Deutscher Elektroauto-Hersteller Next e.Go will vom Pleite-Autobauer zum Börsenliebling werden

Der deutsche Elektroauto-Hersteller Next e.Go will nach seiner Insolvenz im Jahr 2020 wieder durchstarten und plant einen Spac-Börsengang an der New Yorker Börse. Doch wird sich das Unternehmen behaupten können?
Das Modell "e.Go Life" verlässt seit 2019 das Produktionswerk in Aachen.

Das Modell "e.Go Life" verlässt seit 2019 das Produktionswerk in Aachen.

Foto: Rupert Oberhäuser / IMAGO

Große Ziele eines jungen deutschen Autobauers: Der Aachener Elektroauto-Hersteller Next e.Go will an die New Yorker Börse - und das mithilfe eines SPACs, der Hersteller will also in eine leere Unternehmenshülle schlüpfen. Ziel ist der bereits an der Börse gelistete Firmenmantel von Athena Consumer Acquisition Corp: einer von drei SPACs der Fintech-Unternehmerin Isabelle Freidheim.

Der geplante Börsengang soll mit 913 Millionen Dollar taxiert werden. Eine erstaunliche Bewertung, bedenkt man die Geschichte des Aachener Unternehmens. Erst 2020 stand der Hersteller kurz vor dem Aus: das 2015 gegründete Vorgängerunternehmen e.Go Mobile ging in die Insolvenz. Es mangelte an Investoren.

Im April 2020 teilte e.Go Mobile daher mit, sie habe eigenständig einen Insolvenzantrag beantragt. Neben fehlenden Geldgebern waren Lieferanten-Probleme, verfehlte Produktionsziele und ein gescheitertes Gemeinschaftsunternehmen mit einer chinesischen Firma der Grund für die Pleite. Im Frühjahr 2020 kam dann auch noch die Pandemie hinzu. Tatsächlich aber hatte der Aachener Elektroauto-Hersteller schon 2019 und damit vor der Corona-Krise seine selbst gesteckten Ziele nicht erreicht.

SPAC-Börsengang, aber anders

Der ehemalige Firmenchef Günther Schuh (63) hatte den von ihm entwickelten elektrischen Kleinwagen e.Go Life einst als patentes Stadtvehikel mit großer Zukunft angepriesen. Im Hauptberuf Professor für Maschinenbau an der RWTH Aachen, galt Schuh in der deutschen Autoszene als Elektroauto-Pionier. Die Insolvenz war aber der Anfang vom Ende des Gründers bei e.Go.

Im Herbst 2020 übernahm Ali Vezvaei mit seinem niederländischen Private-Equity-Unternehmen "nd Group" die Mehrheit am Elektroautohersteller. Weiter ging es für die Aachener mit einem neuen Namen: Next e.Go. Im Juni 2021 musste Schuh dann seine Ämter bei dem Unternehmen abgeben. Seit Ende 2021 leitet der ehemalige Daimler-Manager Martin Klein (56) die operativen Geschäfte.

Die Produktionsbänder in Aachen ratterten nach einer kurzen Pause bereits im Sommer 2021 wieder. Der neue Eigentümer führte den Bau des e.Go Life mit einer Sonderedition namens "e.Go Life Next" fort. Und auch neue Investoren konnte Next e.Go gewinnen. 2021 pumpten Geldgeber jeweils 30 und 49 Millionen Euro in den Hersteller. Nun sollen weitere 285 Millionen Dollar zufließen, wie Athena mitteilte.

Anders als bei den meisten SPACs sollen dabei aber keine neuen Investoren beteiligt werden. In den USA und Deutschland waren viele SPAC-Börsengänge genau daran gescheitert, diese zu finden. Athena will stattdessen neben dem Geld der eigenen Anleger 50 Millionen Dollar Kredite für Next e.Go stellen und die Eigentümer von Next e.Go als Investoren beteiligen.

