Daimlers Ärger mit der Taxibranche Warum Daimler sein Taxi-Geschäft aufs Spiel setzt

Daimler-Herrschaft am Taxistand: Doch der Autobauer gerät wegen seiner digitalen Unternehmungen in die Kritik

Daimler-Herrschaft am Taxistand: Doch der Autobauer gerät wegen seiner digitalen Unternehmungen in die Kritik

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Taxi = Daimler. Diese Gleichung galt über Jahrzehnte auf deutschen Straßen. Die deutschen Taxifahrer und den Stuttgarter Autobauer verband eine lange und enge Zusammenarbeit: Die Taxifahrer sorgten dafür, dass gepflegte, neue Daimler-Modelle für Millionen von Kunden als Taxi - gewissermaßen für stetige Testfahrten - zur Verfügung standen. Und sie waren treue Kunden.

Der Stuttgarter Autobauer revanchierte sich, indem er auf die Bedürfnisse der Taxifahrer einging. Zum Beispiel die Wagen mit extra strapazierfähigen Federungen und Türen ausstattete, attraktive Garantieprogramme oder Rabattangebote für die Taxi-Branche entwickelte. Und für sie besonders langlebige Batterien einbaute, die sicherstellten, dass die Fahrer beim Warten in der Taxi-Schlange trotz Funknutzung nicht ins Frieren gerieten.

So war das damals. Man schätzte sich, tauschte sich aus - und "wusste was man aneinander hatte", wie es ein Branchenkenner ausdrückt.

Entsprechend hoch war und ist bis heute die Zahl der Daimler, die auf deutschen Straßen als Taxen unterwegs sind. Von den rund 90.000 Taxis sind Schätzungen zufolge 50 bis 60 Prozent Daimler-Modelle - allen voran Mercedes E-Klassen.

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Doch seit einiger Zeit ist in der Beziehung zwischen Daimler und der Taxibranche einiges in Aufruhr geraten. Schuld daran ist Daimlers Engagement beim Taxi-App-Betreiber Mytaxi. Einer App, über die Kunden per Smartphone Taxen rufen und Fahrer sich Kunden vermitteln lassen können. Seit 2014 ist das Unternehmen zu 100 Prozent im Besitz der Stuttgarter, die mit der App Kunden für ihre Mobilitätangebote an sich binden wollen.

Daimler steht unter Zugzwang. Die Automobilwelt, wie sie jahrzehntelang Bestand hatte, wandelt sich rasend schnell. Der durchschnittliche Neuwagenkäufer in Deutschland ist mittlerweile 53 Jahre alt. Statt selbst Autos zu kaufen, wollen viele, vor allem junge Menschen in den Metropolen, diese nur noch punktuell nutzen. Allerortens wird an selbstfahrenden Wagen gebastelt, die - einmal auf den Straßen - den Fahrzeugbedarf massiv reduzieren dürften. Künftig, so Mobilitäts-Experten, könnten sich rein rechnerisch 15 Menschen ein Auto teilen.

Kein Wunder also, dass Daimler wie auch jeder andere Automobilkonzern schaut, wie er in der schönen neuen digital-autonomen Sharing-Welt überlebt und für Kunden relevant bleibt.

Neben Mietwagenangeboten wie Car2Go und die Mobilitätsplattform moovel setzt Daimler dabei ebenso auf Mytaxi."Es gibt Dinge, die man machen muss, um im Spiel zu bleiben", fasst ein Daimler-Manager die Entscheidung zusammen, in die digitale Taxivermittlung einzusteigen.

Für jede vermittelte Fahrt müssen Taxifahrer 7 Prozent ihres Umsatzes an Mytaxi abtreten. Deutlich weniger als Fahrer für den Fahrdienstvermittler Uber. Und zudem nach deutschem Gesetz legal.

Ein Auktionsmodell, mit dem Mytaxi vor einiger Zeit die Wartezeit für Kunden in traditionell schwachen Zeiten beschleunigen wollte, stampfte der App-Betreiber nach massiven Fahrerprotesten wieder ein.

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Doch auch wenn Daimler beteuert, sich - anders als Uber - als Partner der Fahrer und Taxiunternehmer zu sehen und bei Mytaxi ausschließlich mit Taxiunternehmern zusammenarbeitet, gibt es mittlerweile diverse Reibungspunkte mit den einstigen Verbündeten.

So liefert sich Daimler bereits seit längeremeine Justizschlacht mit verschiedenen Taxizentralen  sowie dem deutschen Deutsche Taxi- und Mietwagenverband (BZP). Der Grund: Um seine App populärer zu machen, startete Mytaxi in der Vergangenheit immer wieder Rabattaktionen, bei denen die Kunden nur die Hälfte des Fahrpreises zahlen mussten. Den Rest zahlte Mytaxi aus eigener Tasche.

