Automatisiertes Fahren Mercedes startet mit "Drive Pilot" die Alternative zu Teslas "Autopilot"

Während der Autofahrt E-Mails bearbeiten? Mit dem Assistenzsystem "Drive Pilot" von Mercedes ist das möglich - und unter Bedingungen auch erlaubt. Mercedes positioniert das System als Alternative zu Teslas "Autopilot", versieht es aber noch bewusst mit Einschränkungen.
Surfen oder spielen statt schauen: Mercedes hat in Deutschland als erster Autohersteller eine Zulassung für den Betrieb eines Systems bekommen, bei dem der Fahrer in bestimmten Situationen die Kontrolle abgeben und zum im Internet surfen darf

Surfen oder spielen statt schauen: Mercedes hat in Deutschland als erster Autohersteller eine Zulassung für den Betrieb eines Systems bekommen, bei dem der Fahrer in bestimmten Situationen die Kontrolle abgeben und zum im Internet surfen darf

Foto: Deniz Calagan / Mercedes-Benz / Daimler

Mercedes startet in Deutschland als erster Hersteller den Verkauf eines Systems zum hochautomatisierten Fahren, das komplett die Kontrolle im stockenden Verkehr auf der Autobahn übernehmen kann. Für die S-Klasse kostet es 5000 Euro plus Mehrwertsteuer, teilte der Konzern am Freitag mit. Beim Elektromodell EQS werden gut 7400 Euro vor Mehrwertsteuer fällig, weil noch ein Fahrassistenzpaket dazugebucht werden muss.

Bisher werden in den Autos Fahrassistenzsysteme eingesetzt, die dem Fahrer zwar verschiedene Aufgaben wie das Halten der Spur oder des Abstands abnehmen können. Der Mensch bleibt dabei aber in der Verantwortung und muss die Hände am Steuer lassen. Das gilt zum Beispiel für Teslas Assistenzsystem "Autopilot". Dieses System hat allerdings zuletzt massive Kritik in Deutschland einstecken müssen . Gerichtsgutachter stellten eklatante Mängel in Teslas Fahrassistenten feste

Mercedes bekam in Deutschland als erster Autohersteller eine Zulassung für den Betrieb eines Systems, bei dem der Fahrer in bestimmten Situationen die Kontrolle abgeben und zum Beispiel fernsehen darf. Er muss allerdings jederzeit bereit sein, wieder die Steuerung zu übernehmen.

Steuert der "Drive Pilot", ist Mercedes verantwortlich

Der Einsatz des Systems mit dem Namen "Drive Pilot" ist mit rechtlichen Vorgaben auf sehr konkrete Situationen beschränkt. So funktioniert es nur auf Autobahnen, bei Geschwindigkeiten bis zu 60 Kilometern pro Stunde und nur solange der Abstand zum davor fahrenden Fahrzeug nicht zu groß wird. Erkennt das System, dass die Voraussetzungen da sind, lässt es sich vom Fahrer aktivieren. Während Drive Pilot das Auto steuert, liegt die Verantwortung bei Mercedes. Wenn das System den Fahrer auffordert, wieder die Kontrolle zu übernehmen, hat er bis zu zehn Sekunden Zeit dafür.

Die Versicherungswirtschaft, die im Zweifelsfall Unfallschäden regulieren muss, begleitet den Start des Systems mit großer Aufmerksamkeit. Der "Drive Pilot" erfülle die Anforderungen an ein sogenanntes Level-3-System, stellt der Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV) am Freitag fest. Der Fahrer könne sich vom Verkehr abwenden, müsse aber in der Lage sein, die Steuerung des Autos und damit die Verantwortung für das Fahren wieder zu übernehmen, heißt es beim Interessenverband der Versicherer.

"Im Sinne der Verkehrssicherheit begrüßen wir, dass das erste hochautomatisierte Fahrsystem zunächst nur in einem begrenzten Geschwindigkeitsbereich und auf Autobahnen zum Einsatz kommt – also in Verkehrssituationen ohne Gegen- und Querverkehr, ohne Fußgänger und ohne Radfahrer", sagt die stellvertretende GDV-Hauptgeschäftsführerin Anja Käfer-Rohrbach.

Einschränkungen im Baustellenbereich

Und in der Tat ist Nutzung des Systems von Mercedes mit weiteren Einschränkungen verbunden: In Baustellen dürfte "Drive Pilot" zwar fahren. Mercedes verzichtet aber angesichts der zusätzlichen Komplexität zunächst darauf. Gemäß den rechtlichen Vorgaben muss ein Auto im automatischen Betrieb in seiner Spur bleiben. Wenn also etwa ein Spurwechsel an einem Autobahnkreuz notwendig wird, muss der Wagen dafür die Kontrolle dem Fahrer übergeben.

Der zuständige Mercedes-Vizepräsident Georges Massing geht davon aus, dass der rechtliche Spielraum ausgeweitet wird, wenn sich die Systeme im Alltag bewähren und Vertrauen schaffen: "Da wird aus dem Markt und aus allen Ecken Druck auf das System kommen, sodass man mehr Freiheit kriegt."

"Die Regelung ist natürlich kein Freibrief für Automobilhersteller oder Zulieferer"

GDV-Vize Anja Käfer-Rohrbach

Der GDV bekräftigt, dass der Grad der Automatisierung nicht am Versicherungsschutz ändere. Die Versicherer werde auch bei einem Unfall mit einem automatisiert fahrenden Fahrzeug das Unfallopfer entschädigen. Die Regelung sei aber "natürlich kein Freibrief für Automobilhersteller oder Zulieferer", stellt GDV-Vize Käfer-Rohrbach klar. "Wer auch immer mangelhafte Systeme auf den Markt bringt, muss sich im Rahmen geltender Gesetze verantworten. Die Kfz-Versicherer werden entsprechende Produkthaftungsansprüche prüfen und durchsetzen."

rei mit dpa-afx