Dienstag, 28. Januar 2020

Auf Basis des Polo VW entwickelt Extra-Limousine für Indien - und sie wird weit unter 10.000 Euro kosten

VW-Werk im indischen Pune: Hier soll die neue Kompaktlimousine auf Basis des Polo gebaut werden
Thomas Reintjes
VW-Werk im indischen Pune: Hier soll die neue Kompaktlimousine auf Basis des Polo gebaut werden

In China verdient VW Milliarden, im Nachbarland Indien liegt der Konzern bei mageren 2 Prozent Marktanteil. Das wollen die Wolfsburger ändern und entwickeln deshalb eigens für Indien eine Kompaktlimousine. Doch das Geschäft mit der Mittelschicht hat Tücken - nicht nur für VW.

Hamburg - Manchmal reichen zwei einfache Zahlen, um den entscheidenden Unterschied zwischen zwei Nachbarländern zu beschreiben. 2,7 Millionen Fahrzeuge hat der Volkswagen-Konzern von Januar bis September in China ausgeliefert, um 15 Prozent mehr als noch im Vorjahr. In Indien waren es im selben Zeitraum gerade mal 50.000 Autos - ein Minus von 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dabei, das lässt sich dem aktuellen VW-Zwischenbericht entnehmen, hat der indische Pkw-Markt in diesem Jahr sogar leicht zugelegt.

Seit mehr als zwei Jahren kämpft VW in Indien mit sinkenden Marktanteilen. Das wollen die Wolfsburger in den kommenden Jahren ändern. VW entwickelt zur Zeit zwei eigene Modelle für den indischen Markt - eine Kompaktlimousine und darauf aufbauend auch einen kleinen Geländewagen. Das bestätigte Volkswagens Indien-Chef Michael Mayer gegenüber manager magazin online, nachdem die Financial Times über die Pläne berichtet hatte.

Beide Segmente wachsen in Indien stark, VW sei dort aber aktuell nicht vertreten, begründet Mayer die Entscheidung. Die Kompaktlimousine werde ein "exklusives Indien-Modell" sein, da dieses Segment so in anderen Schwellenländern nicht existiere. Indien gewährt für Fahrzeuge unter vier Metern Länge Steuervorteile, und indische Kunden haben laut Mayer eine ausgeprägte Vorliebe für Stufenheckfahrzeuge.

Beide Modelle, die in Indien entwickelt werden, sind unabhängig von der vom Volkswagen-Konzern geplanten neuen Billigmarke. Die Wolfsburger basteln schon länger an Modellen, die mit einem Einstiegspreis von 7500 Euro Dacias Logan Paroli bieten sollen. Vor einem halben Jahr hat der VW-Vorstand grünes Licht für das intern "Budget Car" genannte Projekt gegeben, wie manager magazin im April berichtete. Die Billigautos sollen unter einer eigenen Marke angeboten, um die höhere Positionierung der Volkswagen-Konzernmarken nicht zu gefährden.

Beinharter Preiskampf in den unteren Segmenten

Bei den für Indien geplanten Modellen bestehe "keinerlei Verbindung mit dem Budget Car", bekräftigte Mayer. Die Kompaktlimousine werde auf der vorhandenen Plattform des Polo und Vento aufbauen. Diese beiden Modelle produziert VW bereits in seinem Werk im indischen Pune. Bezahlt wird die Entwicklung der Limousine zu großen Teilen von der Mutter in Wolfsburg. Vor einem halben Jahr hat VW angekündigt, bis 2020 rund 180 Millionen Euro in Indien zu investieren. Die neue Kompaktlimousine ist ebenso Teil dieses Investitionspakets wie der Bau eines Motorenwerks, heißt es bei Volkswagen.

Mayer konnte allerdings noch keine Angaben dazu machen, wann das Fahrzeug auf den indischen Markt kommen wird. In indischen Medien gilt jedoch ein Start im Jahr 2016 als wahrscheinlich. Die nächsten beiden Jahre muss sich VW also noch mit seinen Volumenmodellen Polo und Vento versuchen, im Markt zu behaupten. Das wird nicht einfach, denn die größte Demokratie der Welt ist für viele große Autohersteller ein schwieriges Pflaster. VW hatte zuletzt einen Marktanteil von mageren 2 Prozent, im Jahr 2011 lagen die Marke aber schon mal bei 4 Prozent.

Analysten rechnen zwar damit, dass Indien in den nächsten zehn Jahren zum weltweit drittgrößten Automarkt aufsteigen wird. Doch der Weg dorthin verläuft eher ruppig. In den vergangenen zwei Jahren sind die Pkw-Absatzzahlen in Indien gesunken, auch in diesem Jahr es gerade für die großen internationalen Autokonzerne nicht einfach.

Zuletzt hat sich Indiens Wirtschaftswachstum verlangsamt. Ohnedies hat Indiens Mittelschicht für den Autokauf nicht allzu viel Geld zur Verfügung, und das Angebot an günstigen Modellen ist groß. Neuwagen von Suzuki-Maruti oder Tata, in denen zur Not auch eine Familie Platz findet, gibt es bereits ab rund 4000 Euro. Die Qualität solcher Autos ist weit von westlichen Standards entfernt. Deshalb können und wollen viele der großen Autokonzerne in diesem Ultrabillig-Segment nicht mitspielen.

Einstiegspreis wohl nur knapp über 6000 Euro

Sie kämpfen lieber ein bis zwei Klassen darüber um Kunden, die allerdings höchst kostenbewusst sind. Diese für sich zu gewinnen fällt nicht nur VW schwer, sondern auch seinen großen Konkurrenten General Motors und Toyota. Dabei bietet VW seinen vor Ort gefertigten Kleinwagen Polo für Wolfsburger Verhältnisse ziemlich günstig an: Der Startpreis in Indien liegt bei mageren 6000 Euro.

Günstiger wird es auch die neue Kompaktlimousine nicht geben. Denn ins indische Billigsegment drängt VW nicht. Die neue Limousine will Volkswagen zwischen dem Kleinwagen Polo und dem Golf-Ableger Vento positionieren. Kompromisse bei Qualität, Technologie und Sicherheit will er dabei nicht eingehen, denn Volkswagen sei in Indien die "Premiummarke im Volumensegment".

Laut Mayer liegt das Segment der Kompaktlimousinen preislich leicht über den Schrägheck-Kleinwagen à la Polo. Stufenheck-Karosserien drücken für indische Kunden Status aus - deshalb seien sie bereit, dafür etwas mehr zu bezahlen. Man kann also davon ausgehen, dass sich VWs neue Indien-Boliden etwas überhalb von 6000 Euro Einstiegspreis bewegen werden.

In Deutschland wäre das eine absolute Okkasion, doch auf dem indischen Automarkt gelten punkto Ausstattung doch etwas andere Gesetze. "Volkswagen ist in Indien der einzige Hersteller, der bereits in den Einstiegsvarianten Airbags für Fahrer und Beifahrer in Serie bietet", hebt etwa Mayer hervor. Hierzulande ist das seit Jahrzehnten Standard.

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