Sonntag, 25. August 2019

Miniauto-Boom Die tollkühnen Chinesen in ihren elektrischen Kisten

Fünf PS, vier Sitzplätze: Mit diesen "Autos" starten die Chinesen durch
DPA

Mit aller Macht will China den Elektroautos zum Durchbruch verhelfen. Doch während sich die Autokonzerne damit quälen, entwickelt sich still und heimlich ein riesiger Markt für Mini-Batteriefahrzeuge. Die Technik ist leicht zu beherrschen, Hersteller sprießen wie Pilze aus dem Boden.

Hamburg - In China hat die Regierung mal wieder das Zeitalter des Elektroautos ausgerufen. Angesichts heftiger Probleme mit Smog und Klimaveränderung sollen schon bald Millionen Stromer durch die Straßen der Volksrepublik fahren. Es gibt zahlreiche Anreize wie eine Mehrwertsteuerbefreiung, die den Batteriefahrzeugen endlich zum Durchbruch verhelfen sollen.

Obwohl die Verkaufszahlen dank neuer Modelle tatsächlich anziehen, ist das Land immer noch weit davon entfernt, seine Ziele zu erreichen. Bisher sind lediglich einheimische Hersteller und der US-Produzent Tesla mit Modellen in nennenswerter Stückzahl am Markt. Die deutschen Autobauer greifen erst in den nächsten Monaten ins Geschehen ein.

Doch während sich die große Autowelt mit der E-Revolution weiter quält, herrscht in den Ligen darunter Aufbruchstimmung. Seit einigen Jahren boomen kleine Elektroautos, die zwei bis vier Personen auf engstem Raum transportieren und bis zu 60 Stundenkilometer schnell fahren.

Die Herstellung ist extrem günstig

Etwa 200.000 dieser Vehikel wurden 2013 in China hergestellt, berichtet der ehemalige Manager des US-Elektroautoherstellers Fisker, Charlie Paglee, auf dem US-Portal "Autoblog". Inzwischen kämpften Hunderte Hersteller um Kunden in dem wachsenden Markt.

Die Gründe für den Aufschwung der Winzlinge sind vielfältig. Vor allem ist die Herstellung derart günstig, dass die Wagen zu einem Preis ab 2000 Dollar zu haben sind. Die Karosseriefertigung für ein Modell lasse sich für eine Million Dollar errichten. Beim Bau kombinieren die Hersteller mitunter Designprozesse aus den 1930er-Jahren mit Laserrobotern, die das Metall zuschneiden.

Vor allem in den ländlichen Gebieten sprießen die Hersteller wie Pilze aus dem Boden. Wer das Startkapital zusammenbekommt und über das nötige Know-how verfügt, legt los.

Um die Industrie hat sich inzwischen eine ganze Zulieferindustrie etabliert. Sie trägt dazu bei, dass der Komfort der Zwergwagen stetig wächst. Heizung und Klimaanlage sind dem Bericht zufolge keine Seltenheit mehr.

Etablierten Herstellern ist die Entwicklung ein Dorn im Auge

Technisch können die Wagen mit modernen, großen Elektroautos kaum mithalten. Fast alle haben Blei-Säure-Batterien. Die sind zwar billig, aber vergleichsweise umweltschädlich. Immerhin kommen die Autos mit ihren 5-PS-Motoren bis zu 150 Kilometer weit.

Die etablierten Hersteller sehen den Vormarsch der Wägelchen mit gemischten Gefühlen. Die Industrie ist weitgehend unreguliert, Sicherheitsbestimmungen fehlen.

Immer wieder üben die Konzerne Druck auf die Regierung auf, das wilde Wachstum einzudämmen. Doch Peking ist offenbar nicht ganz unglücklich mit der Entwicklung. Sie schafft Arbeitsplätze, Bewegungsfreiheit für die Landbevölkerung - und die kleinen Autos verpesten nicht die Luft.

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