Georg Wachtmeister - Schlüsselfigur im Abgasskandal Dieser Professor hält Opels Schicksal mit in der Hand

Georg Wachtmeister: Der Verbrennungsmotoren-Experte untersucht den Abgasskandal

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Georg Wachtmeisters Berufsbezeichnung klingt ein wenig altmodisch. Der Mann ist Professor für Verbrennungskraftmaschinen.

Doch seine Tätigkeit als Motorenforscher an der Technischen Universität München qualifiziert Wachtmeister für einen hochaktuellen und zugleich hochbrisanten Job: Er berät Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) im Abgasskandal. Er tut dies als wohl wichtigstes Mitglied der so genannten Untersuchungskommission Volkswagen  .

Wachtmeister beurteilt die Abgasreinigung einzelner Hersteller - und entscheidet so mit darüber, wie groß die Affäre noch wird. Seine Rolle ist auch deshalb so bedeutend, weil außer ihm kein weiterer Sachverständiger in der Untersuchungskommission sitzt: Sieben Beamte komplettieren das Gremium. Der Münchener (Jahrgang 1957) entwickelt sich so immer mehr zu einer Schlüsselfigur in der Dieselaffäre. Dabei ist er wegen seiner Kontakte in die Industrie nicht ganz unumstritten.

Wachtmeister versetzt Opels Führungsetage in helle Aufregung

Momentan ist vor allem die Führungsetage von Opel in heller Aufregung. Der Rüsselsheimer Autobauer hat eine 600-seitige Stellungnahme abgegeben, mit der er sich gegen Manipulationsvorwürfe wehrt.

Wenn Opel abgestraft wird, droht der Branche ein Domino-Effekt

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Darin erläutert das Unternehmen, wie die Diesel-Abgasreinigung seiner Fahrzeuge unter verschiedenen Bedingungen funktioniert - und dass im Ergebnis auch Autos der Konkurrenz nicht besser seien. Dabei führen die Rüsselsheimer nicht nur Volkswagen an.

Öffentlich hat sich Opel in den vergangenen Monaten immer wieder für unschuldig erklärt. "Opel bekräftigt, dass wir keine Software einsetzen, die feststellt, ob ein Auto einem Abgastest unterzogen wird", teilte der Konzern zuletzt mit. "Unsere Software war nie darauf ausgelegt, zu täuschen oder zu betrügen."

Opels Mantra wackelt

Genau dieses Mantra muss die Kommission um Wachtmeister jetzt dem Realitätstest unterziehen. Spätestens in einigen Wochen will Dobrindt kundtun, ob er Opel noch glaubt. Falls nicht, müsste die General-Motors-Tochter womöglich viele Tausend Fahrzeuge zurückrufen.

Zudem steht die Zulassung des neuen Zafira-Modells noch aus. Sie steht auf der Kippe, falls die Abgasreinigung des Wagens nicht deutlich besser arbeitet als die des alten. Auch an Opels Verkaufsschlager Astra gab es zuletzt immer wieder Zweifel.

Wenn das Ministerium Opel tatsächlich der illegalen Manipulation bezichtigt, droht aber auch weiteren Herstellern Ungemach - und damit ein Domino-Effekt. Opel wäre Experten zufolge der Präzendenzfall dafür, dass nicht nur Volkswagen, sondern auch andere Hersteller mit unlauteren Methoden arbeiten.

Besonders pikant an der Konstellation: Wachtmeister selbst kommt aus der Industrie - und blieb dieser nach seinem Wechsel in die Wissenschaft auch verbunden. Seine Firma Derc hat auch schon mal für Audi gearbeitet.

Zweifel an Wachtmeister Rolle als neutraler Gutachter

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Derartige Engagements nähren Skepsis an Wachtmeisters Rolle als neutralem Gutachter. Derc weist kritische Fragen jedoch zurück - die Tätigkeiten lägen einige Jahre zurück. Aufträge von Opel und Daimler habe das Unternehmen zudem nicht erhalten. Es bestünden durch die universitätsnah arbeitende Firma Derc keine Interessenkonflikte bezüglich der Arbeit in der Abgaskommission.

Wachtmeister war selbst operativ in der Industrie tätig. Bevor der Ingenieur 2004 TU-Professor wurde, leitete er den Bereich Motorentechnik bei MAN B&W Diesel in Augsburg. Als Teil des MAN-Konzerns  gehört die Sparte heute zu Volkswagen.

Der Wechsel von der Industrie in die Forschung sei ihm leicht gefallen, obwohl das Gehaltsniveau dort niedriger ist, gab Wachtmeister einmal im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" zu Protokoll: "Ich bereue diesen Schritt überhaupt nicht."

Die Begründung ist eher ungewöhnlich: In der Industrie habe ihm schlicht der Gestaltungsraum gefehlt. "Ich musste mich immer häufiger mit Personal- und Kostenabbau, Strategie- und Reorganisationsfragen herumschlagen", sagte Wachtmeister.

Wachtmeister glaubt an den Dieselmotor - aber eher nicht an Diesel

Als Forscher widmet er sich nun der Zukunft des Dieselmotors. Der ist aus seiner Sicht in Sachen Abgase gar nicht notwendigerweise das Hauptproblem. Suboptimal sei vielmehr der benutzte Treibstoff - Diesel, gewonnen aus Rohöl.

Mit anderen Brennstoffen könne ein Verbrenner durchaus deutlich sauberer arbeiten, argumentierte Wachtmeister im April als Co-Autor in einem Konferenzbeitrag auf dem Wiener Motorensymposium. "Zusätzlich hilft es der zukünftigen Akzeptanz des Verbrennungsmotors", so die sieben Experten, "auch bei den Kraftstoffen eine generelle Erhöhung der Standards an Sicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltverträglichkeit anzustreben".

Gut geeignet dafür seien Kraftstoffe auf Basis von Methanol. Dieser könne aus fossilen Rohstoffen, aber auch aus Kohlendioxid und Wasserstoff hergestellt werden. Bis es so weit ist, dürften allerdings noch viele Jahre vergehen.

Georg Wachtmeister, dem Professoren für Verbrennungskraftmaschinen, wird die Arbeit jedenfalls nicht ausgehen - schon wegen der Abgasaffäre. Daran ändert auch seine altmodisch anmutende Berufsbezeichnung nichts.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir unter Berufung auf zwei voneinander unabhängige Quellen berichtet, Wachtmeister selbst habe sich gutachterlich zu Opel geäußert. Inzwischen hat eine weitere Quelle auf ein mögliches Missverständnis hingewiesen. Wir haben diesen Aspekt daher bis auf Weiteres aus dem Text entfernt und bitten um Entschuldigung.