Nürburgring-Rekorde im Elektroauto Was die Nordschleifen-Schlacht über Porsche und Tesla verrät

Porsche Taycan: 7 Minuten und 42 Sekunden auf dem Nürburgring - diese Zeit will Tesla nun schlagen

Porsche Taycan: 7 Minuten und 42 Sekunden auf dem Nürburgring - diese Zeit will Tesla nun schlagen

Foto: Porsche
Fotostrecke

IAA 2019: Die spannendsten Elektroautos auf der IAA

Foto: Silas Stein/ dpa

Schön, dass die Bleifuß-Fraktion auch im Elektroauto-Zeitalter quicklebendig bleibt. Wie sehr, zeigen Geschehnisse am Nürburgring, die auf Twitter und in den Onlineausgaben mehrerer Autozeitschriften die Runde machten.

Am Mittwoch hieß es auf Teslas offiziellem Twitter-Account: "Wir haben einen Supercharger auf dem Nürburgring installiert". Eine Tesla-Schnelladesäule an der berühmtesten deutschen Rennstrecke? Das konnte wohl nur eines bedeuten, schlussfolgerten mehrere Medien: Die Kalifornier planen eine Rekordfahrt in der "Grünen Hölle".

Sie sollten - Überraschung - recht behalten. Am Donnerstagabend twitterte Tesla dann ein Bild des Rennkurses. Die Daten des Streckentests würden andeuten, dass Zeiten von 7:20 Minuten, möglicherweise sogar 7:05 Minuten möglich wären, hieß es dann.

Das Ziel der Kalifornier ist klar wie eine schwarz-weiße Streckenflagge: Tesla will jene Rundenzeit schlagen, die Porsche mit seinem Elektrosportwagen Taycan vor kurzem vorgelegt hat. 7 Minuten und 42 Sekunden hat ein Taycan-Testfahrer im Juni 2019 für den 20,6 Kilometer langen Rundkurs benötigt.

Fotostrecke

Elektro-Sportwagen: Das ist der Porsche Taycan

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Das sei der Rekord für "viertürige vollelektrische Sportwagen", tönten die Zuffenhausener damals in einer Pressemitteilung wenige Wochen vor der offiziellen Vorstellung der Taycan-Serienversion. Damit hatten sie durchaus recht, auch wenn sie ein entscheidendes Detail verschwiegen. Denn der Porsche Taycan war nicht nur der schnellste, sondern auch der erste viertürige E-Sportwagen, der zu diesem "Rekord" antrat.

Womit Tesla sein Nürburgring-Modell aufmotzte

Die Fahrt von Porsches erstem in Serie gebauten Elektro-Sportwagen ist dabei noch nicht mal rasend schnell im Vergleich zu anderen Fahrzeugen. Porsches hochgezüchtete Verbrennermodelle 911 GT2 und Carrera GTS haben die Nordschleife schon in 20 Sekunden weniger umrundet.

Der 911 GT3 RS und der Hybrid-Sportwagen 918 Spyder nahmen dem Taycan bei ihren Rundenfahrten fast eine Minute ab. Der in Kleinstserie gebaute Elektro-Supersportler Nio EP9 schaffte eine Nürburgring-Rundenzeit von 6:47 Minuten, war also um fast eine Minute schneller. Und Volkswagens Elektro-Rennwagen, der ID R, legte sogar eine Zeit von 6:05 Minuten auf den Eifel-Asphalt.

Porsche ging es damals aber vermutlich gar nicht darum, die Rundenzeiten der anderen zu pulverisieren. Schließlich schickten die Schwaben auch keinen extra für diesen Zweck modifizierten Taycan auf den Asphalt, sondern laut Eigenangaben ein Vorserienmodell.

Die schnellen Runden am Nürburgring sollten aber auch einem Claim mehr Glaubwürdigkeit verleihen: Die Porsche-Ingenieure versichern nämlich, dass der Taycan mehrmals hintereinander ohne Leistungseinbuße oder Batterieschädigung beschleunigen kann. Das, so ließen sie auch bei der Taycan-Weltpremiere am 4. September durchblicken, könne Teslas Model S schlicht nicht.

Nach Berichten von Fachzeitschriften und Bildern auf Social Media-Kanälen ist Tesla aber auf den Nürburgring nicht mit einem herkömmlichen Serienmodell angetreten. Die Reifen waren extra für den Rennsport-Einsatz ausgelegt. Das Model S sei wohl auch gewichtsoptimiert und getunt, vermuteten Fachmedien im Vorfeld.

