Produktionsziel erneut gesenkt Lucid bekommt „das beste Auto der Welt“ weiter kaum auf die Straße

Für sein Luxus-Elektroauto Air bekommt Lucid Motors hervorragende Kritiken. Doch die Amerikaner bekommen ihr Fahrzeug kaum auf die Straße. Nun mussten sie bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Produktionsziele einkassieren.
Posieren statt produzieren: Lucid-Chef Peter Rawlinson bekommt die Fertigung des Modells Air nicht ins Rollen

Posieren statt produzieren: Lucid-Chef Peter Rawlinson bekommt die Fertigung des Modells Air nicht ins Rollen

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ANDREW KELLY / REUTERS

"Wir haben das beste Auto der Welt. Jetzt müssen wir die Produktion in Gang bringen." Als Peter Rawlinson im Mai den ersten Lucid-Store Europas in München eröffnete, war er noch optimistisch, nicht vollends in der "Produktionshölle" zu landen. Nach der Vorlage der Halbjahreszahlen des Elektroautoherstellers ist klar: Lucid Motors steckt tiefer drin denn je.

Im Frühjahr hatte Rawlinson das Produktionsziel für sein Modell Air in diesem Jahr bereits von 20.000 auf 12.000 bis 14.000 Einheiten nach unten korrigiert. Nun folgte die nächste Hiobsbotschaft: das Start-up traut sich nurmehr 6000 bis 7000 Autos im Gesamtjahr 2022 zu. Im ersten Halbjahr liefen gerade einmal 1405 Modelle vom Band. Auch die Zahl der Auslieferungen bleibt mehr als überschaubar: Im zweiten Quartal waren es 679.

Rawlinson erklärte, seine Pläne wegen "außergewöhnlicher Herausforderungen in der Lieferkette und Logistik" revidieren zu müssen. Die "wichtigsten Engpässe" habe man nun identifiziert und nehme entsprechende Anpassungen in der Organisation vor. Beispielsweise erhofft sich der Autobauer Fortschritte, indem er sein Logistikzentrum nun direkt am bislang einzigen Werk in Arizona ansiedelt.

Auch seine Umsatzziele verfehlte Lucid klar: Statt der erwarteten 147 Millionen Dollar nahm der Hersteller nur gut 97 Millionen Dollar ein. Der Verlust betrug 414 Millionen Dollar. Die Börse strafte Lucid unmittelbar nach Bekanntgabe der Zahlen ab, die Aktie  fiel zwischenzeitlich um 13 Prozent. Im laufenden Jahr ist der Lucid-Kurs bis dato um rund 55 Prozent gesunken.

37.000 Bestellungen liegen vor

Rawlinsons Versuche, auch vermeintlich positive Aspekte in der Bilanz hervorzuheben, verpufften. Mehr als 37.000 Bestellungen für den Air im Wert von 3,5 Milliarden Dollar liegen Lucid vor. Solange das im kalifornischen Newark beheimatete Unternehmen die Produktion aber nicht hochgefahren bekommt, bleibt das ein theoretisches Umsatzpotenzial.

Geldnot herrscht bei Lucid Motors nicht, die Finanzierung sei aktuell bis "weit ins Jahr 2023" gesichert, versprach Finanzchefin Sherry House. Derzeit verfüge man über Cash-Reserven in Höhe von 4,6 Milliarden Dollar. Zudem hat Lucid äußerst potente Geldgeber. Der Public Investment Fund von Saudi-Arabien hält gut 60 Prozent am Unternehmen.

CEO Rawlinson will mit Lucid vor allem Premium- und Luxushersteller angreifen. Als Hauptgegner für den Lucid Air hat er unter anderem den Mercedes EQS auserkoren. In Testberichten kommt das Modell der Amerikaner regelmäßig gut weg, hohe Reichweiten und irre Beschleunigungswerte beeindrucken viele in der Szene. Doch das hat auch seinen Preis: In Deutschland nimmt Lucid bislang nur Bestellungen für die "Dream Edition" seines einzigen Fahrzeugs an. Kostenpunkt: 218.000 Euro.

Neben dem bislang wenig produktiven Werk in Arizona will Ex-Tesla-Topingenieur Rawlinson auch eines in Saudi-Arabien errichten. Wann es damit losgeht, ist nicht bekannt. 2026 sollen dem Chef zufolge im ersten Automobilwerk des Landes aber bereits 150.000 Autos gebaut werden. 2030 will Rawlinson dann eine Million Einheiten im Jahr fertigen. Die Träume sind groß, die Schwierigkeiten sind es auch. Selbst wähnt sich der Waliser Rawlinson offenbar immer noch nicht in der "Produktionshölle", die sein Ex-Chef Elon Musk einst als Begriff etablierte: "Ich bin weiterhin zuversichtlich, dass wir diese kurzfristigen Herausforderungen meistern werden."

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