Rohstoff für Akkus Das Nickelproblem der Elektroautobranche

Unternehmen wie Tesla und Volkswagen ringen um Nickel, das Hauptmaterial für die Akkus ihrer Elektroautos. Der Rohstoffmarkt erlebt einen Hype, mit großen Umweltproblemen.
Begehrtes Metall: Nickelerz in einem Werk des Vale-Konzerns in Indonesien

Begehrtes Metall: Nickelerz in einem Werk des Vale-Konzerns in Indonesien

Foto: Yusuf Ahmad / REUTERS

Tesla ist erstmal versorgt. Ein Ende März im französischen Pazifikgebiet Neukaledonien geschlossener Deal gibt der US-Autofirma Anspruch auf Nickel und Kobalt aus der dortigen Goro-Mine. Tesla firmiert als technischer und Industrieparter der neuen Eigentümer, die das Werk vom brasilianischen Konzern Vale übernehmen. Die Provinzregierungen und Mitarbeiter halten die Aktienmehrheit, auch der Schweizer Rohstoffkonzern Trafigura ist beteiligt.

Es ist ein politischer Deal, auch in Straßenschlachten von Unabhängigkeitsbefürwortern erkämpft, die im Nickel ein Symbol der westlichen Ausbeutung ihres Landes sehen. Ein Viertel der weltweiten Reserven lagern auf der Hauptinsel Grande Terre, die zwischen französischen Siedlern und lokalen Völkern wie den Kanaken geteilt ist. Wohl im November stimmt das Volk zum dritten Mal in vier Jahren über eine Loslösung von Frankreich ab, dann wird es wieder ums Nickelgeschäft gehen.

Für Tesla, das wird Konzernchef Elon Musk (49) nicht müde zu betonen, ist Nickel "unsere größte Sorge" beim Hochfahren der Batterieproduktion. Das von sächsischen Bergleuten im Mittelalter als verhext empfundene und ebenso wie Kobalt nach einem Berggeist benannte Metall ist der Hauptbestandteil der gängigen Lithium-Ionen-Zellen – und diese sind trotz starker Fortschritte in der Batterietechnik der Hauptgrund, warum Elektroautos ohne Subventionen deutlich teurer sind als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Eine Tonne Nickel kostet aktuell rund 15.000 Euro, etwa 50 Prozent mehr als vor einem Jahr. Schon damals flehte Musk in einer Telefonkonferenz zu Teslas Geschäftszahlen "alle Bergbauunternehmen da draußen" an: "Wo auch immer auf der Welt Sie sind, bitte fördern Sie mehr Nickel."

Sparversion für Akkus von Tesla und Volkswagen

Vorerst behilft sich Tesla mit einer anderen Batterietechnik: Lithium-Eisenphosphatzellen, die ohne Nickel oder Kobalt auskommen, werden nach dem Model 3 aus chinesischer Produktion künftig auch in weiteren Standardmodellen eingesetzt. Akkus dieser Art haben eine geringere Energiedichte, sind kälteempfindlicher und schwerer, was auch Reichweite kostet. Dafür lässt sich der Verkaufspreis senken und das teure Nickel für die Spitzenmodelle reservieren.

Diesen Kompromiss erwägt auch Volkswagen, zumindest beim geplanten Einstiegsmodell ID.1. In den aktuellen Modellen wird der Nickelanteil in der Kathode der Akkus aber sogar von 65 auf 80 Prozent erhöht und entsprechend weniger Mangan und Kobalt verwendet. Vor allem Kobalt, das hauptsächlich in der Demokratischen Republik Kongo und oft im wilden Bergbau – zum Teil von Kindern – geschürft wird, treibt die Einkaufsmanager noch stärker um als Nickel. Das Mitte Juni vom Bundestag beschlossene Lieferkettengesetz verpflichtet die Unternehmen, genau hinzusehen.

