Chinesischer Autohersteller Nio knickt zum Deutschlandstart vor Audi ein

Am Freitagabend stellte Nio-Chef William Li die Europapläne seiner chinesischen E-Auto-Marke vor. Für die Überraschung des Abends sorgte er mit dem Namen seines SUV-Modells.
"Flexibilität ist das neue Premium": William Li will mit Nio in Deutschland und Europa durchstarten

"Flexibilität ist das neue Premium": William Li will mit Nio in Deutschland und Europa durchstarten

Foto: STR / AFP

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Tesla sei nicht seine Inspiration, erzählt William Li (48) gerne. Als er am Freitagabend in Berlin zur Deutschlandpremiere seines Automobilherstellers Nio lud, versprühte der Chinese aber genau: Tesla-Feeling. Laute Jubelrufe und schallender Applaus aus dem Publikum kennt man in der Autoszene sonst nur bei Auftritten von Elon Musk (51).

Am Berliner Kudamm, direkt neben der Gedächtniskirche, eröffnet die gehypte Marke dieser Tage ihr erstes deutsches "Nio House". Weitere sollen bald in Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt folgen, auch in den Niederlanden, Dänemark und Schweden startet die Marke parallel. Erster Nio-Markt in Europa ist seit rund einem halben Jahr das hiesige E-Auto-Mekka Norwegen.

Zum Start bringt Li drei Modelle aus China mit nach Europa. Die Limousinen ET7 (ab 16. Oktober) und ET5 (ab März 2023) sowie das SUV EL7 (ab Januar 2023). EL7? Ja, richtig gelesen. In China verkauft die Marke jenes Auto seit diesem Sommer unter dem Namen ES7 – und hat sich damit Ärger von Audi eingefangen. Die Ingolstädter hatten den neuen Konkurrenten wegen der Modellnamen ES6 und ES8 verklagt. Die Namen könnten mit dem S6 und dem S8 verwechselt werden, die Markenrechte dafür lägen bei Audi, Nio verletze geistiges Eigentum, so die Argumentation. Auch gegen den ES7 wollte Audi vorgehen.

Im letzten Moment lenkte Nio vor dem Marktstart hierzulande nun ein. Dem "Spiegel" sagte Co-Gründer Lihong Qin: "Wir wollen auf den Ausgang eines langwierigen Rechtsstreits mit unsicherem Ausgang nicht warten und haben deswegen unsere Modelle umbenannt." Zwar habe man die Rechte für die ES-Serie in Europa bereits 2016 beantragt. Allerdings habe man dabei nicht bedacht, dass ES ausgesprochen im Deutschen genauso klinge wie S. Wie die Richter letztlich urteilen, warte man ab, das Risiko einer nachträglichen Blamage war den Nio-Verantwortlichen aber offenbar doch zu groß.

Schließlich soll der Hype nicht noch weiter abebben. Anfang 2021 mit nahezu 100 Milliarden Dollar bewertet, sind heute nicht einmal mehr 25 Milliarden Dollar übrig. E-Auto-Newcomer hatten es zuletzt an der Börse generell schwer, Nio will Investoren unter anderem mit Batteriewechselstationen davon überzeugen, das nächste große Ding zu sein. Kunden können die Autos der Marke nicht nur an Ladesäulen aufladen, sondern dem Hersteller zufolge auch binnen fünf Minuten austauschen lassen. Die erste Station hierzulande ging laut Deutschlandchef Ralph Kranz an der A8 in Zusmarshausen bereits letzte Woche in Betrieb.

Noch in diesem Jahr will Nio in Europa mehr als 20 weitere "Powerswap Stations" installieren, 2023 sollen es über 120 werden. Die Chinesen bauen darauf, mit der Möglichkeit zu einem schnellen Batteriewechsel eine Hürde für die Elektromobilität – die langen Ladezeiten im Vergleich zum Tanken – abbauen zu können. Um die hohen Kosten für den Aufbau der Wechselstationen zu schultern, jede einzelne kostet den Hersteller wohl nahezu eine halbe Million Euro, zeigt sich Nio offen für Partnerschaften.

Abos zu stolzem Preis

Auf keine Partner setzt die Marke dagegen im Vertrieb. Der soll vor allem online stattfinden. Dabei setzen die Chinesen auf ein Abomodell namens "Nio Subscription". Damit sind die Autos monatlich kündbar, Services wie Wartung, Versicherung und Service sind in monatlichen Raten inkludiert, auch eine Wallbox für zuhause liefert und installiert Nio. "Flexibilität ist das neue Premium", floskelt Kranz am Freitagabend auf der Bühne. Premium, ja schon eher Luxus ist aber auch der Preis: knapp 1550 Euro im Monat ruft Nio für das flexible Abo beim ET7 auf. Je länger ein Abonnent das Auto behalte, desto niedriger werde allerdings die Rate, lockt der Hersteller. Preislich bewegt sich Nio mit dem ET7 damit in ähnlichen Sphären wie etwa Mercedes mit dem EQE, der im Abo 1599 Euro pro Monat kostet.

Wer zwar ein Allinclusive-Paket haben will, dabei allerdings auf die Möglichkeit der monatlichen Kündigung verzichtet, bekommt von vornherein niedrigere Monatsraten. Für einen Vertrag über drei Jahre für den ET7 mit einer 75 kWh-Batterie verlangt Nio beispielsweise 1191 Euro. Ob Nio damit wie proklamiert vor allem die Wünsche der eigenen Community erfüllt, scheint zweifelhaft. Nach der Ankündigung des Herstellers, vorerst nur Abos anzubieten, beklagten zahlreiche Interessenten , dass für sie nur ein Kauf infrage käme. Am Sonntag reagierte Nio-Chef Li auf die Kritik mit einem Posting  in der europäischen App des Herstellers. Darin zeigte sich der 48-Jährige zwar weiter vom Abo-Modell überzeugt, räumte aber ein, dass man den Wunsch vieler, die Autos kaufen zu können, unterschätzt habe. "Wir sind offen für die Kaufoption und werden sie vorbereiten", schrieb Li.

Neben klassischen Autohäusern verzichtet Nio auch auf ein Werkstattnetz. In Metropolregionen eröffnen die Chinesen große Service-Center. Daneben setzt Nio eine mobile Reparaturflotte ein. "Wenn unsere Kunden nicht zu uns kommen können, kommen wir zu ihnen", sagt Ralph Kranz. Selbst wenn William Li den Vergleich scheut, auch jene Strategie klingt vor allem nach: Tesla. Elon Musk und Co. waren in Deutschland ebenfalls mit wenigen Showrooms in City-Lage, einigen Service-Centern und mobilem Reparaturservice gestartet.

Inzwischen ist Tesla allerdings vielerorts aus den teuren Innenstadtlagen verschwunden, stattdessen eröffnet der E-Auto-Platzhirsch mehr und mehr Vollfunktionsautohäuser mit Verkaufsraum und Werkstatt in einem. Durch eine bessere Abdeckung in der Breite soll vor allem die Servicequalität steigen. Vielleicht ziehen Li und Nio in einigen Jahren ja auch dabei nach. Verkaufsziele für Deutschland und Europa verrät der Chef nicht. Eine ähnliche Entwicklung wie Tesla würde Li in dem Fall aber wohl ausnahmsweise nicht ablehnen.

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