auch mit einem großen Schwenk Richtung Elektroantrieb, wie ihn etwa Konkurrent Volkswagen plant. Denn bei E-Antrieben hinkt der PSA-Konzern noch hinterher, auch weil dafür lange die Investitionskraft fehlte. Auch der mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU könnte Opel bald belasten - schließlich betreibt die Marke zwei Werke in dem Land. "Sollten künftig Zölle erhoben werden, würden natürlich die Kosten in unseren britischen Werken steigen", meint Opel-Chef Lohscheller dazu. "In diesem Fall müssten wir dann auch unsere Preise anpassen."

PSA-Chef Tavares hingegen betonte die Möglichkeiten der als sehr britisch empfundenen Opel-Schwester Vauxhall, die ihr Geschäft 2018 gut stabilisiert habe. Sie werde nach dem Brexit vielleicht die "Überlebende" auf dem britischen Automarkt sein. Auf jeden Fall hat Opel in diesem Jahr einige Hürden zu nehmen.

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