Aber schon aus Eigeninteresse, um genug Material für die sechs in Europa geplanten Akku-Gigafabriken zu sichern, kümmert sich Volkswagen jetzt intensiver um Rohstoffe wie Nickel. "Wir wollen direkt in diese Prozesskette einsteigen, uns entweder selbst oder mit unseren Partnern direkt an Rohstoffen beteiligen und Rohstoffe absichern", erklärt Technikvorstand Thomas Schmall (57) gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Nickel gibt es reichlich

Zugleich zeigen sich Branchenexperten irritiert: "Diese Rallye hat nichts mit Fundamentaldaten zu tun", kommentierte Rohstoffanalyst Andrew Mitchell von Wood McKenzie gegenüber der "Financial Times" . "Das ist ein Elektroauto-Hype."

Ein Mangel an Nickel ist laut einer aktuellen Analyse der Deutschen Rohstoffagentur  auf Jahre hinaus nicht zu erwarten, vielmehr bestehe mindestens noch bis 2025 ein deutlicher Überschuss. Das Metall wird zu drei Vierteln als Legierung für den Rostschutz in der nicht gerade boomenden Edelstahlproduktion verwendet, die Batterieproduktion spielt mit 5 Prozent noch eine Nebenrolle als Abnehmer. Aktuell zählt die Londoner Metallbörse Lagerbestände von fast 240.000 Tonnen. Zudem sollen in diesem und dem nächsten Jahr mehrere neue Produktionsstätten vor allem im Hauptlieferland Indonesien in Betrieb gehen.

In Finnland hat BASF eine spezielle Produktionsanlage für Batteriechemie an einem Werk des russischen Branchenführers Norilsk Nickel eröffnet. Ebenfalls in Finnland steht das größte Nickelbergwerk der EU Terrafame vor einem Neustart mit demselben Ziel. Terrafame gehört mehrheitlich dem finnischen Staat. Nach riesigen Umweltschäden und einer Pleite des Vorbetreibers 2014 wollte die Regierung die Mine eigentlich schließen, überlegte es sich wegen der Perspektive auf Elektromobilität aber anders.

Sauberes Nickel fehlt

Für ihre saubere Bilanz brauchen Elektroautohersteller vor allem "sauberen Nickel" – und der ist tatsächlich rar, wie McKinsey analysiert . Je nach Reinheit des Erzes und Produktionsmethode werden mehr oder weniger große Mengen an Schwefeldioxid, Schwefelsäure mit Nebenprodukten wie Arsen, Fluor oder Chlorid und auch CO2 ausgestoßen.

In Russland musste Norilsk Nickel bereits zwei große Nickelhütten wegen der giftigen Schwefeldioxidemissionen schließen. Im März kassierte der Staat eine Strafe von 146 Milliarden Rubel (1,7 Milliarden Euro) für eine Umweltkatastrophe im Mai 2020, als ein Dieseltank kollabierte und weite Landstriche in der sibirischen Arktis verseuchte – da half auch der Status von Hauptaktionär Vladimir Potanin (60) auf der Liste der Pro-Putin-Oligarchen nicht. Mehrere Milliarden investiert der Konzern von selbst ins Ergrünen, auch in Hoffnung auf Boom-Geschäft mit der Elektromobilität. In dieser Woche startete in Norilsk die Produktion von "CO2-neutralem Nickel" mithilfe von Wasserkraft.

Dennoch werden rote Flüsse und giftige Schlackehalden weiter zum Bild der Zukunftstechnik gehören. Auch in der zum Tesla-Lieferanten beförderten Goro-Mine in Neukaledonien: Dort gibt es seit Jahren ein "Projet Lucy", um Abwässer und Rückstände besser zu managen. Das wurde jedoch immer wieder aufgeschoben, weil es eine halbe Milliarde Euro kostet. Der bisherige Eigentümer Vale schrieb mit Goro jedoch seit Jahren nur Verluste. Und so geht es vielen Nickelprojekten. So gesehen ist das Metall vielleicht für den Erfolg der Elektromobilität zu teuer und zu billig zugleich.

In einigen Jahren könnte eine neue Batterietechnik marktreif werden: die Festkörperzelle. Ob dann noch Nickel in gleicher Menge für die Akkus von Elektroautos benötigt wird, ist eine offene Frage.

ak/Reuters
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