Produktion bei 1000 Kleinwagen im Jahr

Mit dem Börsengang und dem frischen Kapital sollen die Modelle des Herstellers dann auch häufiger in Deutschland zu sehen sein. Nach der Wiederaufnahme der Produktion im Sommer 2021 hat das Unternehmen nur rund 1000 Einheiten des Life gebaut, im vierten Quartal 2021 waren es etwas mehr als 200. Die theoretische Kapazität des Hersteller liege laut Athena hingegen bei rund 30.000 Fahrzeugen pro Jahr. Neben der Fabrik in Aachen soll noch in diesem Jahr eine weitere Fabrik im bulgarischen Lowetsch entstehen. Zu den Investitionen von 140 Millionen Euro soll die Regierung 34 Millionen beisteuern, wie das "Handelsblatt" berichtet.

Zum Vergleich: Von Volkswagens Stadtflitzer E-Up wurden allein im Juni 2022 mehr als 1700 Fahrzeuge bei den Behörden neu zugelassen. Im September 2020 hatte VW wegen der extrem hohen Nachfrage sogar einen Bestellstopp des Wagens verhängt. Im vergangenen Jahr war der E-Up mit knapp 31.000 Zulassungen hinter dem Tesla Model 3 das beliebteste E-Fahrzeug auf dem deutschen Markt. Inzwischen wird es wieder produziert.

Für Next e.Go dürfte der Rückstand schwer aufzuholen sein. Die ersten ausgelieferten Fahrzeuge der Neuauflage des Modells Life hatten Probleme mit den Bremsen. Die Folge waren erhöhter Stromverbrauch und damit geringere Reichweiten. Der Verbrauch übertraf sogar den elektrischer SUVs. Das Problem will der Hersteller mittlerweile in den Griff bekommen haben. Aber auch in anderen Punkten kann Next e.Go bislang nicht mit der Konkurrenz mithalten. Mit 120 Kilometern bei guten Bedingungen hat der Life eine geringere Reichweite als die meisten Wettbewerbsmodelle. Zudem ist das Auto ein Langsam-Lader. Maximal kann der Life lediglich 3,7 kW beziehen. Trotz seiner kleinen 21 kWh-Batterie dauert ein Ladevorgang von 0 auf 100 Prozent so mindestens sechs Stunden.

Noch in diesem Jahr möchte der Hersteller nun ein verbessertes Modell ausliefern. Der "e.Wave X" soll unter anderem mit SUV-Optik überzeugen, letztlich ist er aber ein Life mit ein wenig Offroad-Beplankung an der Front und unter dem Heck. Technisch verspricht Next e.Go dagegen echte Fortschritte. Auf dem Papier soll das Auto 240 Kilometer mit einer Batterieladung im Stadtverkehr packen, die maximale Leistung steigt von 57 auf 80 kW und Laden soll immerhin mit bis zu 11 kW möglich sein. Noch fehlt dem Fahrzeug allerdings die Homologation. Der Grundpreis des e.Wave X liegt mit 24.990 Euro 2000 Euro über dem des e.Go Life.

In der Hoffnung auf den Durchbruch soll Next e.Go zudem ein bekanntes Gesicht helfen. Als Markenbotschafter ist seit einigen Monaten der brasilianische Fußballer Neymar (30) von Paris St. Germain an Bord. Im Mai posierte der Profisportler bei der Premiere in Berlin live mit dem e.Wave X. Auch seinen Millionen Social-Media-Followern stellte Neymar den Kleinstwagen vor. Den Fußballstar scheint Next e.Go bis dahin gut im Griff zu haben: Posierte der Stürmer in der Vergangenheit bei Instagram schon einmal gerne mit Ferraris, sind solche Extravaganzen auf seinem Profil seit dem Deal mit dem Aachener E-Auto-Hersteller nicht mehr aufgetaucht. Ob der für Minimalismus bislang nicht bekannte Brasilianer auch tatsächlich als Verkaufsmagnet taugt, muss sich aber erst zeigen.

mje/ Reuters
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