Samstag, 19. Oktober 2019

Mitarbeiterbrief zum Amtsantritt Welchen Kurs der neue BMW-Chef Zipse einschlägt

Der neue BMW-Chef Oliver Zipse warnt vor Selbstgefälligkeit: "BMW hat sich ein Stück weit an den Erfolg gewöhnt"
Eric Krügl / BMW
Der neue BMW-Chef Oliver Zipse warnt vor Selbstgefälligkeit: "BMW hat sich ein Stück weit an den Erfolg gewöhnt"

Von BMW-Aufsichtsratschef Norbert Reithofer wurde der neue BMW-Chef Oliver Zipse schon vorab als "führungsstarker Stratege" gepriesen, der neue Impulse bei der Mobilität von morgen setzen soll. An diesem Freitag trat der 55-jährige Ingenieur, der bislang als Produktionschef für weltweit 31 Werke verantwortlich war, sein neues Amt als BMW-Chef an.

Er werde nicht alles über den Haufen werfen, was sein Vorgänger Harald Krüger eingeleitet habe, hieß es vorab. Allerdings haben sich BMWs Margen im vergangenen Halbjahr halbiert. Weitermachen wie bisher geht also nur bedingt. In einem Brief an die Mitarbeiter, der manager-magazin.de vorliegt, schlägt Zipse deshalb einige Pflöcke ein. Der Tenor seines Briefes: In der schwierigen aktuellen Situation müsse und werde BMW Börsen-Chart zeigen seine wahre Stärke zeigen. Dafür müsse man an einigen Stellen aber manches hinterfragen, globaler agieren - und schneller handeln.

Kein anderes Unternehmen habe für die aktuellen Herausforderungen bessere Voraussetzungen, streut Zipse zu Beginn seines Briefs erstmal Rosen. Seit 28 Jahren kenne er BMW als "starkes Team, das immer zusammenhält". So manche Krise habe man schon gemeistert. Derzeit verdiene BMW nach wie vor gutes Geld und gewinne wichtige Vergleichstests. Einen großen, alten Widersacher macht der neue BMW-Chef aber auch in den ersten Absätzen aus: Den Konkurrenten Daimler, dem gegenüber man den Absatzvorsprung zuletzt ausgebaut habe. In den ersten sieben Monaten des Jahres, so erläutert die Pressestelle, liege die BMW-Group um 43.500 Fahrzeuge vor Daimler.

Auch im Markenvergleich habe BMW den Abstand "deutlich verkürzt", schreibt Zipse. Im direkten Vergleich der Automarken BMW und Mercedes-Benz liegen die Münchner per Ende Juli nun 46.000 Einheiten hinter ihren Stuttgarter Konkurrenten. In den ersten sieben Monaten des vergangenen Jahres betrug der Abstand noch 98.000 Fahrzeuge. "Das sollte uns motivieren", appelliert Zipse an den Wettbewerbsgeist seiner Mitarbeiter.

BMW "handelt noch nicht konsequent global"

Zugleich macht Zipse klar, dass sich BMW nicht primär an seinem Wettbewerber, sondern vor allem an seinen Kunden orientieren solle. Die müssen "begeistert und zufrieden" sein, fordert Zipse, sie seien schließlich der "Mittelpunkt unseres Handelns". An einer Grundsatzentscheidung seines Vorgängers hält Zipse aber dabei glasklar fest. Auch er preist die Strategie, mehrere Antriebarten auf einer Plattform realisieren zu können - vom Elektroantrieb bis zum CO2-armen Diesel. Mit den "flexiblen Architekturen sind wir dem Wettbewerb weit voraus", proklamiert der neue BMW-Chef.

Die Konkurrenz setzt aber schon früher auf andere Konzepte: Volkswagen etwa bringt Anfang 2020 den ID.3 zu den Händlern, das erste Elektroauto, dass auf einer reinen Elektroauto-Plattform des Konzerns basiert. Und auch Daimler will noch 2020 die ersten Modelle seiner Elektroauto-Familie EQ vorstellen, die auf einer dezidierten Elektroauto-Plattform stehen. Bei BMW wird es eine solche Plattform frühestens 2021 geben.

Eine Schwäche hat Zipse im Konzern aber bereits ausgemacht. Zwar sei BMW gut international aufgestellt, handle "aber noch nicht konsequent global". Und auf den eigenen Lorbeeren habe man sich zuletzt ausgeruht, lässt Zipse durchblicken. In der langen Wachstumsphase der vergangenen Jahre, so schreibt er, habe sich BMW "ein Stück weit an den Erfolg gewöhnt". Erfolg sei aber nicht selbstverständlich und müsse jeden Tag neu erarbeitet werden, warnt Zipse. Deshalb bewerte man die aktuelle Transformation immer wieder neu und frage sich, ob man zum richtigen Zeitpunkt das richtige tue.

Die Erkenntnisse aus diesen Bewertungen "setzen wir zügig in Entscheidungen um". Darauf komme es letztlich an, schreibt Zipse - und grenzt sich so indirekt von seinem Vorgänger Krüger ab, dem vor seinem Abgang zu langes Zögern bei Entscheidungen vorgeworfen wurde. Er und seine Vorstandskollegen werden "keine Zeit verlieren", markiert Zipse zum Abschluss nochmal den zupackenden Macher. "Wir beginnen sofort mit der Arbeit", schwört er. BMW wolle und werde "als Gewinner aus dem Umbruch unserer Branche hervorgehen", so Zipse.

In seinem Brief wahrt Zipse also durchaus eine Balance zwischen Motivierendem und Kritischem - deutet aber zwischen den Zeilen aber an, dass dem Unternehmen eine harte Prüfung bevorsteht. Ein klassischer CEO-Brandbrief, wie er in anderen Unternehmen in den letzten Monaten Usus war, ist Zipses Antrittsschreiben nicht. Dafür aber eine deutliche Warnung vor harten Zeiten. Im ersten Halbjahr haben sich die Gewinnmargen der Bayern halbiert.

Da dürfte es nur wenig trösten, dass die Situation beim Konkurrenten Daimler noch trister ist. Denn beim Volkswagen-Konzern ist die Rendite nach wie vor sehr hoch, trotz der aktuellen Probleme der Premiumtochter Audi. Auch die Juli-Zahlen der Wolfsburger fielen noch einigermaßen passabel aus: In China stieg der Fahrzeugabsatz sogar, insgesamt lieferte Konzern aber etwas weniger Fahrzeuge aus - weil die Verkäufe in Europa zuletzt etwas zurückgingen.

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