Tatsächlich verriet Tesla selbst in seinem Tweet, dass die Rekordfahrt mit einem "Model S Plaid" durchgeführt wurde - die Bezeichnung verwendete der Autobauer erst vor kurzem für einen neuen Antriebsstrang, der mit drei Elektromotoren statt bisher zwei aufwarten soll. Zum Serieneinsatz kommen soll der "Plaid"-Antrieb beim der nächsten Generation des Roadster, Model S und X.

Öko war definitiv nicht Teil der Inszenierung

Fotostrecke

Aderlass in Führungsriege: Elon Musk verliert seinen wichtigsten Mitstreiter

Foto: REUTERS

Ganz pannenfrei dürfte Teslas Versuch am Nürburgring nicht abgelaufen sein. Der Blog InsideEVs berichtet, dass eines der drei in die Eifel gekarrten Model S auf der Rennstrecke abgeschleppt werden musste. Ein Video zeigt das klar. Eine offiziell gemessene Zeit gab Tesla zudem auch nicht bekannt. Stattdessen kam via Twitter nur die Ankündigung, dass man sich im kommenden Monat nochmal auf den Ring wagen werde - und eine Zeit von 7:05 Minuten für möglich halte.

Und auch ein wenig weltverbessendes Detail hielten die Berichte parat: Um die Akkus an einem Supercharger zu laden, warf Tesla zur Stromerzeugung ein eigens herbeigeschafftes Diesel-Aggregat an. Zur üblichen Öko-Mission der Kalifornier passt ein stinkender Verbrenner-Generator wohl nicht so ganz.

Aber Öko war in diesem Fall wohl auch nicht Zweck der Übung: Das Rasen über die Nordschleife sollte dem Rest der Welt beweisen, dass Tesla es locker mit Porsches neuem Sportwagen aufnehmen kann. Ein klassisches Brusttrommeln also, das wohl auch im Elektroauto-Zeitalter nicht aussterben dürfte.

Weshalb bei Tesla die Nerven blank liegen

Die Nürburgring-Episode zeigt dabei aber auch eines: Die Kalifornier dürften über den Marktstart des Taycan nervöser sein, als sie bislang zugeben wollen. Über 30.000 Vorreservierungen hat Porsche für seinen E-Boliden bereits eingesammelt. Und in vielen Bereichen zielt der Taycan klar auf Teslas Model S, das 2011 startete und jetzt schon langsam in die Jahre kommt.

Fotostrecke

Die beliebtesten E-Autos in Deutschland: Diese Elektroautos wurden 2018 am häufigsten zugelassen

Foto: Volkswagen

Der Preis der Taycan-Basisversion, die ab 2021 verfügbar sein soll, liegt ziemlich genau auf dem Niveau eines Tesla Model S mit größerer 100 KWh-Batterie. Dank neuerer Technik kann der Taycan schneller Strom zapfen als Teslas Limousine. Und auch im Innenraum will Porsche Tesla mit großen Touchbildschirmen und besserer Connectivity schlagen.

Die Kalifornier bekommen also - nach acht Jahren Einzelfahrt - erstmals einen ernstzunehmenden Gegenspieler. Und deshalb scheuen sie aktuell offenbar nur wenig Mühen, um Porsche auf mehreren Ebenen anzugreifen. So hat sich Tesla etwa die Website Taycant.com gesichert, die sich auch böse als "Taykann's nicht" übersetzten lässt. Der Link leitet direkt auf die Tesla-Website um.

Die Runden auf der Nordschleife - auch ohne offizielle Zeitmessung - greifen Porsche präventiv an einem für die Zuffenhausener zentralen Punkt an: Der Schnelligkeit, die sich besonders plastisch mit Rundenzeiten an Deutschlands bekanntester Rennstrecke darstellen lässt. Denn auch in den USA lässt sich ein Auto mit dem Zusatz "tested on the Nürburgring" besser vermarkten. Das zeigte etwa Cadillac mit seiner Riesen-Limousine CT6, die ausgiebig auf dem Eifel-Kurs getestet wurde.

Die Schlacht um die Deutungshoheit beim Elektroauto-Fahrspaß, die beginnt wohl gerade erst.