Ex-Opel-Chef Michael Lohscheller rutscht bei Nikola auf den Chefsessel

Nach nur wenigen Monaten beim E-Lkw-Hersteller Nikola steigt Michael Lohscheller zum CEO auf. Beim skandalumwobenen Start-up regiert damit künftig eine ehemalige Opel-Connection.
Neuer Chef-Trucker: Ex-Opel-Chef Michael Lohscheller steigt bei Nikola nach wenigen Monaten zum CEO auf

Neuer Chef-Trucker: Ex-Opel-Chef Michael Lohscheller steigt bei Nikola nach wenigen Monaten zum CEO auf

Aufstieg für Michael Lohscheller (54). Der deutsche Automobilmanager wird zum 1. Januar 2023 neuer CEO des Truck-Start-ups Nikola. Wie das US-Unternehmen am Mittwoch bekannt gab, verabschiedet sich der derzeitige Chef Mark Russell (58) dann in den Ruhestand. Lohscheller, der im Februar als Leiter der Motorensparte zu Nikola stieß, werde schon jetzt Teil des Board of Directors, hieß es weiter. Russell bleibe auch nach seinem operativen Ausscheiden Mitglied des Verwaltungsrats.

Die Geschicke Nikolas leiten damit in Zukunft vor allem zwei ehemalige Opel-Chefs. Dem Nikola-Aufsichtsrat sitzt Stephen Girsky (60) vor. 2012 hatte der langjährige General-Motors-Manager nach dem Rücktritt von Karl-Friedrich Stracke (66) als Interim-Chef für wenige Tage im Juli das Sagen in Rüsselsheim übernommen. Michael Lohscheller schlüpfte zwischen Juni 2017 und September 2021 in jene Rolle. Es folgte ein kurzes Intermezzo beim vietnamesischen Autobauer Vinfast, ehe der ehemalige Volkswagen-Mann bei Nikola anheuerte.

Lohscheller zeigte sich in einer Reaktion auf seine Berufung zum Nikola-Chef "geehrt". Nikola habe ein "robustes Geschäftsmodell", sei "gut positioniert, um die vor uns liegenden Wachstumschancen zu nutzen und unsere strategischen Initiativen zu beschleunigen". Aufsichtsratschef Girsky lobte den Deutschen unter anderem für "ein erhöhtes Maß an Dringlichkeit" und eine "beschleunigte Entscheidungsfindung" im letzten halben Jahr. Beispielsweise habe Lohscheller "großen Einfluss" auf den Start der Serienproduktion des batterieelektrischen Lkw "Nikola Tre BEV" gehabt.

Diese begann allerdings schon im März, unmittelbar nach Lohschellers Ankunft. Seitdem baut das Unternehmen den E-Truck, der mit einer Batterieladung bis zu 560 Kilometer weit kommen soll, in homöopathischen Dosen. Im zweiten Quartal liefen 50 Einheiten im Werk in Coolidge (Arizona) vom Band, 48 lieferte Nikola aus. Die überschaubaren Zahlen erklärte Nikola unter anderem mit Problemen beim Batterie-Zulieferer Romeo Power. Vor wenigen Tagen gab Nikola dann die Übernahme jenes Lieferanten bekannt.

Bis Ende des Jahres hat sich das Start-up eine Gesamtproduktion von 300 bis 500 Fahrzeugen vorgenommen. Perspektivisch will Nikola auch einen Brennstoffzellen-Truck, den "Tre FCEV" mit bis zu 800 Kilometer Reichweite anbieten.

Nikola ist von Skandalen gebeutelt

Unerwähnt ließ Girsky in seiner Eloge auf Lohscheller, dass dieser auch weiter daran wird arbeiten müssen, Vertrauen in Nikola zurückzugewinnen. Das Unternehmen war 2015 gestartet, schnell entstand ein Hype um die Firma, deren Name eine Anspielung auf Nikola Tesla ist. Die Versprechen des Gründers Trevor Milton (40), erfolgreich elektrische Lkw bauen zu können, verfingen zunächst. Nach dem Spac-Börsengang im Juni 2020 war Nikola zwischenzeitlich 35 Milliarden Dollar wert.

Es folgte ein sagenhafter Absturz. Auslöser war ein Report des Hedgefinds Hindenburg Research, der Nikola Lügen und Betrug vorwarf. Der Hersteller habe Interessenten getäuscht, statt funktionierender Prototypen teils nur Attrappen vorgeführt. In einem Video präsentierte Nikola 2017 einen vermeintlich fahrenden E-Lkw. Später stellte sich heraus, dass dieser keinen eigenen Antrieb hatte und nur bergab rollte. Erklärungsversuche des Herstellers konnten die Lage nicht beruhigen. Beispielsweise erklärte Nikola, man habe nie behauptet, der in dem Video gezeigte Truck fahre aus eigener Kraft.

Am 21. September 2020 trat Milton als Nikola-Chef zurück. Seit Sommer 2021 läuft gegen ihn wegen möglichen Betrugs ein Strafverfahren. Nikola wiederum einigte sich Ende 2021 mit der US-Börsenaufsicht SEC auf eine Strafzahlung von 125 Millionen Dollar.

Keine Gewinne, Aktie am Boden

Die Nikola-Aktie  hat sich von dem Skandal bislang nicht erholt, seit dem Start hat das Papier fast 90 Prozent an Wert verloren. Derzeit ist Nikola an der Börse noch knapp drei Milliarden Dollar wert. Gewinne hat das Unternehmen in seiner noch jungen Geschichte bislang nicht einfahren können, allein im zweiten Quartal 2022 verbrannte Nikola knapp 173 Millionen Dollar.

Michael Lohscheller soll nun den Turnaround hinbekommen. Mit schlechten Zahlen kennt er sich aus, übernahm er Opel 2017 doch in prekärer Lage. In Rüsselsheim erarbeitete er sich einen Ruf als Sanierer, warf 2021 aber entnervt von seiner immer kleineren Rolle unter dem neuen Eigentümer PSA - später Stellantis - hin. Bei Nikola hat er nun wieder vollen Durchgriff – jetzt muss Lohscheller zeigen, dass er nicht nur sanieren, sondern einen Hersteller auch erstmals überhaupt in die Erfolgsspur führen kann.

sey
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