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Sommer der Rache: Wie Tesla-Chef Elon Musk seine Kritiker vorführt

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Tesla Amerika träumt von einer neuen Industrie-Ikone

Elektroautobauer Tesla surft auf der Erfolgswelle. Mit dem Model S begeistert Konzernchef Elon Musk Kunden und Investoren: Schon ist Tesla wertvoller als die Chrysler-Mutter Fiat und wird wahlweise als neues Apple oder Ford gehandelt. Doch Musks große Versprechen könnten Tesla noch gefährlich werden.

Hamburg - Eine Meldung des Nachrichtenportals CNN Money hat bei Audi kürzlich mindestens einen Kragen platzen lassen. "Tesla verkauft mehr Autos als Daimler, BMW und Audi", hatte die Website Mitte Mai getitelt und die US-Absatzzahlen in der Oberklasse für das erste Quartal verglichen. Über die sozialen Medien verbreitete sich die Botschaft wie ein Lauffeuer - und provozierte eine eher unglückliche Reaktion der Ingolstädter.

"Nicht so schnell", schnaubten die Audi-Leute via Blogeintrag und wirkten reichlich überrumpelt. Dabei kritisierte Audi nur die Interpretation von CNN . Tesla  sei lediglich mit einem einzigen Modell am Markt, der Luxuslimousine Model S. Von der setzte Tesla zuletzt zwar mehr Wagen ab als Audi  mit dem A8, Mercedes mit der S-Klasse oder BMW  mit dem 7er. Über ihre gesamte Modellpalette verkauften die Deutschen jedoch weiterhin viel mehr Autos in Amerika als die Konkurrenz aus Kalifornien, betonte Audi.

Das ist zwar richtig, doch die Sache ging nach hinten los. Als "beleidigte Leberwurst" musste sich die Volkswagen-Tochter im Netz verulken lassen. Da wurde Audi die Sache offenbar peinlich: Der Blogeintrag verschwand kommentarlos von der Website des Unternehmens.

Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf den Aufruhr, den Tesla derzeit in den USA erzeugt. Ein paar Hundert Autos mehr als erwartet hat das Unternehmen im ersten Quartal verkauft (4900) und einen Gewinn von ganzen elf Millionen Dollar erzielt. Das genügte, um den Aktienkurs auf Höhenflug zu schicken. Das Unternehmen erreichte zwischenzeitlich eine Marktkapitalisierung von knapp 14 Milliarden Dollar, und auch der aktuelle Wert von gut 11 Milliarden reicht, um Chrysler-Mutter Fiat  auf die Plätze zu verweisen.

Wall Street Journal: "Silicon Valley hat neuen Steve Jobs gefunden"

Schon träumt Amerika von einer neuen Industrie-Ikone mit einem Superhelden an der Spitze - Elon Musk. "Das Silicon Valley hat wohl einen neuen Steve Jobs gefunden", urteilte zuletzt das Wall Street Journal, wenn auch mit süffisant-kritischem Unterton. Teslas Elektroautos seien aber durchaus in der Lage, die Automobilwirtschaft  nachhaltig durcheinander zu bringen.

So gilt das mit Lob überschüttete Model S  vielen Kommentatoren inzwischen als Wegbereiter für ein goldenes Zeitalter der Elektromobilität. Tesla weise manche Parallele zu General Motors im Jahr 1915 auf, schreibt Forbes . Das Unternehmen wirbelte den Markt damals mit dem V8-Motor auf, der Autofahren zu einem rasanten Erlebnis machte. Nun spiele Tesla die sportliche Überlegenheit des Elektroantriebs gegenüber dem Verbrennungsmotor voll aus und zerstöre das Image von spaßbefreiten Ökomobilen.

Tatsächlich weist das Auto mit beeindruckenden Fahreigenschaften auf, wie auch der dreitägige Test des Model S von manager magazin Online gezeigt hat. Der Wagen wartet mit unwirklichem Drehmoment auf und hängt schon mal einen BMW M5 ganz lautlos ab . Und für weniger Geld bekommen Autofahrer bessere Beschleunigungswerte als bei einem Porsche Panamera.

Musk feuert Breitseiten gegen GM, Chrysler und Ford

Firmenchef Elon Musk surft derweil hemmungslos auf der Welle des Erfolgs. Genüsslich hat er in den vergangenen Wochen seine Kritiker vorgeführt, während ihm die Fans an den Lippen hängen. "Die Firma lebt bereits von ihrem eigenen Mythos", sagte Autoexperte Tom Turrentine von der University of California.