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Aktionen, die der App massiven Zulauf brachten. Den die Taxizentralen aber als unlauteren Wettbewerb sehen, weil ihnen selbst per Gesetz solche Aktionen verwehrt sind. Und den sie sich in diesem Ausmaß schlicht nicht leisten können. Mytaxi, hinter dem der Milliardenkonzern Daimler steht, hingegen schon.

Hier werden die Kosten für die umfangreichen Rabattaktionen als Investition in die Zukunft gesehen. Schließlich, so die weitverbreitete Annahme in der digitalen neuen Welt, kann nur der Stärkste gewinnen.

In der vergangenen Wocheverbot nun ein Gericht in Frankfurt MyTaxi diese Rabattaktionen bundesweit . Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig - und in Juristenkreisen zudem hoch umstritten. Die Daimler-Tochter will dagegen jedenfalls wohl in Berufung gehen. Sollte Kläger Taxi Deutschland die gerichtlich bestimmte Sicherheitsleistung von 160.000 Euro wie geplant wie demnächst bezahlen, wären Mytaxi bis zu einem anderslautenden Urteil Rabattaktionen aber erst einmal verboten.

Die Schlacht um die besten Plätze

Und dies ist nicht der einzige Schauplatz, wo es zwischen Daimler und dem Taxigewerbe gerade heftig kracht. In Köln sorgt ein Streit um spezielle Taxi-Warteplätze vor dem Hauptbahnhof für zusätzlichen Ärger.

Die Plätze, die lange vom Kölner Marktführer Taxi Ruf genutzt worden waren, hat seit Anfang des Jahres nun die Daimler-Tochter Mytaxi von der Bahn angemietet. Ursprünglich sollten Mytaxi-Fahrer für 120 Euro eine Plakette kaufen, um dort Fahrgäste aufnehmen zu können.

Doch bislang ignoriert die Konkurrenz, die sich ausgebootet fühlt, die Abmachung und nutzt die Warteplätze trotzdem. Und Mytaxi verhandelt mit der Bahn, wie es weiter gehen soll.

Der Ärger bei den Taxi-Zentralen ist groß. Und auch viele Fahrer sind verärgert beziehungsweise verunsichert. Sie müssen sich an neue Regeln gewöhnen und stehen nicht selten zwischen den Fronten.

Bei einigen Unternehmen ist der Ärger mittlerweile sogar so groß, dass sie zum Boykott von Daimler-Fahrzeugen aufgerufen haben.Ein Thema, das vor allem in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert wird.

Während einige der oft genossenschaftlich organisierten Taxi-Zentralen entschlossen gegen die den neuen digitalen Wettbewerber kämpfen, haben andere sich mit dem neuen Mitspieler und den neuen Regeln bereits abgefunden.

Toyota holt auf

In Köln etwa hat vor etwas mehr als einem Jahr eine Konkurrenzvermittlung zum alteingesessenen Marktführer Taxi Ruf aufgemacht. Anders als viele Konkurrenten arbeitet Taxi17 mit Mytaxi zusammen. Die Wagen der Zentrale, die sich durch besondere Qualität und ausschließlich relativ neue Daimler-Fahrzeuge abheben will, lassen sich auch über Mytaxi rufen. Bei dieser Buchungsart geht Taxi17 allerdings leer aus - aktuell immerhin bei rund einem Drittel aller Fahrten.

Eine Alternative zur Zusammenarbeit mit Mytaxi sehe er dennoch nicht, erklärt Taxi17-Gründer Alexander Tritschkow manager-magazin.de. "Wir brauchen einfach den Umsatz." Und Mytaxi hat viel Geld, so der ehemalige Taxifahrer. "Das ist in der Branche einfach mal was Neues."

Dass Daimler wegen der Querelen und Boykottaufrufe künftig auf dem Taximarkt irrelevant werden wird, steht wohl nicht zu befürchten. "Bei aller Politik - letztlich bleibt die Entscheidung, welches Auto ein Unternehmer kauft, eine Geldfrage", ist der Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes BZP, Michael Müller, überzeugt.

Doch auch hier kommt es allmählich zu Verschiebungen. So konnte Toyota seinen Absatz in der Taxibranche nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr um 30 Prozent steigern. Damit bewegen sich die Japaner allerdings noch immer auf einem übersichtlichen Niveau mit einer, so das Unternehmen, "vierstelligen Zahl" von verkauften Taxi-Fahrzeugen im vergangenen Jahr.

Keine Zahl, die Daimler in enormen Schrecken versetzen dürfte. Das Gros seines Geschäftes macht der Konzern ohnehin schon lange nicht mehr hierzulande. Aber eine Entwicklung, die zeigt, wie schwer es für Konzerne die Gratwanderung zwischen traditionellem Geschäft und der neuen digitalen Welt ist - und in Zukunft noch werden wird.