Opel-Betriebsversammlungen zu PSA-Deal Warum die Ruhe bei Opel trügt

Opel-Fahrzeug vor dem Transport: Die großen Klopper unter dem PSA-Schirm kommen noch - in einigen Jahren

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Beruhigung durch Wiederholung - diese Maxime scheint aktuell bei Opel zu gelten. Heute fanden an allen deutschen Opel-Standorten zeitgleich Betriebsversammlungen statt. Sie sollten den 19.000 deutschen Opel-Mitarbeiter Klarheit verschaffen, welche Folgen der Verkauf der Marke an den französischen Autohersteller Peugeot Citroën  (PSA) hat.

Die bisherigen Informationen zu den Veranstaltungen lassen darauf schließen, dass wirkliche Neuigkeiten eher spärlich gesät waren - und längst Bekanntes als Neuigkeit verkauft wurde. Opel selbst verkündete, dass der Autohersteller alle europäischen Aktivitäten von Opel, die Teil von PSA werden sollen, unter dem Dach einer Gesellschaft zusammenfasst. Aus der Adam Opel AG wird so nun eine GmbH, die Opel Group GmbH wird mit dieser verschmolzen.

Zugleich versicherte Opel, dass die Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer "in unverändertem Umfang erhalten" bleiben. Das ist kein Grund zum Jubeln, sondern bei Übernahmen in Europa eine Selbstverständlichkeit. Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug versuchte das dennoch als Erfolg zu verkaufen - mit dem Dreh, dass die Arbeitnehmerseite "ganz wesentliche Forderungen von IG Metall und Gesamtbetriebsrat durchsetzen konnten". Dabei hatte er kürzlich noch indirekt Streiks in Erwägung gezogen.

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Und die Managementseite hatte noch eine Beruhigungspille parat. Sie wiederholte nochmal, dass sämtliche bisher getroffenen Vereinbarungen von PSA eingehalten werden: Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2018 ausgeschlossen, Investitionszusagen gelten bis 2020. All das hatte PSA-Chef Tavares schon mehrfach öffentlich erklärt. Und auch bei den Produktionszusagen für die deutschen Werke kam nichts überragend Neues: In Eisenach soll von 2019 an der Nachfolger des Mokka X produziert werden, der ohnedies auf einer PSA-Plattform entsteht. In Rüsselsheim soll in einigen Jahren ein großer SUV vom Band laufen, dessen Grund-Layout wohl vom Peugeot 3008 stammen dürfte.

Warum Opel von einem Buchhaltungs-Kniff profitiert

Alles locker also für die Mitarbeiter der Blitz-Marke? Vielleicht sollten die Opelaner nach den Versammlungen den Kommentar ihres Ex-Betriebsratschefs Klaus Franz lesen - oder eine Ausgabe des Branchenblattes Automotive News (AN) zur Hand nehmen. Dort wird deutlicher, was auf Opel in den kommenden Jahren zukommen könnte. Die beste Nachricht hat ausgerechnet mit öder Buchhaltung zu tun: Denn Opel kommt wohl mit einem völlig legalen Trick schneller in die Gewinnzone als erwartet.

Wie die Analysten von ISI Evercore beschreiben, wirkt sich alleine der Wechsel der Buchhaltungsstandards positiv für Opel aus, berichtet AN . Denn bislang bilanziert die Automarke - wie auch die Mutter General Motors  - nach den amerikanischen Bilanzierungsregeln GAAP. Die US-Regeln behandeln jedoch Forschungsaufwendungen rein als Kosten ohne zukünftige Einnahmen.

Wenn Opel zu PSA wechselt, dürfte im Unternehmen bald nach dem europäischen Bilanzierungsstandard IFRS abgerechnet werden. Dabei werden die Forschungsaufwendungen anders abgerechnet: Ausgaben, die mit marktfertigen Produkten verbunden sind, werden als Anlagevermögen behandelt. Laut ISI Evercore hätte Opel im vergangenen Jahr nach IFRS eine positive Gewinnmarge von 1 bis 1,5 Prozent und einen operativen Gewinn von rund 250 Millionen Dollar ausgewiesen. Nach GAAP-Regeln lag die Gewinnmarge jedoch bei -1,3 Prozent, der Verlust bei 240 Millionen Dollar.

Die Botschaft zwischen den Zeilen - was auf Opel wirklich zukommen könnte

Doch abseits dieser Rechentricks rechnen die von AN befragten Experten mit härteren Bandagen für Opel unter der PSA-Herrschaft. PSA-Chef Tavares hat Opel als Ziel gesetzt, innerhalb von drei Jahren eine Gewinnmarge von 2 Prozent zu erzielen, ab 2026 sollen es 6 Prozent sein. Branchenexperten sagen voraus, dass Opel dafür bis zu drei Werke schließen und bis zu 5000 Arbeitsplätze abbauen müsste. Manche gehen sogar von bis zu 10.000 Arbeitsplätzen aus, die bei Opel auf dem Spiel stehen.

Bei der Sanierung von PSA hat Tavares - neben der Reduzierung von Baureihen und effizienteren Prozessen - auch gezeigt, dass er vor solchen härteren Schritten nicht zurückschreckt. Ein Werk hat er geschlossen, den Gewerkschaften das OK für den Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen in Frankreich abgerungen. Es gibt daher wenig Grund zur Annahme, dass er - nach Ablauf aller Garantien - nicht ähnliches in Deutschland wagen sollte.

Derzeit wächst der europäische Automarkt wieder, doch das könnte im Jahr 2020 bereits anders aussehen. Und das könnte den Druck auf Opel dann erneut verschärfen. Zumal PSA etwa weitere Motoren- oder Getriebewerke, wie sie Opel in Kaiserslautern oder im österreichischen Aspang unterhält, nicht unbedingt braucht.

Der Druck auf Opel zeigt sich an einfachen Zahlen

Zwar hat Tavares öffentlich erklärt, dass er die Schließung von Werken vermeiden will. Seine Antwort auf die Frage, wie er die Sanierung ohne diese Schritte schaffen will, fiel allerdings bemerkenswert aus: "Die einzige ehrliche Antwort darauf ist: Wenn wir das Leistungsniveau von Opel steigern, sind wir auf der sicheren Seite," erklärte Tavares dazu in Genf.

Um das zu schaffen, will Tavares ein "Rahmenwerk" erarbeiten lassen, anhand dessen Opel seinen eigenen Turnaround-Plan ausarbeiten soll. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Sollte das Opel-Management zur Überzeugung gelangen, dass es ohne Werksschließung nicht geht, müsste Opel-Chef Neumann seiner Belegschaft einen solchen Schritt selbst erklären. Und mit den Protesten der Arbeitnehmerseite selbst fertigwerden.

Dass es dabei durchaus Druck gibt, zeigt ein einfacher Zahlenvergleich: Aktuell produziert PSA in 9 Autofabriken in Europa insgesamt 2,1 Millionen Fahrzeuge. Opel braucht für seine aktuell 1,1 Millionen Fahrzeuge sieben Produktionsstätten.

Zwar meinen fast alle von AN befragten Branchenexperten, dass PSA für Opel die geeignetere Konzernmutter ist als General Motors (GM). Denn PSA verfügt - anders als der Autoriese GM - über zahlreiche leichtere, kleinere Plattformen. Und die Franzosen sind gut im Bau verbrauchsarmer Motoren. Doch leicht wird Opels Weg unter dem PSA-Schirm auch nicht sein.

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