Mit zahlreichen spektakulären Aktionen und Ankündigungen will Musk den Beweis führen, dass seine Elektroautos mindestens genauso so gut sind wie Verbrenner und sein Unternehmen bessere Aussichten hat als die traditionellen Autobauer:

• Für das laufende Jahr erwartet Musk nicht nur einen Reingewinn für sein Unternehmen, sondern zudem eine Bruttomarge von 25 Prozent - das ist das Niveau von Porsche , wie Musk betonte und weit mehr als Daimler  oder BMW erreichen

• Als der Aktienkurs nach der Gewinn-Prognose in die Höhe rauschte, räumte Musk rasch eine gute Milliarde Dollar am Kapitalmarkt ein. Etwa 100 Millionen Dollar steckte er selbst in die Firma, an der er etwa zu einem Viertel beteiligt ist

• Mit einem Teil des Geldes zahlte er unter anderem einen 465-Millionen-Staatskredit neun Jahre vor Fälligkeit zurück. Gehässige Kommentatoren aus dem rechten Lager können nun nicht mehr darauf verweisen, dass Tesla am Tropf des Staates hänge

• Im Überschwang des Erfolges feuerte Musk noch eine Breitseite gegen die Big Three in Detroit ab: Tesla sei nun der einzige US-Hersteller, der dem Staat nach der großen Autokrise von 2008/9 kein Geld mehr schulde. Aus Michigan kam nur eine schwache Protestnote von Chrysler zurück, von Ford  und General Motors  war nichts zu hören. In den US-Medien setzte sich die Auffassung durch, das Musk im Recht sei

• Kurz darauf kündigte Musk den rasanten Ausbau des Schnelllade-Netzes an . Schon zum Jahresende soll eine Fahrt von Los Angeles bis New York im Elektroauto ohne Komforteinbußen möglich sein. Für drei Stunden Weiterfahrt müsse der Fahrer nur 20 Minuten laden. Den Strom gibt es kostenlos. Insgesamt sind Hunderte der solarbetriebenen Schnellladestationen geplant. Das Wall Street Journal erklärte seinen Lesern bereits, warum Tesla nicht nur das neue Ford, sondern auch das neue Chevron werden könnte , wenn es sein Stromtankstellennetz gegen Gebühr für die Konkurrenz öffnet

• Schon orakeln Beobachter, was Musk in seiner nächsten Mitteilung am 20. Juni zu bieten hat. Am heißesten handeln sie das Thema Batteriewechsel-Stationen, zumal Musk auf der Hauptversammlung gerade erst von einer Methode gesprochen hat, mit der Elektroautos schneller tanken könnten als Benziner

Werden Musks Versprechungen für Tesla zum Verhängnis?

Damit hätte sich die Debatte über Elektroautos in den USA dann wohl endgültig gedreht. Wie in Deutschland dienten batteriegetriebene Fahrzeuge in den USA lange eher als Zielscheibe für Spott und politische Aggressionen.

Zu teuer, eine zu geringe Reichweite und irgendwie unamerikanisch - die Liste der vermeintlichen Nachteile war so lang, dass bis vor wenigen Wochen kaum jemand an den Durchbruch dieser vom Staat geförderten Technologie glaubte. Als "Loser" hatte gar Präsidentschaftskandidat Mitt Romney Tesla im Wahlkampf bezeichnet.

"Tesla hat dem Thema Elektroautos eine völlig neue Richtung gegeben", befindet Autoexperte Turrentine. Und das setzt die Konkurrenz unter Zugzwang. "Wenn sich Elektro-Luxusautos in den USA etablieren, müssen BMW, Mercedes oder Lexus nachziehen", sagt US-Autoexperte Tom Libby vom Automarkt-Datenspezialisten Polk.

Etablierte Hersteller müssen etwas tun

Eine wachsende Zahl von Fachleuten geht davon aus, dass etablierte Hersteller wieder Schwung in ihre Elektroauto- und Plug-in-Hybrid-Planungen bringen. Porsche hat bereits recht unvermittelt einen Panamera mit Kabelanschluss an den Start gebracht. Blinden Aktionismus erwartet allerdings keiner. Dafür ist die Autoindustrie zu träge und konservativ.

Freie Bahn also für Elon Musk? Ein ebenbürtiges Konkurrenzmodell für das Model S ist auf Jahre nicht in Sicht. Stattdessen hat Musk bereits einen SUV (Model X Ende 2014) und ein kleineres Fahrzeug für den Massenmarkt angekündigt. Das soll in drei bis fünf Jahren kommen.

Und doch sind die Risiken für das Unternehmen weiterhin gewaltig. Ein Massenrückruf beim Model S würde enorm schmerzen - noch ist es das einzige Modell des Herstellers. Auch die generöse Batteriegarantie (acht Jahre) könnte sich als Bumerang erweisen, falls es Probleme mit dem Akku gibt.

Ähnlich verhält es sich mit dem garantierten, hohen Rückkaufwert für finanzierte Fahrzeuge. Bringen Tesla oder die Konkurrenz bessere Autos auf den Markt, droht ein Minusgeschäft. Und was passiert, wenn die kostenlose Stromabgabe gigantische Staus zur Rush-hour an den Schnellladern provoziert?

Gefährlich sind somit gerade Musks vollmundigen Versprechungen, die er derzeit im Überschwang des Erfolges abgibt. Doch das Vertrauen in den 41-Jährigen scheint grenzenlos. Bisher hat er seine Zusagen ja auch fast immer gehalten.

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