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Power-to-Liquids: So entsteht der wundersame Ölersatz

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Neuer Treibstoff soll Verbrennungsmotor retten Norweger bauen gigantische Fabrik für Wunder-Diesel

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Audi-Motoren: Diese Technologien sollen die Zukunft des Verbrenners sichern

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Für die Zukunft von Diesel- und Benzinmotoren sieht es derzeit eigentlich nicht gut aus. Angesichts von Abgasskandal, Klimawandel und fortschreitendem Trend zum Elektroauto wetten manche Fachleute bereits auf den Abgesang der traditionsreichen Verbrennungsmotoren. Zuletzt verkündete Volvo den langfristigen Ausstieg aus der Technik.

Doch ausgerechnet im Elektroauto-Dorado Norwegen schicken sich jetzt Investoren an, den Trend zu brechen. Das Unternehmen Nordic Blue Crude plant zehn gigantische Fabriken, die eine Art sauberen Wunder-Diesel für Hunderttausende Autos aus Kohlendioxid, Wasserstoff und elektrischem Strom aus Wasserkraft produzieren soll.

"Wir haben schon mit der Konstruktionsplanung begonnen", erklärte Nordic-Blue-Chef Gunnar Holen gegenüber manager-magazin.de. Zunächst will das Unternehmen 70 bis 80 Millionen Euro in eine Fertigungsstätte im südnorwegischen Porsgrunn stecken. Zentraler Partner ist die sächsische Firma Sunfire, die eine kleine derartige Produktion bereits in Dresden betreibt.

Die Technik ist potenziell geeignet, die Autoindustrie von mehreren ihrer drängendsten Probleme gleichzeitig zu befreien. Der Treibstoff kann nahezu klimaneutral hergestellt werden und bei seiner Verbrennung entstehen weniger Abgase. Er ist zudem unbegrenzt verfügbar.

Eine Fertigung im großen Stil ist geeignet, die bisher hohen Produktionskosten drastisch zu senken. Aus diesem Grund setzen Unternehmen wie Audi , die Lufthansa , aber auch der Mineralölkonzern Total  auf die Entwicklung derartiger Kraftstoffe.

Die Technik ist prinzipiell nicht völlig neu, doch die einzelnen Verfahrensschritte wurden in den vergangenen Jahren verbessert:

  • Per Elektrolyse wird Wasser zunächst in Sauerstoff und Wasserstoff getrennt. Dabei setzt Sunfire auf ein Verfahren mit heißem Wasserdampf, der im Prozess zurückgewonnen wird. Das verbessert die Energiebilanz.

Wie der Wundersprit wirtschaftlich werden soll

  • Die Konvertierung reduziert mithilfe des erzeugten Wasserstoffs zugeführtes Kohlendioxid (CO2) zu Kohlenmonoxid. Der Clou: Das CO2 kommt nicht wie üblich aus Brennstoffen wie Kohle oder Holz - sondern aus der Luft. Dazu baut Sunfire eine Art überdimensionalen Staubsauger der Schweizer Firma Climeworks ein.

  • Das Kohlenmonoxid plus wiederum Wasserstoff werden per Fischer-Tropsch-Synthese in einem Reaktor verflüssigt. Dies ist ein altes Verfahren, zu dem spätere Sunfire-Mitarbeiter bereits in der DDR forschten. Ursprünglich ermöglichten Franz Fischer und Hans Tropsch in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Synthese die Verflüssigung von Kohle.

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Power-to-Liquids: So entsteht der wundersame Ölersatz

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In der Anlage in Südnorwegen (energetischer Wirkungsgrad: 60 Prozent) sollen ab 2020 pro Jahr zunächst zehn Millionen Liter synthetischer Diesel aus Kohlendioxid, Wasserstoff und Elektrizität entstehen. Die Menge reicht aus, um etwa 13.000 Autos mit Sprit zu versorgen. Später soll die Kapazität der Fabrik verzehnfacht werden, sagt Holen. "Als nächsten Schritt planen wir zehn derartige Fabriken in Norwegen." Eine Milliarde Liter soll dann die Produktionsstätten im Jahr verlassen.

"Läuft die erste Anlage in Norwegen reibungslos, können die nächsten Anlagen größer und günstiger gebaut werden, so dass sich die Kapitalkosten pro Liter halbieren", sagt Sunfire-Chef Nils Aldag gegenüber manager-magazin.de. Sunfire liefert den Elektrolyseur für die Anlage und will Teile seines bisherigen Wunderdiesel-Know-hows dauerhaft an die Norweger verkaufen.

Bei Flugbenzin ist die Umstellung besonders schwer

Tatsächlich sind die Kosten bisher einer der wesentlichen Knackpunkte bei dem Konzept. Die norwegischen Investoren wollen den Preis für das Rohprodukt aus der neuen Anlage zunächst "auf unter zwei Euro pro Liter drücken".

Dabei handelt es sich um einen Mischpreis für verschiedene Ölersatz-Produkte aus der Fabrik. Für Wachse würden Kunden möglicherweise mehr zahlen, den Diesel könnte sie daher möglicherweise günstiger anbieten.

Ein Vergleich zeigt aber, wie weit der Weg zur unsubventionierten Wirtschaftlichkeit ist: Ohne Steuern und Abgaben kostet ein Liter herkömmlicher Diesel etwa 45 Cent. Ein Liter Biosprit aus Pflanzen kommt auf 75 Cent. Mittelfristig wollen die Investoren ihren Wunderdiesel als Biokraftstoff-Ersatz normalem Auto- oder Flugkraftstoff beimischen. Die vollen gesetzlichen Voraussetzungen dafür stehen allerdings noch aus.

Beim Flugbenzin, das traditionell von Steuern und Abgaben befreit ist, sehen Fachleute besonders geringe Chancen für einen Durchbruch. "Wenn sich der Preis für Flugbenzin weiter in dem langjährig beobachteten Bereich bewegt, wird ein deutlicher Unterschied zu sythetischem Kraftstoff bestehen bleiben, der mit erneuerbaren Energien erzeugt wird", urteilt etwa das Umweltbundesamt.

Warum Audi auf das Konzept abfährt

Die Lufthansa engagiert sich dennoch für das Thema. Denn die Luftfahrtbranche hat sich Klimaschutzziele gesetzt. Ein internationaler Handel mit Emissionsrechten ist geplant.

Manche Vertreter der Autoindustrie rechnen damit, dass das Konzept früher oder später den Durchbruch schafft. Darauf stellt sich beispielsweise Fahrzeughersteller Audi ein.

"Wenn synthetische Kraftstoffe kommen, können wir die Plugin-Hybride abschalten", sagte der Chef der Antriebsentwicklung, Nikolai Ardey, gegenüber manager-magazin.de. Seine Vision: In einigen Jahrzehnten dominieren reine batterieelektrische Autos, aber auch Verbrenner den Markt, die mit Kraftstoffen wie von Nordic Blue Crude versorgt werden. Zwitter wie die Plugin-Hybride würden dann nicht mehr gebraucht.

Abgase müssen trotzdem gereinigt werden

Auf bessere Abgasreinigungssysteme werden Autohersteller allerdings dank des Wunderdiesels nicht verzichten können - er erzeugt bei der Verbrennung nach Auskunft von Fachleuten nur etwa 10 bis 20 Prozent weniger Stickoxid und Feinstaub als klassischer Diesel.

Teile der Ölindustrie setzten ebenfalls auf synthetische Kraftstoffe. "Synthetische Kraftstoffe haben das Potenzial, den Kraftstoffmarkt komplett zu bedienen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, Christian Küchen. Dabei hat er den Zeitraum ab 2030 bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts im Blick.

Dann soll die Weltwirtschaft fast komplett ohne den Ausstoß von Treibhausgasen funktionieren. Das haben die G7-Staatschefs sowie die Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens vereinbart.

"Unsere Motivation ist es, ein profitables Geschäft aufzubauen und Treibhausgase zu reduzieren", sagt Nordic-Blue-Crude-Chef Holen. Der Bau der ersten Fabrik sei zu knapp 100 Prozent sicher. "Es ist schwer vorstellbar, was uns stoppen soll."

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